„Pils braucht einen echten Imagewechsel“

Welche Konflikte gibt es, wenn Berliner Crafter ein Pils mit einem 230-jährigen Traditionsbetrieb gemeinsam brauen, der keine Erfahrung mit US-Hopfen und Kaltstopfung hat? Stefan Schröer von den „Superfreunden“ und Hubert Wagner vom fränkischen Wagner Bräu verraten, warum es bei den ersten Sud-Versuchen zu ernsthaften Komplikationen kam und wo der Unterschied zwischen Craft-Pils und Traditionspils liegt.

Interview im Sudhaus beim Wagner Bräu in Kemmern (v.l.: Hubert Wagner, Stefan Schröer, ich, Tobias Wagner und Marco Sgarra)

Es ist eher ungewöhnlich, dass eine fränkische Traditionsbrauerei ein modernes Pils mit Berliner/Hamburger Kreativ-Brauern produziert. Wie kam es überhaupt dazu?

Stefan Schröer: Der Kontakt kommt über das Brauhaus Binkert, bei dem wir ein paar unsere anderen Biere brauen. Es ist nur wenige Kilometer vom Wagner Bräu entfernt. Aber Hubert und sein Team gelten hier in der Region als echte Pils-Spezialisten.

Hubert Wagner: Es war schon echt ein cooles Gefühl, als die Superfreunde uns angefragt haben, ob wir ein Pils zusammen brauen wollen. Ich war da sofort Feuer und Flamme, auch wenn wir im Nachhinein ganz schön viel Lehrgeld bezahlen mussten.

Warum, was lief schief?

Hubert Wagner: Die Berliner wollten ein Pils mit ziemlich viel Hopfen, und der musste auch noch aus den USA kommen. Mit solchen speziellen Sorten habe ich zuvor noch nie gearbeitet. Auch das Stopfen war eine echte Herausforderung, da wir das mit unseren Bieren bisher noch nicht gemacht hatten. Bei den ersten Suden sind uns fast alle Leitungen bei der großen Menge an Hopfen verstopft, sodass wir einige Pumpen ausbauen und reinigen mussten. Nachdem wir aber viel rumprobiert hatten, lief irgendwann alles perfekt.  

Die Superfreunde sind keine gelernten Brauer, aber haben sich in der Craft-Szene bereits einen guten Namen gemacht, während das Team vom Wagner Bräu das traditionelle Handwerk beherrscht. Wer lernt hier eigentlich von wem?

Stefan Schröer: Wir setzen auf Transparenz und stehen auch dazu, dass wir keine ausgebildeten Brauer sind. Umso mehr schätzen wir es, dass wir mit echten Profis unser Pils entwickeln und produzieren können. Wir lernen gerne viel dazu und freuen uns auf jeden neuen Sud.

Hubert Wagner: Ich lerne von Stefan und Marco einiges über modernes Bier-Marketing. Es ist faszinierend, was die beiden da bewegen – auch bei Logistik und Vertrieb. Ich bin klassischer Bierbrauer und bewege mich immer nur zwischen Brauerei oder Gaststätte. Die beiden sind richtig gute und kreative Verkäufer. Wir dagegen haben unsere langjährigen Stammkunden, die zu uns kommen und sich ihre Kiste Bier häufig noch selbst abholen.

Stefan Schröer: Dieses regionale Kerngeschäft haben wir als Gypsy-Brauer dagegen nicht. Wir mussten von Anfang an auf breite Masse gehen und über die Kirchturmgrenzen hinaus verkaufen.  Das ist ein ganz anderes Business als bei Hubert.

Stefan, warum braut ihr ausgerechnet Pils? Das ist zwar das meistgetrunkene Bier in Deutschland, steht aber wegen seinem Einheitsgeschmack in der Kritik und gilt bei manchen Bier-Geeks sogar als Anti-Craft-Trunk.

Stefan Schröer: Wir als Superfreunde haben uns auf die Fahnen geschrieben, traditionelle deutsche Bierstile neu zu interpretieren und bringen nur Sorten auf den Markt, die uns selbst schmecken. Für uns war schon immer klar, dass irgendwann ein Pils auf der Agenda steht.

Solch klassische Bierstile verzeihen keine Fehler. Ist ein sauberes Pils im Portfolio auch für euch als Craft-Brauer ein Aushängeschild, um zu beweisen, dass ihr es draufhabt?

