Browar Nepomucen: Polnischer Nadelwald trifft auf tropische Aromen

Polen gilt schon seit längerem als aufstrebendes Craftbier-Land in Europa. Eines der neuesten Sternchen am Kreativbierhimmel markieren die Macher von Browar Nepomucen aus Szkaradowo, südlich von Posen gelegen. Ein paar Biere aus dem Sortiment konnte ich unlängst schon mal probieren. Mein aktuelles Highlight aber ist das „Like a Forest“, ein Hazy IPA mit schlanken 4,4 Prozent Alkohol, das neben Mosaic- und Citra-Hopfen mit Kiefern- sowie Fichtennadeln gebraut wurde.

Die Rohstoffkombination klingt schon mal spannend. So strömen auch schon beim Einschenken des sonnengelben Bieres, das von einem schneeweißen und stabilen Schaum getoppt ist, gleichermaßen tropische und waldige Aromen in die Nase. Auch auf der Zunge breitet sich das Aromaspiel vollständig aus. Vollmundig und frisch präsentiert sich das Hazy IPA im Mund. Eine Mischung aus Citrus, gelben Steinfrüchten, Kiefer- und Fichtennadeln bestimmen mit Anklängen diverser Kräuter- und Floral-Noten den Geschmack. Im Finish bleibt das Aroma noch sehr lange zurück.

Fazit: Ich bin begeistert von diesem polnischen Sud. Häufig erinnern mich Biere mit Fichten- oder Kiefernnadeln als Zutat zu sehr an einen Saunaaufguss. Das ist zugegeben nicht so mein Ding. Beim „Like a Forest“ aber sind die Rohstoffe sehr harmonisch eingebunden, so dass zwar alle Aromen präsent sind, aber keine davon zu stark dominieren, um unangenehm zu werden.

Schwarze Rose: Tropischer Cocktail aus der Dose

Dieses Bier holt schon mal den Sommer ins Glas. Bei dem 6,8-prozentigen „Rainbow Road“ handelt es sich um ein Oatcream Kveik IPA von Schwarze Rose aus Mainz. Für den fruchtigen Charakter hat es das Mainzer Gypsy-Team mit Sabro Cryo, Sorachi Ace Nectar sowie Citra gehopft und für das cremige Mundgefühl packten die Kreativbrauer noch Hafermalz und Haferflocken in den Sud.

Im sonnigen Gelbton strahlt das trübe IPA durchs Glas, bedeckt von einem mittelporigen Schaum. Schon beim Einschenken betört ein fruchtiger Duft die Nase. Hält man das Riechorgan näher zum Bier, so erinnert das Bukett an einen Tropencocktail mit Ananas, Zitrus und Kokosnuss. Über die Lippen fließt das NEIPA cremig-weich, bis es in ein vollmundiges, aber doch erfrischendes Mundgefühl mündet. Auch auf der Zunge zeigt sich die volle Hopfenwucht. Der Geschmack erinnert entfernt an eine Pina Colada. Das Finish macht durch die präsente Fruchtigkeit sofort Lust auf den nächsten Schluck.

Fazit: Ein tolles Sommerbier, das auch schon jetzt im Frühling schmeckt. Das Experiment der Mainzer, einen bierigen Cocktail zu schaffen, ist definitiv gelungen. Also: Sommer, Sonne, Dosenbier.

Kehrwieder Kreativbrauerei: Kräftiger Seelenwärmer bei miesem Wetter

Noch lassen die ersten Sonnenstunden des Frühlings auf sich warten. Was bietet sich also bei Dauerregen und Kälte draußen besser an, als ein kräftiges Stout im Glas? Gestern habe ich mal das zehnprozentige Caucasian Stout namens „El Duderino“ von der Kehrwieder Kreativbrauerei aus Hamburg aufgemacht. Es gehört inzwischen zur Tradition des Kehrwieder-Teams, das es sich dabei immer um das letzte Bier im Jahr handelt, das Chef und Braumeister Oliver Wesseloh braut und einige Monate ruhen lässt. Vor ein paar Wochen kam es endlich auf den Markt.  

