Evil Twin: Sommer, Sonne, Sauerbier

IMG_20170517_144733_960Das heiße Wetter lässt durstige Kehlen nach Erfrischungen schreien. Während die einen im Biergarten die Maßkrüge stemmen oder die etwas sanfter veranlagten ihren Eiskaffee schlürfen, freue ich mich auf ein frisches Sauerbier mit gemäßigten Alkoholgehalt. Kürzlich öffnete ich im Garten das „Sour Bikini“ von Evil Twin. Eigentlich erwartet man von den dänischen Gypsy-Brauern, die in New York sesshaft sind und gerade dabei sind ihr eigenes 10-Hektoliter-Imperium aufzubauen, eher etwas Stärkeres. Doch das Sour Pale Ale besitzt nur schlanke drei Prozent, schmeckt aber trotzdem enorm gut.

Schon das Klicken und Zischen der Dose hat für mich etwas Sommerliches. Sonnengelb leuchtet das Ale im Glas. Es duftet tropisch nach Maracuja und säuerlich Grapefruit. Auf der Zunge breitet sich das Bier schön erfrischend aus, es prickelt dezent und präsentiert sich harmonisch sauer. Eine dezente Fruchtigkeit von Maracuja und Pampelmuse vervollständigen das Pale Ale. Im Abgang bleibt eine dezente Säure zurück.

Fazit: Packt die Badehose ein und ab an den See: „Sour Bikini“ ist dafür der ideale Begleiter. Fruchtaromen und die dezente Säure machen das Ale zu einer köstlichen Erfrischung. Die Trinkbarkeit ist sehr hoch. Ich denke, dass auch Sauerbier-Verachter von diesem Pale Ale positiv überrascht sein könnten. Passt bestimmt auch perfekt zu gegrillten Meeresfrüchten.

Top-Brauer: Buddelship – Von Austern, Fischkonserven und Sauerkrautbier

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Simon Siemsglüss von Buddelship in seiner Brauerei mit Hund

Schräge Standorte findet man bei Craft-Brauereien häufig. Aber Simon Siemsglüss hat wohl einen der seltsamsten. Der Chef von Buddelship baute gleich eine ganze  Fischkonserven-Fabrik in Hamburg zu seinem wahren Bier-Paradies um. Jetzt wird kein Meeresgetier mehr geliefert, sondern feinste Hopfen- und Malzsorten. Auf einer 10-Hektoliter-Anlage lässt der 41-Jährige seinen Ideen freien Lauf. Für Simon ist Bier mehr als nur ein Getränk: „Es ist ein Lebensgefühl, Naturverbundenheit und internationales Kulturgut“. Für mich zählt er zu den deutschen Top-Brauern, weil er auch vor ungewöhnlichen Zutaten wie Hibiskus-Blüten, Sauerkraut oder Austern nicht zurückschreckt – und daraus wirklich spannende Biere zaubert.

 

Wann hast Du Dein erstes Bier gebraut und wie ist es geworden?

Das war 1996 in Australien mit einem Hobbybraukit vom Supermarkt. War trinkbar!

 

Wie bist Du eigentlich auf den Namen „Buddelship“ gekommen?

Spontane Inspiration zwischen Badewanne und Hafenbecken – nein im Ernst, die Namensfindung ist unheimlich schwierig gewesen und die Brauerei stand schon fast. Ich wollte Bier, Hamburg, Maritimes und ein bisschen Fernweh unter einen Hut bringen.

 

Was macht für Dich ein außergewöhnliches Bier aus?

Balance, sauberer Geschmack, lang und abwechslungsreich im Abgang, und gerne mit überraschenden Zutaten.

 

Welchen Biertyp trinkst Du am liebsten und warum?

Wechselt eigentlich ständig! Aber tendenziell gerne sauer, wild und/oder fassgelagert. Geht aber auch manchmal nichts über ein gutes (!) Pils aus der Flasche.

 

Was sind Deine Lieblingshopfensorten?

Chinook, Callista, Mosaic, Nelson, und viele mehr. Es gibt auch ständig neue spannende Sorten, z.B. Barbe Rouge und Mistral aus dem Elsass.

 

Welche Eigenschaften zeichnen Deiner Meinung nach einen richtig guten Craft-Brauer aus?

Ich würde sagen, die gleichen Eigenschaften wie bei jedem guten Brauer: Fachwissen, Handwerk und Mut zum Risiko.

 

Was war das schrägste Bier das Du jemals getrunken hast?

Schlangen-Gose in Vietnam.

 

An welchem Ort der Welt würdest Du mit Deinem besten Freund gern ein Bier trinken?

Auf dem Buddelship und dann ‚cruisen‘.

 

Und was hast Du als nächsten vor?

Ein Kapitänspatent machen wäre vielleicht angebracht. Und bis dahin weiter viele neue Biere rausbringen.