Stefan Schröer: Ich würde nie behaupten, dass wir es draufhaben, sonst würden wir uns mit fremden Lorbeeren schmücken. Gerade bei solchen Bieren, die keine Fehler verzeihen, schmeckt man schnell, wie viel Expertise dahintersteckt. Und genau deswegen sind wir hier bei Hubert.

Hubert Wagner: Und für uns ist es super, dass wir im Umfeld der Kreativ-Bier-Szene erwähnt werden und als Brauerei mit auf dem Etikett stehen. Das ist ein hoher Lohn für einen Regionalbrauer.

Aber wo seht ihr eigentlich den Unterschied zwischen Traditionspils und Craft-Pils? Das Handwerk ist doch prinzipiell bei beiden gleich. Geht es dabei also nur um den Hopfen?

Hubert Wagner: Ja, der große Unterschied ist tatsächlich der Hopfen und das Hopfenstopfen. In unserem fränkischen Pils, das irgendwo zwischen bayerischem Hellen und norddeutschen Pils liegt, setzen wir den Hopfen nur in der Vorderwürze ein. Das Verfahren hat schon mein Großvater so angewandt und überliefert. Bei den eingesetzten Hopfensorten handelt es sich also überwiegend um klassische Vertreter wie Spalter Select, Saphir und Tradition.

Stefan Schröer: In unserem Pils stecken dafür die amerikanischen Sorten Amarillo und Mosaic. Dennoch präsentiert sich unserer Pils mit urtypischen Pils-Charakter. Wir kombinieren also Tradition mit Moderne. Bei einem Craft-Pils ist die Preisstruktur allerdings ganz anders. Wir haben keine eigene Brauerei, sondern mieten uns beim Wagner Bräu, Brauhaus Binkert und dem CraftZentrum in Berlin ein. Deswegen haben wir viel höhere Braukosten, als jemand mit seiner eigenen Anlage. Auch die Logistik ist ein großer Kostenpunkt, die eine regionale Brauerei wie Wagner Bräu nur geringfügig hat, da viele Hektoliter direkt vom Hof weg verkauft werden und nicht deutschlandweit in die Läden müssen.

Viele Craft-Brauer hauchen gerade traditionellen Bierstilen wieder neues Leben ein. Braucht Pils einen Imagewechsel, um dem sinkenden Bierkonsum in Deutschland gegenzusteuern?

Hubert Wagner: Unbedingt! Da sich die großen Bierkonzerne irgendwann nur noch am Allerweltsgeschmack orientierten, ging die Wertschätzung vom Bier ziemlich stark zurück. Bier war plötzlich nur noch ein Industrieprodukt und die Verbraucher hier in der Region fingen an, nur noch auf den Preis zu schauen. Das wandelt sich gerade. Die Leute legen inzwischen wieder mehr Wert auf Regionalität und Qualität.

Dank der Craft-Bierbewegung, die bewirkte, dass die Leute sich wieder für Bier interessieren?

Hubert Wagner: Mit Sicherheit! Die Craft-Bierbewegung hat den Brauereien in der Region einen enormen Aufschwung beschert. Noch vor ein paar Jahren, haben die Betriebe hier meist nur gegeneinander gewirtschaftet, weil jeder Mitbewerber ums Überleben kämpfen musste. Jetzt ist das Brauereisterben bei uns so gut wie überstanden.

Craft-Bier-Kritiker behaupten, dass Kreativbiere hierzulande nur ein kurzlebiger Hype sind, der bald vorbei ist. Wie seht ihr das?

Stefan Schröer: Für mich ist Craft-Bier definitiv kein Hype. Vielmehr hat sich das Bewusstsein der Leute zum Bier definitiv verändert. Ich glaube nicht, dass es irgendwann einen Tag X geben wird, an dem man wieder zu alten Gewohnheiten übergeht.

Hubert Wagner: Ich denke, dass die Akzeptanz von hochwertigen Bieren in der Bevölkerung in den kommenden Jahren eher noch größer wird. Bier wird heute bewusster getrunken. Auch wenn einige Craft-Brauer ziemlich extreme Bier brauen, manchmal über das Ziel hinausschießen und das Reinheitsgebot kippen wollen, hat die neue Kreativ-Szene einen absolut positiven Einfluss auf den gesamten Markt.

Angeblich tun sich vor allem extreme Craft-Sude enorm schwer in der Gastronomie. Ist euer gemeinsames Kreativ-Pils als Eintrittskarte in die Restaurant-Szene gedacht?