In den Kessel kamen neben den klassischen Zutaten auch noch Laktose und Kaffeebohnen der Kult-Rösterei „Quijote“ aus der Hansestadt.  So zeigt sich „El Duderino“ in nachtschwarzem Gewand und mit beigefarbenem, cremigem Schaum. Schon beim Einschenken erfüllt ein dunkler, malziger Duft den Raum. In die Nase strömen kräftige Noten von Kaffee, Zartbitterschokolade und Schwarzbrot. Vollmundig und cremig breitet sich das Stout auf der Zunge aus. Im Geschmack dringen Aromen von Kaffee und Laktose durch. Hinzu gesellet sich etwas Nussiges sowie ein Hauch von Kirsche. Im trockenen Finish bleiben feine Röstaromen noch lange zurück.

Fazit: Ein wirklich tolles Bier mit ordentlich Wumms. Die Aromen sind schön eingebunden und harmonieren miteinander. „El Duderino“ dient nicht nur bei Regenwetter als Seelenwärmer. Ich kann mir das Stout auch hervorragend zu einem gegrillten, kräftigen Steak oder Ribs vom Grill vorstellen.

Privatbrauerei Aying: Heimat als Erfolgsrezept

Tradition und Regionalität zählen zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren der Privatbrauerei Aying. Doch trotz eines konservativen Werte-Kosmos, zählt der oberbayerische Familienbetrieb zu einem der modernsten und beliebtesten Braustätten im Lande.

Helles zwickeln

„Das schönste an München ist die Straße nach Aying“ – so hieß einst der provokante Werbeslogan der Privatbrauerei, der vor allem Besucher aus der bayerischen Landeshauptstadt in das 25 Kilometer südöstlich gelegene Bilderbuchdorf locken sollte. Gemessen am heutigen Bierausstoß von rund 100.000 Hektoliter war die Kampagne offensichtlich höchst erfolgreich. Aber in der idyllischen Voralpenlandschaft gibt es neben gutem Bier noch weitere Attraktionen: In der Dorfmitte, gleich neben der Kirche, steht einer der höchsten Maibäume der Welt, flankiert von Brauereigasthof, Bräustüberl, Heimatmuseum und einem der schönsten Biergärten der Region. „Wir sind stolz auf unsere Heimat“, bekräftigt Brauereichef Franz Inselkammer Junior im standesgemäßen Trachtenjanker, „bei uns wird bayerische Bierkultur mit all seinen Facetten gelebt.“

Wer die 143-jährige Geschichte der Privatbrauerei nachvollzieht, dürfte sich kaum wundern, dass der Ayinger Musterbetrieb seine Biere inzwischen mit Hilfe modernster Brautechnologie produziert. Um die Qualität der Gerstensäfte weiter zu verbessern, innovieren die Oberbayern auch permanent ihren Produktionsprozess in Richtung Nachhaltigkeit. Mit einem neuinstallierten System für die Flaschenreinigung konnten nach eigenen Aussagen 87 Prozent des Wasser- und Wärmebedarfs eingespart werden. Im vergangenen Jahr gewann Franz Inselkammer dafür den Bayerischen Energiepreis in der Kategorie „Energieeffizienz in industriellen Prozessen und Produktion“. Inselkammer weiß: „Die beste Tradition kann nicht bestehen, wenn man nicht mit der Zeit geht.“

Zum Erfolgsrezept gehören für den Brauerei-Erben, neben neuesten Produktionstechniken, auch tiefverwurzelter Heimatsinn, Tradition und Regionalität – vor allem aber die Liebe zum Bier. Dabei legt der 38-jährige Vorzeigebayer, der das Unternehmen in sechster Generation leitet, großen Wert auf die Tatsache, dass die Ayinger Brauerei bislang keinen Millimeter vom Reinheitsgebot abgewichen ist. Dass sich Ayinger Bier schon bei der Einweihung der Braustätte durch den Gründer Johann Liebhard besonderer Beliebtheit erfreute, wird noch heute gern nacherzählt. Jedenfalls muss der erste Ausschank am 2. Februar 1878 in ein grandioses Besäufnis ausgeartet sein. So schrieb Liebhard in sein Tagebuch: „Von uns das erste Bier ausgeschenkt, sehr gut und alles voll Leut. Michl und Müller von Höhenkirchen solche Räusch, dass sie beim Heimfahren zehnmal umgeworfen.“ Dieser Spruch ziert heute noch immer die Ayinger Bierdeckel. 