 

Kommentar: Eskalation der Phantasie

Wahrscheinlich ist es selbst hartgesottenen Hop-Guys schon mal so ergangen. In letzter Zeit bin ich häufig über Craft-Biere gestolpert, die mit vogelwilden Rohstoffkombinationen an ihre Geschmacksgrenzen stießen: Pralle Hopfenzugaben und satte Malzkombinationen, inklusive IBU-Rekordwerte und sensationellem Alkoholgehalt. Das kann durchaus spannend sein, aber wenn die Balance nicht stimmt, wenn nach Kalthopfung und der Beigabe von Bohnenkraut und Chilischoten der Sud noch monatelang im Whisky- oder Cognac-Fass lagert, dann sind die meisten Konsumenten – ganz abgesehen vom Flaschenpreis – ziemlich überfordert. Sicher, es ist äußerst effektvoll, wenn das Etikett rund 20 Hopfen- und ein Dutzend Malzsorten anpreist. Aber wenn selbst Experten nicht mehr begreifen, was da am Gaumen eskaliert, ist wohl was schiefgelaufen.

Nichts gegen Experimentierfreude und tollkühne Geschmacksabenteuer, selbst wenn alle erträglichen IBU-Grenzen fallen. Aber so manch unharmonisches Gebräu bringt die noch junge Kreativbier-Branche nicht unbedingt weiter. So mancher Einsteiger dürfte von seinem ersten Craft-Genuss derart schockiert sein, dass er nie wieder ein Glas anrührt. Selbst die wahren Hop-Heads ziehen inzwischen Biere vor, mit denen sie schon mal einen ganzen Abend bestreiten können ohne gleich die Theke aus der Froschperspektive betrachten zu müssen.

Es ist durchaus ehrenvoll, wenn die kreativen Macher bei ihren Fans mit phantasievollen Gaumenerlebnissen punkten wollen. Aber nicht jeder Braumeister ist gleich ein Mikkel Bjergsø (Mikkeller), ein James Watt (BrewDog) oder Samuel Richardson (Other Half Brewing). Klar ist jedoch: Vielseitigkeit und Kreativität zählen zum Grundgesetz der Craft-Bierbranche, und ein richtig gutes Bier sollte sich innovativ, originell und überraschend präsentieren – aber es muss auch trinkbar und bezahlbar sein.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin.

Sommerbiere: Tasting im Bierhandwerk

Tookapic - PixabayHey liebe Craft-Community,

der Sommer steht in den Startlöchern. Höchste Zeit sich also mit erfrischenden Bieren einzudecken. Denn es wäre doch ein Horrorszenario, wenn im Garten der Grill glüht oder Freunde euch abholen um zum See zu fahren und kein kühles, frisches Bier im Kühlschrank wartet. Doch was ist eigentlich das ideale Getränk für heiße Temperaturen, welches Ale passt zum richtigen Grill, oder was trinken echte Hop-Guys einfach nur zu einem perfekten Sonnenuntergang?

Kommenden Freitag noch nichts vor? Dann kommt doch um 20 Uhr nach Freising ins Bierhandwerk. Dort gebe ich eine Verkostung und zeige euch einige echte Geheimtipps, womit ihr die  Gäste eurer Gartenparty überraschen oder euch auch einfach selbst beglücken könnt. Fünf köstliche und spannende Biere werden verkostet. Dabei erzähle ich interessante Geschichten zu den Hopfensäften und ihren Machern. Während der Degustation gibt es einen kleinen Snack und im Anschluss ein freies Tasting, bei dem wir alle gemütlich noch über die Szene diskutieren und philosophieren können. Das alles für schlappe 25 Euro. Würde mich riesig freuen, wenn noch ein paar Leute kommen würden…

Anmeldung per Email an: info@bierhandwerk.de

 

Bierhandwerk Freising

Sonnenstraße 29

85356 Freising

 

Craft-Bier des Monats: Fuerst Wiacek – Geheimtipp für den Sommer

IMG_20170427_233528_459Diese Craft-Marke ist in der Republik noch völlig unbekannt. Dafür fließt das New England IPA (NEIPA) namens „A quick one while she’s away“ von Fuerst Wiacek schon vom Hahn in der Mikkeller-Bar in Reykjavik. Als ich kürzlich Enzo Frauenschuh von Frau Gruber Craftbrewing bei der Camba Old Factory in Gundelfingen besuchte, lernte ich die beiden Macher Lukasz Wiacek und Georg Fürst flüchtig kennen, als sie gerade an einem neuen Sud tüftelten. Die beiden Berliner schickten mir gleich eine Kostprobe.

Die beiden Gypsys sind keine ausgebildeten Brauer. Wiacek reiste allerdings durch die Welt um das Brauhandwerk während verschiedene Praktika in ungewöhnlichen Craft-Stätten zu lernen. Darunter war eine Micro-Brauerei in Jordanien, Põhjala in Tallin, Beavertown in London und Boneyard in Oregon. Eigentlich ist der Berliner studierter Web-Entwickler und eigentlich wollten die beiden Hobbybrauer vor allem Whisky brennen. Ihr Bier funktionierte aber besser. So brauten Wiacek und Fürst erst mal 1.700 Liter und  verkaufen ihren Sud in angesagten Craft-Bierbars der Hauptstadt. Und da geht es angeblich weg wie warme Semmeln. Das NEIPA hat sechs Prozent und ist ordentlich gestopft mit Citra und Mosaic.