Stefan Schröer: Ja, das würde ich schon so sehen. Mit Pils kann man die Gastronomie besser überzeugen, als mit einem extremen Hopfenhammer. Im Gegensatz zu IPA, Porter oder Stout müssen wir dem Wirt nicht erst erklären, was das für ein Bier ist, sondern nur verdeutlichen, warum es ein bisschen anders – und vielleicht sogar etwas besser – schmeckt. Wenn das funktioniert, dann lassen sich auch die anderen Sorten leichter nachschieben.

Wie kommt denn das Superfreunde-Pils in der Wagner Bräu Gaststätte an?

Hubert Wagner: Wenn unsere Stammgäste hören, dass da amerikanische Hopfensorten drin sind, dann wissen sie damit erst mal nichts anzufangen und rümpfen die Nase. Auch der Begriff Craft-Bier ist vielen Konsumenten in der Region noch völlig fremd und stößt eher auf Ablehnung. Aber wenn sie gut beraten werden und dann doch mal probieren, sind sie meist angetan.

Wird der Wagner Bräu dann vielleicht doch irgendwann ins Craft-Business einsteigen?

Hubert Wagner: Nein, ich denke eher nicht. Mein Sohn Tobias, der die Brauerei weiterführen wird, probiert mit einem befreundeten Braumeister aus der Nachbarbrauerei gerade unter der ausgelagerten Marke „Braurausch“ ein paar neue Sude aus. Aber Wagner Bräu steht für klassische Biere und das soll auch so bleiben. Außerdem glaube ich nicht, dass so ein Totenkopf auf dem Etikett, wie etwa bei den Superfreunden, bei unseren Kunden in der Region besonders gut ankommen würde…

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

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Craft Bier Fest München: „Gutes Craft-Bier braucht keine Show“

14711128_1786669801613326_90872599954263135_oIn wenigen Tagen (5. – 6. Mai) öffnet sich endlich das Eisentortor der Tonhalle zum „Craft Bier Fest München“. Feiner Hopfen sprach vorab mit dem Veranstalter Thomas Gierlich über Konkurrenz, Kommerzialisierung und neue Attraktionen.

 

Thomas, im vergangenen Jahr feierte das Craft Bier Fest einen großen Erfolg. Was erwartest du dir von Runde zwei?

Ja, der erste Versuch war ziemlich erfolgreich. Dieses Jahr müssen wir zeigen, dass das Fest seinen berechtigten Platz in der Craft-Bierszene hat und sich weiterhin etabliert. Denn seit vergangenem Jahr hat es eine große Anzahl an neuen Bierfesten und ähnlichen Veranstaltungen gegeben.

 

Die Konkurrenz schläft schließlich nicht…

Es hat sich in den letzten Jahren eine Welle an Craft-Bierveranstaltungen gebildet, die eine gewisse Inflation mit sich bringt. Daher werden Alleinstellungsmerkmale der Veranstaltungen (mal abgesehen vom Veranstaltungsort) in den Vordergrund rücken. Der Markt wird sich in große „Bierveranstaltungen“, die Craft-Bier auch der breiten Masse näherbringt, und kleine (aber feine) „Craft-Bierveranstaltungen“ teilen, auf denen auch erfahrene Enthusiasten noch Neues entdecken können, die breite Masse aber nicht erreicht wird.

 

Sind denn auch dieses Mal einige Überraschungen dabei?

Aber klar, es gibt einige Neuheiten bei den ausstellenden Brauereien, jede Menge neue Sude und eine Bewertung der Biere per App. Zu aller erst bleiben wir unserem Motto treu: gutes Craft Bier braucht keine Show!

 

Erzähle mehr von der App.

Jede Brauerei kann eines ihrer Biere über die Plattform „Bierpoints“ ins Rennen schicken. Besucher scannen dann mit ihrem Smartphone die entsprechenden QR-Codes an den Ständen und geben ihre Bewertung ab – alles also ganz unkompliziert. Dadurch sammeln die Gäste sogenannte Bierpoints, die sie gegen Freibier einlösen können. Ziel ist es aber ein Bier als Festival-Sieger zu küren. Die App kann man unter getbierpoints.com runterladen.

 

Coole Idee. Und wie siehst du generell die Entwicklung der deutschen Craft-Bierszene?