Die Beliebtheit für Ayinger wuchs – bedingt durch Kriege und Wirtschaftskrisen – zunächst langsam, aber Stilllegungen benachbarter Braustätten, teils durch Münchner Großbrauereien, ließen Kundenstamm und Bierausstoß wachsen. Mit Kauf des ersten Lastwagens wurde das Bier schließlich auch nach München transportiert. So verkaufte man 1929 schon rund 5.000 Hektoliter in die nahegelegene Landeshauptstadt. Mitte des 20. Jahrhunderts kam dann durch Erbfolge der Guts- und Gasthausbesitzer Franz Inselkammer, der Großvater des heutigen Bräus, aus dem benachbarten Siegerstbrunn mit ins Unternehmen.

Seit 2010 ist nun Franz III. mit im Unternehmen, der die Philosophie der Braustätte lebendig weiterlebt. Rund siebzig Mitarbeiter begleiten heute ein Sortiment mit 16 Ayinger Sorten, die von Helles über Weißbier, Pils, Kellerbier und Altbayerisch Dunkel bis hin zu saisonalen Suden wie Frühlingsbier, Maibock, Kirtabier, Weizenbock und Winterbock reichen. „Die Saisonbiere sind uns enorm wichtig, weil wir so eine geschmackliche Vielfalt während der Jahreszeiten ermöglichen“, bekräftigt Brauereidirektor Helmut Erdmann.

Helmut Erdmann und Franz Inselkammer

Das Besondere an den Ayinger Bieren ist, dass sie absolut sortenspezifisch sind. So besitzt das Dunkle angenehme Röstaromen, das klassische Helle zeigt sich mild und süffig, das Pils mit einer moderaten Bittere und schlankem Körper, während sich das Weißbier einschmeichelnd fruchtig mit typischen Bananenaromen präsentiert – alle Biere immer perfekt ausbalanciert. Obwohl er seiner Stilistik treu bleibt, begrüßt Chef Inselkammer durchaus die internationale Craftbier-Bewegung mit ihren aromatischen Experimenten, zumal damit Bier wieder stärker als Genussmittel wahrgenommen wird. Aber dennoch finden die angesagten Kreativ-Sude ganz bewusst keinen Platz im Ayinger Sortiment: „Sie entsprechen einerseits nicht unserer traditionellen Philosophie und andrerseits brauen wir ja bereits 16 verschiedene Biere, die alle Ihren unverwechselbaren Geschmack haben,“ urteil Inselkammer.

Immerhin setzt das Brau-Team, das täglich sechs Sude an vier Wochentagen produziert, bei den Biersorten auf regionale Braugerste aus dem Ayinger Ortsumfeld – zehn Prozent der Sorte Marthe stammen sogar aus eigener Landwirtschaft. Die beiden für alle Bierstile verwendeten Hopfensorten Perle und Tradition kommen natürlich aus der Hallertau und das Wasser aus dem eigenen 180 Meter tiefen Brunnen. „Auch wenn heimische Rohstoffe kostentechnisch für uns Brauer eher nachteilig sind“, betont Inselkammer, „so bringen sie qualitativ jedoch viele Vorteile.“

Das zeichnet sich offensichtlich aus. Regelmäßig gewinnen die Ayinger Biere nationale wie internationale Preise. Im vergangenen Jahr sahnte die „Ur-Weisse“ beispielsweise beim Meininger’s International Craft Beer Award die Goldmedaille und die Auszeichnung „Weizen des Jahres 2020“ ab. Solche Prämierungen würden sich im Verkauf positiv bemerkbar machen, erklärt Brauereidirektor Erdmann, weil dadurch auch die Neugier auf die Biere wachse. Was jedoch für eine regionale Spezialitätenbrauerei eher ungewöhnlich ist: Ein gutes Drittel der Ayinger Bierspezialitäten werden inzwischen rund um den Globus ausgeliefert. Besonders beliebt scheint der „Celebrator“. Der 6,7-prozentige dunkle Doppelbock wird sogar im New Yorker „Museum of Art“ vom Fass ausgeschenkt.