  •    Brauerei: Fuerst Wiacek (gebraut wird in Gundelfingen bei der Camba      Bavaria)
  •    Bierstil: New England India Pale Ale (NEIPA)
  •    Alkoholgehalt: 6 Prozent
  •    Farbe: bernstein
  •    Schaum: feinporig, cremig
  •    Hopfen: Mosaic und Citra
  •    Hefe: frisch aus den USA importiert

Schon beim Öffnen der Bügelflasche weht der Duft von tropischen Früchten durch den Raum. Noten von Maracuja, Mango, Papaya, Ananas und Zitrusfrüchten wie Grapefruit sowie Limone betören die Nase. Allein der Geruch lässt schon ein Hammerbier erwarten. Das trübe NEIPA läuft dann überraschend  frisch über die Lippen. Auch auf der Zunge zeigen die Hopfensorten Mosaic und Citra ihre volle Aromapracht. Exotische Früchte, allen voran Maracuja und Pampelmuse, vereinen sich harmonisch mit einer zarten, aber durchaus spürbaren Herbe.

Fazit: Das Berliner NEIPA ist für mich – wenngleich etwas kräftiger – das perfekte Sommerbier: Frisch, fruchtig, leicht und mit dezenter Bittere. Außerdem stopften Wiacek und Fürst ihr Bier mit zwei meiner Lieblingshopfen. Ich liebe diese exotischen Aromen. Dennoch finde ich, dass der Name des Bieres „A quick one while she’s away“ nicht unbedingt passt. Das ist definitiv kein Bier zum schnellen runterschütten. Es lohnt sich, diesen Zaubertropfen ganz in Ruhe anzugehen.

Craft Bier Fest München: „Gutes Craft-Bier braucht keine Show“

14711128_1786669801613326_90872599954263135_oIn wenigen Tagen (5. – 6. Mai) öffnet sich endlich das Eisentortor der Tonhalle zum „Craft Bier Fest München“. Feiner Hopfen sprach vorab mit dem Veranstalter Thomas Gierlich über Konkurrenz, Kommerzialisierung und neue Attraktionen.

 

Thomas, im vergangenen Jahr feierte das Craft Bier Fest einen großen Erfolg. Was erwartest du dir von Runde zwei?

Ja, der erste Versuch war ziemlich erfolgreich. Dieses Jahr müssen wir zeigen, dass das Fest seinen berechtigten Platz in der Craft-Bierszene hat und sich weiterhin etabliert. Denn seit vergangenem Jahr hat es eine große Anzahl an neuen Bierfesten und ähnlichen Veranstaltungen gegeben.

 

Die Konkurrenz schläft schließlich nicht…

Es hat sich in den letzten Jahren eine Welle an Craft-Bierveranstaltungen gebildet, die eine gewisse Inflation mit sich bringt. Daher werden Alleinstellungsmerkmale der Veranstaltungen (mal abgesehen vom Veranstaltungsort) in den Vordergrund rücken. Der Markt wird sich in große „Bierveranstaltungen“, die Craft-Bier auch der breiten Masse näherbringt, und kleine (aber feine) „Craft-Bierveranstaltungen“ teilen, auf denen auch erfahrene Enthusiasten noch Neues entdecken können, die breite Masse aber nicht erreicht wird.

 

Sind denn auch dieses Mal einige Überraschungen dabei?

Aber klar, es gibt einige Neuheiten bei den ausstellenden Brauereien, jede Menge neue Sude und eine Bewertung der Biere per App. Zu aller erst bleiben wir unserem Motto treu: gutes Craft Bier braucht keine Show!

 

Erzähle mehr von der App.

Jede Brauerei kann eines ihrer Biere über die Plattform „Bierpoints“ ins Rennen schicken. Besucher scannen dann mit ihrem Smartphone die entsprechenden QR-Codes an den Ständen und geben ihre Bewertung ab – alles also ganz unkompliziert. Dadurch sammeln die Gäste sogenannte Bierpoints, die sie gegen Freibier einlösen können. Ziel ist es aber ein Bier als Festival-Sieger zu küren. Die App kann man unter getbierpoints.com runterladen.

 

Coole Idee. Und wie siehst du generell die Entwicklung der deutschen Craft-Bierszene?

Viele Brauer sind den Schritt vom „Hobby“ zum profitorientierten Unternehmen gegangen und müssen sich mehr Gedanken über Absatzwege, den effektiven Einsatz von Werbemitteln und Zielgruppen machen. Es kann durchaus sein, dass wir eine Konsolidierungsphase erleben werden. In jedem Fall wird die Kommerzialisierung der Szene weiter voranschreiten, nach wie vor sind wir aber weit entfernt vom „Mainstream“.