Viele Brauer sind den Schritt vom „Hobby“ zum profitorientierten Unternehmen gegangen und müssen sich mehr Gedanken über Absatzwege, den effektiven Einsatz von Werbemitteln und Zielgruppen machen. Es kann durchaus sein, dass wir eine Konsolidierungsphase erleben werden. In jedem Fall wird die Kommerzialisierung der Szene weiter voranschreiten, nach wie vor sind wir aber weit entfernt vom „Mainstream“.

Interview: „Das Geschäft wird härter“

Ken Grossmann gilt als einer der wichtigsten Pioniere der weltweiten Craft-Bierszene. Mit seiner Brauerei Sierra Nevada im kalifornischen Chico, zählt die 62-Jährige Legende inzwischen zu den Giganten der Kreativszene. Mit CRAFT sprach er über die Bedeutung transatlantischer Kollaborationen, neue Biertrends und graue Wolken, die derzeit im US-Markt aufziehen. Weiterlesen „Interview: „Das Geschäft wird härter““

Braukunst Live 2017: „So international, innovativ und interessant war es bisher noch nie“

In wenigen Wochen (10. – 12. Februar) öffnet sich endlich das große Eisentor des Münchner MVG Museums zur Braukunst Live. Feiner Hopfen sprach vorab mit dem Veranstalter Frank Böer über Rekordzahlen, massive Konkurrenz und die neuen Attraktionen. Weiterlesen „Braukunst Live 2017: „So international, innovativ und interessant war es bisher noch nie““

Interview mit Jeff Maisel: „Die Aufbruchstimmung in der Szene ist regelrecht spürbar“

Jeff Maisel ist Chef des renommierten Maisel Bräus und dessen Kreativableger „Maisel & Friends“ im bayerischen Bayreuth. Mit seinen modernen Kreationen zählt er seit 2012 auch zu den Vorreitern der Craft-Bierszene. Im Interview mit Feiner Hopfen verrät er sein Erfolgsrezept und erklärt, wie es in Zukunft mit der Branche weitergehen wird. Weiterlesen „Interview mit Jeff Maisel: „Die Aufbruchstimmung in der Szene ist regelrecht spürbar““

Interview: Ein Berliner braut in Brasilien

Sebastian Mergel in der Colorado Brauerei in Brasilien
Sebastian Mergel in der Colorado Brauerei in Brasilien

Sebastian Mergel, Chef der Bierfabrik in Berlin, flog kürzlich über den großen Teich bis nach Brasilien um sich in der dortigen Craft-Bier-Szene umzusehen. Wie es zu der Reise kam, welches Bier der Berliner mit den Brasilianern braute und wie sich die Hopfensäfte von den hiesigen unterscheiden erzählt Sebastian im Interview:

 

Sebastian, was war der Anlass für Deine Bierreise nach Brasilien?

Ich bin als Vertreter der Global Association of Craft Beer Brewers (GACBB) von Rodrigo Silveira, dem Organisator der „Slow Brew Brasil“ eingeladen worden. Rodrigo ist Gründungsmitglied des GACBB und stolzer Besitzer von Invecta, einer der innovativsten Brauereien in Brasilien. Aber im Grunde war ich in Brasilien, um mir die dortige  Craft-Bier-Landschaft mal anzusehen.

 

…und was geht so ab in Südamerika?

Brasilien hat eine unglaublich vitale und innovative Craft-Bier-Szene. Ich war überrascht, wie innovativ und vital sich die Brauer dort austoben können. Sie arbeiten eng zusammen und unter ihnen findet ein reger Austausch statt. Auch international sind die Beer-Maker sehr gut ausgerichtet.  Invicta hat beispielsweise mit Sixpoint (USA) ein gemeinsames Bier gebraut, Tupiniquim konnte ein Projekt mit Evil Twin (Dänemark) umsetzen und Urbana hat mit der niederländischen Brauerei Brouwerij t’ij eine neue Kreation auf den Markt gebracht.

 

Gruppenbild vor der Invicta Brewery nach dem Gemeinschaftssud zwischen Brussels Beer Project, Invicta, Bierfabrik
Gruppenbild vor der Invicta Brewery nach dem Gemeinschaftssud zwischen Brussels Beer Project, Invicta, Bierfabrik

Auch Du hast mit den Brasilianern ein Bier gebraut. Was ist das Besondere daran?