Celebrator im Bräustüberl

Trotz aller Erfolge ist auch der Regionalmarkt der Ayinger gerade stark von Corona betroffen. Obwohl die Privatbrauerei einige Zuwächse beim Flaschenbier verzeichnen kann, ist das Virus ein harter Schlag für den Familienbetrieb. Alle Wirtshäuser sind derzeit geschlossen, alle Bierfeste abgesagt. „Die Gastroschließung schmerzt uns schon sehr“, bekräftigt Inselkammer, „aber mit guten Ideen stehen wir das schon durch.“

Dabei fehlt es den Ayingern keineswegs an Kreativität, um ihre Fans trotz Covid-Beschränkungen und zweitem Lockdown zu erfreuen. Im vergangenen Jahr gab es eine Wirtshaus-Wiesn mit klaren Abstands-Geboten, „Maß-to-go“ im Biergarten sowie eine Pferdekutsche, die durch den Heimatort fuhr, um die lokalen Bierfans zu versorgen. Das mit dem Pferdegespann kam wohl so gut an, dass Inselkammer Junior darüber nachdenkt, auch nach dem Corona-Wahnsinn einen Heimdienst mit der Kutsche zu organisieren. Außerdem lassen die Ayinger während des Lockdowns keine Zeit verstreichen, um weiter zu innovieren. Geplant ist die Realisierung eines neuen Logistik-Konzeptes, wie Franz Inselkammer erklärt: „Dadurch können wir die Qualität unserer Biere noch besser kontrollieren, was zu den wichtigsten Prämissen unserer Brauerei gehört.“

Erschienen im Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Aus Brot mach Bier

Allein in Deutschland werden pro Jahr mehr als zwei Millionen Tonnen Backwaren weggeworfen. Umweltbewusste Craft-Brauer setzen jetzt ein Zeichen: Sie brauen ihre Sude mit unverkauftem Brot und leisten dabei einen wichtigen Beitrag zum Thema Ressourcen-Verschwendung.

Bier und Brot bestehen nicht nur weitgehend aus denselben Rohstoffen, sie haben auch viele weitere Aspekte gemeinsam. Kein Wunder, dass diese Kombination auch immer mehr Craft-Brauer für sich entdecken. So entwickeln sie nicht nur aromatisch ungewöhnliche Biere, sondern engagieren sich gleichzeitig im Kampf gegen die Auswüchse einer Wegwerfgesellschaft. Das Stichwort der Stunde heißt Nachhaltigkeit.

Allerdings backen die Brauer nicht selbst, sondern verwenden unverkauftes Brot aus Bäckereien, Bistros oder Restaurants. Eine besondere Kooperation gingen jetzt die Macher von Brewdog mit dem Team des Berliner Dörrwerks „Rettergut“ ein, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, aus ungenutzten Lebensmitteln neue Produkte zu kreieren. Das Resultat dieser Zweckehe: Ein 6,3-prozentige New England IPA namens „Planet A“, das mit Brot vom Vortag und nicht verwendeten Aprikosen gebraut ist. In dieser Mixtur erhält das Bier eine leicht cremige Textur und ein angenehm süßlich-fruchtiges Aroma.

Auf ein besonderes Genusserlebnis setzen auch die Macher des 2018 gegründeten Startups „Knärzje“, was im hessischen Sprachgebrauch das Endstück eines Brotlaibs beschreibt. Für ihre Schöpfung probierten die Frankfurter unterschiedliche Brotsorten aus. So steckt angeblich in jeder Flasche eine Scheibe aussortiertes Bio-Brot. Wichtig ist vor allem die Kruste, die gibt dem Sud eine gewisse Süße. Das ergibt einen 4,9-prozentigen, gelborangefarbenen, schlank malzigen und süffigen Trunk. Das Knärzje-Bier kommt so gut an, dass es schon mit mehreren Awards ausgezeichnet wurde.

Aber nicht nur in Deutschland setzen Brauer auf spezielle Brotbiere. Auch das Jungunternehmen Damn Good Food & Beverages AG aus Weinfelden in der Schweiz schwört auf die Verwendung von überschüssigem Brot. Dieses wird zunächst getrocknet und zermahlen, bevor es in den Sudkessel kommt. Hierbei ersetzt es bis zu einem Drittel des Malzes. Die Schweizer Brauer erklären, dass rund acht Kilo unverkauftes Brot in 100 Liter ihres bernsteinfarbenen „Bread Beer“ stecken. Der Leitfaden ihrer Nachhaltigkeits-Strategie heißt sinnigerweise „Wertschätzender Genuss“.