Zusammen mit dem „Brussles Beer Project“ und Invicta haben wir ein GACBB- Gemeinschaftsbier umgesetzt. Dabei war uns wichtig, dass dieses Bier die speziellen Einflüsse aus allen drei Ländern in sich vereint, also Brasilien, Belgien und Deutschland. Die gemeinsame Planung, die Entwicklung des Rezepts und letztendlich die Umsetzung in der Invicta Brauerei haben uns viel Spaß gemacht.

 

Wie unterscheiden sich die brasilianischen Biere von unseren?

Ich würde da keinen länderspezifischen Unterschied ziehen. In Brasilien gibt es einerseits genau so wie in Deutschland die Biere der Großkonzerne, und  auf der anderen Seite die Biere der unabhängigen Handwerksbrauereien. Jenseits der Craft-Bier-Szene haben wir aber in Deutschland doch noch immer eine größere Vielfalt.

 

Du warst auch auf der Biermesse „Slow Brew“. Was waren deine persönlichen Highlights?

Es war toll eine so entspannte Biermesse zu erleben und eine so gigantische Vielfalt präsentiert zu bekommen. Besonders begeistert haben mich aber die vielen Sauerbiere. Als wir in Brasilien ankamen, haben wir gerade den Berliner Herbst hinter uns gelassen, während dort gerade der Sommer begonnen hat. Und in dr brasilianischen Hitze kann man echt nicht den ganzen Tag über Stout und IPA trinken. Ein erfrischendes „Sour me not“ von Way Beer erwies sich bei solchen Temperaturen als perfekt.

 

"1000 IBU" Imperial India Pale Ale - Invicta Brewery
„1000 IBU“ Imperial India Pale Ale – Invicta Brewery

Und welche brasilianischen Biere sollten Craft-Bier-Fans unbedingt mal probieren?

Das „1000 IBU“ von Invicta ist ein fantastisches Imperial India Pale Ale. Außerdem kann ich jedem nur die Biere der Brauerei Colorado ans Herz legen. Beide Brauereien liegen übrigens in Ribeirão Preto in der Region Sao Paulo.

Am „Tag des deutschen Bieres“: Hausbesuch bei Hammurabi

Nach meinem Gespräch mit Wilhelm IV. neulich Nacht, möchte ich am Tag des deutschen Bieres meine Interviewreihe mit internationalen Persönlichkeiten rund um historische Sudkessel fortsetzen. Gestern beamte ich mich nach Mesopotamien ins Reich der Babylonier, um dort den berühmten König Hammurabi zu interviewen, der um etwa 1.700 v. Chr. mit dem „Codex  Hammurapi“ die älteste überlieferte Bierschankordnung schuf. Das Gesetz belegte schon mehr als 3000 Jahre vor dem Reinheitsgebot gemeine Bierpanschern mit harten Strafen. Eine Zeitreise zu den Wurzeln der Biergeschichte:

Feiner Hopfen: Königliche Hoheit, historische Abbildungen zeigen, dass schon vor 3000 Jahren in Ihrem Reich kräftig Bier getrunken wurde. Wie kam es damals eigentlich zu den ersten Brauprozessen im babylonischen Reich?

Hammurabi: Genau weiß ich das auch nicht mehr. Aber meine Leute sagten mir, die Bäuerinnen hätten es  beim Brotbacken entdeckt, als bei schweren Regenfällen das Korn mal nass geworden ist. Nachdem sie bemerkten, wie glücklich sie mit dem Gebräu ihre Kerle machen konnten, haben sie die Rezepturen immer weiter verfeinert. Nach Raubzügen an unseren nördlichen Ländergrenzen brachten es meine Offiziere dann schließlich mit in den Palast nach Babylon.

 

Feiner Hopfen: Was war denn das Besondere an diesem vorchristlichen Bier?

Hammurabi: Hauptbestandteil war natürlich Korn und Wasser. Am Anfang haben wir aus wildem Emmer gebraut, das ist eine Pflanzenart, die eng mit dem Weizen verwandt ist.

 

Feiner Hopfen: Das heißt ja dann wohl, dass Weißbier die älteste Biersorte auf unserem Planeten ist.

Hammurabi: Na ja, das kann man so sehen, wobei wir unterschieden haben zwischen weißen, schwarzen und roten Emmer. Vor allem das Schwarzbier, das mit gerösteten Emmerkorn angerichtet wurde, galt als echte Delikatesse. Aber die Rezepturen uferten mit der Experimentierfreude meiner Untertanen immer mehr aus. Zudem war Babylon als Zentrum aller Handelsstraßen die erste Multikulti-Metropole der Welt. Hier trafen sich Menschen aller Länder und jeder hatte seine eigene Braurezeptur im Gepäck. Wir zählten damals schon über zwanzig Biersorten, die mit Datteln, Zedernnüsse und Pinienkern aber auch mit Heilkräutern wie Melisse und Rutenkraut angesetzt wurden.

 

Feiner Hopfen: Das klingt ja nicht unbedingt nach paradiesischen Zuständen.

Hammurabi: Bier galt bei uns nicht nur als Durstlöscher. Zur Stärkung  der Manneskraft mischten die Bauern beispielsweise geraspelten Bullenhoden in den Sud. Die Frauen kochten Flamingoherzen ein, weil sie sich davon Schönheit und Eleganz versprachen. Der Hammer aber war das Bier der Priester, ein Trank zu Ehren unserer höchsten Gottheit Anu. Nach uralten Rezepten haben die Tempelbraumeister bei Vollmond das Urin von heiligen Elefanten in den Sud gekippt. Das waren noch eine echte Bier-Spezialitäten damals. Es stank zwar bestialisch, hat aber immerhin böse Geister abgeschreckt.

 

Feiner Hopfen: Majestät, wenn sie selbst solche Extravaganzen beim Bier zugelassen haben, was war denn letztendlich der Grund, warum sie den „Codex Hummurapi“ erließen?

Hammurabi: Es war die Folge eines nächtlichen Palastfestes, bei dem ich in eine tagelange Ohnmacht fiel, so dass  meine Ärzte dachten, ich würde schon das Zeitliche segnen. Als ich eines morgens völlig fertig im Sterbebett aufwachte, schwor ich mir, nie wieder einen Tropfen Bier zu trinken. Dann erklärte mir der zur Einbalsamierung bereits bestellte Oberpriester, der ein großer Kenner der Braukunst war, dass Bewusstlosigkeit, Schwindelgefühle und Brechreiz eine Folge schlechter Rohstoffe seien. Daraufhin ließ ich als erstes die verantwortlichen Braumeister hinrichten.

 

Feiner Hopfen: Warum haben sie das Bierpanschen mit so drakonischen Strafen belegt?

Hammurabi: Bier war ein Zaubertrank für meine Soldaten. Da wir an den Landesgrenzen damals unablässig Krieg führten, brauchten wir etwas um die Kampfeskraft der Männer zu stärken. Ohne drei Krüge Bier am Tag waren unsere Soldaten nicht bereit in die Schlacht zu ziehen. Gepanschte Biere führten zu ungezügelter Trunkenheit, zu Siechtum und vorzeitigem Tod. Da gab es nur eine Möglichkeit, das Land zu schützen, ich musste zum härtesten aller Mittel greifen: Wirte, die minderwertiges Bier ausschenkten, wurden im eigenen Sud ersäuft oder in Fässern so lange mit ihrer Plörre übergossen, bis sie erstickten. Auch wenn sie politische Diskussionen in ihren Schankstuben zuließen, wurden sie gefoltert oder mit dem Tode bestraft.

 

Feiner Hopfen: Majestät, mussten sie denn so hart durchgreifen?

Hammurabi: Durchaus, um Unruhen im Land zu vermeiden sollte man als Herrscher stets auf die Bierqualität achten. Bier war und ist Grundnahrungsmittel und abgesehen von den Soldaten, bei denen der Trunk früher sogar den Sold ersetzte, schafft ein gutes Bier auch Zufriedenheit und Lebenslust in der Zivilbevölkerung. Als Herrscher Babyloniens hieß meine Devise deshalb: Bier tut gut, wirkt akut und macht Mut.

 

Fiktives Interview: Neulich Nacht mit Wilhelm IV.

Neulich Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Im Raum stand plötzlich in prächtigem Gewand, mit mächtigem Bierranzen und dunklem Rauschebart der bayerische Herzog Wilhelm IV. höchstpersönlich. Ich nutzte die Gelegenheit für ein Interview mit dem Mann, der uns vor rund 500 Jahren das Reinheitsgebot bescherte.

Foto: wiki commons
Foto: wiki commons

Euere Excellenz, was machen Sie hier nach Mitternacht in meinem Zimmer?