Auch die Schweden stehen auf eine Kombination von Bier und Altbrot. So kollaboriert die Stockholmer Nya Carnegiebryggeriet in einer eher seltenen Verbindung mit dem städtischen Foto-Museum „Fotografiska“. Das Ergebnis ist ein Belgian Blond Ale, das neben Bio-Hopfen mit unverkauften Sauerteigbrot aus der Bäckerei und dem Restaurant des Museums gebraut wird. „Echo“, so der Name des Biers, legt einen fruchtigen, würzigen und leicht bitteren Charakter vor.

Auf mehr Hopfen-Power setzt hingegen das Team von „Toast“ in Bury, nördlich von Manchester. Die Briten stellen ihr gesamtes Portfolio aus Brot vom Vortag her. Neben süffigem Craft-Lager führen sie auch ein fruchtiges Pale Ale mit den Hopfensorten Admiral, Cascade, Olicana, Chinook und Jester sowie ein Session IPA mit Amarillo, Athanum und Liberty im Sortiment. Ihr Motto: „Beer with more Taste, World without Waste“. Damit leisten die Brauer einen starken Beitrag zum Thema Lebensmittelverschwendung, denn in England landen immerhin 44 Prozent des gesamten Brotes im Müll.

Erschienen im Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Kommentar: Das Schweigen der Zapfhähne

Es ist ein wahrlich bedenklicher Zustand: Dreiviertel aller Gastronomen fürchten wegen andauernder Covid-19-Beschränkungen und daraus resultierenden Umsatzeinbrüchen inzwischen um den Fortbestand ihrer Betriebe, wie aktuelle Umfragen der Branchenverbände ergeben. Es müsse sogar damit gerechnet werden, dass jeder vierte Betrieb in Insolvenz gehe.

Der Eiertanz der Bundesländer zwischen Geboten und Verboten, mit seinen Ausgangssperren, Maskenpflichten und Kontaktbeschränkungen, nervt inzwischen die ganze Szene rund ums Bier und schürt Insolvenzängste. Besonders betroffen sind Brauereien mit angeschlossener Gastronomie. Ihnen fehlt durch das Corona-Chaos im Lande derzeit jegliche Planungssicherheit. Die gesamte Branche – Wirte wie Brauer – fühlt sich von der Politik allein gelassen und wegen neuer Virus-Mutationen grassiert bereits die Angst vor dem nächsten Lockdown.

Dabei haben sich insbesondere die Gastronomen, wie kaum eine andere Berufsgruppe, geradezu heldenhaft an die strengen Corona-Auflagen gehalten. Sie haben Hygienevorschriften und Maskenpflichten zementiert, Trennwände installiert, Tische versetzt, sowie neue Heizsysteme und Luftreiniger gekauft. Da trotzdem die Zapfhähne schweigen müssen, versuchen viele Betreiber das Geschäft irgendwie noch mit To-Go-Angeboten am Laufen zu halten – aber die Einnahmen decken nicht einmal die Kosten.

Zwar wurden den Gastronomen großzügige Finanzhilfen versprochen, doch vielerorts werden – wegen angeblich mangelhafter Software – Abschlagszahlungen entweder gar nicht oder nur scheibchenweise ausgezahlt. Das alles ist ziemlich peinlich für diesen Staat. 

Viele Gastronomen und Brauer denken gerade darüber nach, das Handtuch zu werfen. Aber trotz all dieser Umstände wäre ein unüberlegtes Kapitulieren definitiv der falsche Weg. Auch die Welt vor exakt hundert Jahren war von Unternehmenspleiten, Massenentlassungen und einer spanischen Grippe-Pandemie geprägt, die mehr als zwanzig Millionen Tote forderte. Danach begannen jedoch die golden zwanziger Jahre, in denen das Leben in den Städten tobte wie nie zuvor und die Zapfhähne in den Taprooms, Bierbars und Szene-Kneipen wieder glühten.

Erschienen im Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Brewdog & Aldi Süd: „Ald IPA“ – das wohl strittigste Bier des Jahres

Über kein Bier wird in der Craft-Szene gerade mehr gelästert, gezetert und diskutiert als über das „Ald IPA“ von Brewdog und dem Discounter Aldi Süd. Es gibt bereits Videos im Netz, wo Geeks das Bier in den Gulli kippen, immer mit der Bemerkung, dass es sich dabei keinesfalls um ein Craftbier, geschweige denn um ein IPA handelt. Allerdings sind aber auch dezidiertere Meinungen – sogar von Kreativ-Brauern – zu lesen, die den Aldi-Deal als geschickten Schachzug von Brewdog für die hiesige Craft-Branche verstehen.

Die ganze Aufgeregtheit hat mich bestärkt, das Bier, bei dem es sich um ein „Easy India Pale Ale“ mit 4,2 Prozent handelt, mal zu kaufen und zu verkosten. Gehopft haben es die Brauer in der Berliner Brewdog-Stätte mit den amerikanischen Hopfensorten Chinook und Ahtanum. So fließt der Discounter-Sud goldgelb und glanzfein ins Glas, ein schneeweißer, fein- bis mittelporiger Schaum liegt oben auf.

Das Bier duftet würzig, malzig und zart nach Zitrone und Grapefruit. Erfrischend und mit prickelnder Kohlensäure fließt das Bier über die Lippen. Im Geschmack zeigen sich malzige Noten, die eine sanfte Honigsüße mitbringen, und eine zurückhaltende Fruchtigkeit von Zitrone und Birne. Ein leicht grasiger Touch hält sich im Hintergrund. Im Finish zeigt sich das Bier trocken und mit einer durchaus angenehmen Herbe.

Fazit: Auch wenn jetzt vielleicht einige Crafties an die Decke gehen, so erlaube ich mir als Biersommelière ein objektives Urteil: Beim „Ald IPA“ handelt es sich wahrlich um ein frisches, knackiges, sauberes und süffiges Bier. Dass man bei einem Preis von 1,29 Euro pro 0,5 Liter Dose keinen Einsatz von kiloweisen Hopfen pro Hektoliter erwarten kann, dürfte jedem klar sein. Die Bezeichnung „Easy“ sowie eine Deklaration als Schankbier lässt eigentlich schon vermuten, dass es sich um ein schlankes, unkompliziertes Bier handelt.

Dennoch dürfte der Trunk eingefleischte Craft-Fans etwas enttäuschen. Sowohl im Bukett als auch im Geschmack präsentiert Brewdog hier eher einen Lager-Charakter als ein fruchtiges, modernes IPA – wie man es sonst von den Brauhunden gewöhnt ist. Zugegeben, die Erwartungshaltung war deswegen bei mir auch etwas höher. Etwas mehr Fruchtcharakter würde dem Bier definitiv nicht schaden. Aber: ich ignoriere einfach die Bezeichnung IPA und sehe den Sud nur als handwerklich ganz sauberes Bier, das knackig-frisch daherkommt und sich als unkomplizierter Begleiter zum Grillen oder als Durstlöscher sehr gut eignet.

Im Kern bin ich überzeugt, dass so ein Bier vom Discounter, gebraut von einer Szene-Größe wie Brewdog, durchaus eine Chance für die hiesige Craftbier-Branche sein kann, denn immerhin wird hier eine völlig neue Zielgruppe mit dem Thema konfrontiert. Und wer erst mal Spaß an so einem Einsteiger-Trunk bekommen hat, greift beim nächsten Mal vielleicht zu einer anderen Craft-Variante.

Frau Gruber & Brewheart: Erdnuss prallt auf Schokolade

Erdnussbutter mag ich in Reinform eigentlich überhaupt nicht. Im Bier dafür seltsamerweise aber umso mehr. So war ich schon voller Vorfreude, als ich las, dass Frau Gruber und Brewheart gemeinsam ein Chocolate Peanut Butter Imperial Stout rausbringen. Der nachtschwarze Sud heißt „Psychodelic Peanuts“ und legt ordentliche 10,8 Umdrehungen vor. Gebraut ist das Bier mit 25 Prozent Erdnussbutter und Kakaobohnenbruch – also ohne jegliche Zusatzstoffe, die sonst gern mal in Peanut Butter-Sorten stecken.

Beim Einschenken fließt das kräftige Stout geradezu wie Motoröl ins Glas. Ein dunkelbrauner, feinporiger Schaum toppt die Optik. Ein verführerischer Duft befeuert Aromen von Erdnüssen, Schokolade und Toffee in die Nase. Auf der Zunge präsentiert sich der Sud als saftige Melange mit einem sahnig-cremigen Mundgefühl. Im Geschmack zeigen sich primär die Erdnüsse und eine süßliche Schokoladenote. Dazu gesellt sich ein leicht salziger Anklang. Im Finish bleibt das Bier noch lange und etwas adstringierend zurück – ein echter Hammer.