Wilhelm: Ich informiere mich gerade auf Erden, was aus meinem Lieblingsgetränk, dem Bier, geworden ist. Da bin ich auch auf feinerhopfen.wordpress.com gestoßen.

Mit dem Reinheitsgebot haben sie damals ein Denkmal für die die Qualität des deutschen Bieres gesetzt. Was sagt Eure Hoheit zum Reinheitsgebot des Jahres 2014?

Wilhelm: Bei unserem letzten Helden-Bankett in Wallhall habe ich gemeinsam mit meinem Bruder Ludwig und mit August dem Starken, der ein legendärer Trinker war, das aktuelle Angebot an hiesigen Bieren probiert. Es war ein grandioses Zechgelage und mir fehlt etwas die Erinnerung. Dennoch entsinne ich mich, dass manche Biere, die hier in der Stadt an riesigen Wand-Plakaten angepriesen werden, geschmacklich mehr an das Abwaschwasser heran reichten, mit dem wir damals die Braubottiche säuberten.

Gab es auch angenehmere Geschmackserlebnisse?

Wilhelm: Durchaus, sehr gut haben mir euere sogenannten Craft-Biere geschmeckt. Diese erinnerten mich an meine Hochzeit 1522 mit Maria Jacobäa in München, als wir mit 500 Gästen sieben Tage lang durchgefeiert haben. Das waren noch Biere damals, sag ich Ihnen. Selbst nach mehreren durchzechten Nächten hatten wir keinen schweren Schädel. Allerdings haben wir Craft seinerzeit immer mit K geschrieben, allein schon wegen des Alkoholgehalts.

Was wollten sie 1516 mit Ihrem Reinheitsgebot eigentlich bezwecken?

Wilhelm: Es war eine schreckliche Zeit – Bauernaufstände, Reformation und überall in Europa herrschte Krieg. Die Ernten waren schlecht und wir brauchten Weizen und Roggen für die Herstellung von Brot für unsere Soldaten. Da jeder Bauer damals so viel Bier braute wie er wollte, gab es mancherorts kaum noch was zu essen. Das Gesetz sollte erstmal nur verhindern, dass die ganze Weizenernte im Braubottich landet.

Aber warum mussten Sie dann die Zutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser begrenzen?

Wilhelm: Meine Landsleute haben damals so üble Sachen in den Sudkessel gekippt wie Fliegenpilz, Ochsenblut und Rindergalle. Die Menschen lagen tagelang im Delirium und krepierten manchmal sogar daran. Unter solchen Umständen konnte man doch keine Aufstände niederschlagen, geschweige denn ernsthaft Kriege führen.

Das Reinheitsgebot von 1516 hat ja nicht gerade lange gehalten. Schon kurz nach Ihrem Tode durfte schon wieder Koriander und Lorbeer ins Bier gekippt werden. Bald darauf wurde auch Salz, Kümmel und Wachholder zugelassen.

Wilhelm: Ja, manche glauben, das war eine Riesensauerei. Aber so schlecht war das gar nicht, denn Gewürze haben schließlich auch die Bandbreite des Geschmacks erweitert. Ich kann deshalb gar nicht verstehen, warum euere Brauereien heute so ein Theater um die 500 Jahre alte Gesetzgebung machen. Das war alles nicht so ernst gemeint, wie ihr heute glaubt. Die Belgier hielten sich nie an solche Vorgaben. Auch wir haben damals die Maische mit biologisch reinen Früchten wie Erdbeeren, Kirschen oder Waldfrüchten veredelt. Vor allem meine Frauen, denen der Ruf der Abstinenz voraus ging, konnten sich an solchen Aromen begeistern.

Dann ist das Reinheitsgebot also nur ein Mythos?

Wilhelm: Mythos hin, Mythos her. Ich habe gehört, dass jetzt bei euch sogar Bakterien in Form von Hefe, außerdem künstliche Aromen und isomerisierte Hopfenprodukte ins Bier gekippt werden. Und sogar das Brauwasser soll ja mit allen möglichen Chemikalien behandelt werden. Ganz zu schweigen davon, dass Schädlingsbekämpfungsmittel und chemischen Düngemittel beim Anbau des Getreides eingesetzt werden. Das hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben…

Hoheit, bevor Sie mir den Appetit auf deutsches Bier verderben, möchte ich ihnen für das Interview danken. Ruhen Sie weiter sanft.