Fazit: Das Experiment ist auf jeden Fall gelungen. Keine aufdringliche Bonbonniere, sondern ein schnörkelloser und direkter Trunk, bei dem Aromen von Nuss und Schokolade deutlich im Vordergrund stehen. Zugegeben stört mich etwas diese salzige Note, die ein bisschen den Eindruck nach gesalzenen Erdnüssen aus der Tüte weckt. Aber als Digestif ist dieser Collab ein wahrlich charakterstarkes Bier.

Schneider Weisse: Kellergereifte Cuvée aus dem Holzfass

Dass es sich wirklich lohnen kann, ein Bier mal ein paar Jahre im Keller reifen zu lassen, beweist das „Cuvée Barrique Tap X 2017“ von Schneider Weisse aus dem niederbayerischen Kelheim. Braumeister Peter Drexler verschnitt diesen Weizendoppelbock einst mit „Mein Aventinus“ und „Aventinus Eisbock“. Der Mixed-Sud reifte daraufhin zur perfekten Vollendung mehrere Monate in Eichenfässern.

Nach nun knapp vier Jahren zusätzlicher Lagerung im hauseigenen Bierkeller präsentiert sich das „Cuvée Barrique“ in einem rotbraunen Gewand und mit einem cremefarbenen, feinporigen sowie instabilen Schaum. Es duftet noch immer nach dem Fass. Ergebnis:  Noten von Vanille und Holz – und im Hintergrund strömt noch etwas Kokosnuss in die Nase. Dazu gesellen sich fruchtige Aromen von überreifer Banane, Rosinen und Dörrpflaume sowie ein gewisser Touch von Karamell, Schokolade, Leder und Lagerfeuer. Im Antrunk zeigt sich der gereifte Weizendoppelbock angenehm säuerlich-aromatisch mit einer feinen Rezenz. Der Körper präsentiert sich vollmundig. Die Säure ist harmonisch eingebunden, während sich eine sanfte Süße im Hintergrund bewegt. Im Geschmack spiegelt sich das Aromaspiel des Buketts. Das Finish gestaltet sich trocken und ein säuerlicher Eindruck bleibt noch lange zurück.

Fazit: Ich habe das Bier schon 2017 probiert, als es frisch auf den Markt kam. Schon damals war es ein hoher Genuss, aber Jahre zusätzliche Reifung haben mit den damit verbundenen Alterungsnoten aus dem Sud eine ganz besondere Aromawucht gemacht. Ich bin begeistert und freue mich auf noch weitere Biere, die in meinem Keller zur Reifung schlummern.

Destihl Brewery: Wild, salzig und fruchtig

Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen: Was passt da besser als ein fruchtiges Sauerbier? Ich habe mir mal die „Pina Colada Gose“ von der Destihl Brewery aus Normal, Illinois, eingeschenkt. Dabei handelt es sich um ein Wild Sour, das neben Ananas und Kokosnuss auch mit Koriander sowie Meersalz gebraut ist. Diese goldgelbe Spezialität besitzt 5,7 Prozent Alkohol. Ganz kurz liegt ein weißer Schaum oben auf.

Der Duft schafft ein bisschen Sommer-Feeling. In die Nase schießen genau die Aromen, die der Name des Bieres bereits erwarten lässt. Das Wild Sour duftet nach Ananas und Kokosnuss – wie eine Pina Colada also. Auf der Zunge zeigt es sich prickelnd, frisch und mit angenehmer Säure. Im Geschmack dominieren auch wieder die fruchtigen Aromen, die sich mit einem sanften Koriander-Touch kombinieren. Das Salz dringt ebenso durch und lässt das Mundgefühl ein wenig moussieren. Das Finish macht sofort Lust auf den nächsten Schluck.

Fazit: Ein tolles Wild Sour, das mir wegen seinem vielfältigen Aromaspiel viel Spaß beim Verkosten gebracht hat. Kann ich mir sehr gut als spannenden Aperitif oder zu sommerlichen Salaten vorstellen – oder aber einfach als Genusserlebnis auf der heimischen Terrasse.