Craft-Bier beim Discounter: Ist das der Tod der Kreativbiere? Oder ein positives Signal für den Durchbruch?

1448009305149Feiner Hopfen machte eine Kurzumfrage bei Craft-Experten, hier die Antworten:

Matthias Thieme, Inhaber Biervana in München:

Weder noch. Vermutlich nur der Beweis, dass Craft-Bier als Thema so langsam in der „Mitte der Gesellschaft“ ankommt. Wer die „Deluxe“ und „Feine Welt“ und Wasweißichnoch-Marken der großen Discount- und Lebensmittel-Ketten kennt, konnte ja schon länger annehmen, dass es dort auch bald so eine Art Craft-Bier geben wird. Immerhin gibt es dort ja schon seit Jahren Barolo-Weine, Parma-Schinken und andere Feinkost-Artikel. Keine Überraschung sondern eher Business-as-usual.

Im Falle der Lidl-Biere ist eigentlich nur zu bemerken:
– Wow: Lidl ist schneller als Aldi

– Die Biere sind handwerklich ordentlich – aber auch nix, was einem den Schlaf raubt. Meiner Meinung nach aber zumindest besser als der Kram von Becks – was allerdings auch keine Kunst ist

– Die Gestaltung der Flaschen und der Werbung im Prospekt ist erschreckend lieblos und mit einigen atemberaubenden Fehlern durchsetzt

Fazit: Liebloser, seelenloser Discounterkram. Man reitet die Welle und ist vom Kern des Themas Craft-Bier unendlich weit entfernt. Ob das die Mehrzahl der Lidl-Kunden interessiert? Wohl kaum.

 

Johannes Tippmann, Leiter der Forschungsbrauerei Weihenstephan:

Mit der Präsentation von drei Craft-Bier-Sorten hat ein deutscher Discounter vor kurzem eine große Diskussion angestoßen, die teils positiv, teils negativ bewertet wird. Was es bringen wird, ist auf jeden Fall spannend.

Positiv an dieser Entwicklung ist, dass Craft-Bier damit vollends in Deutschland angekommen ist. Eine große Biermarke aus Deutschland hat ja dieses Jahr eine ähnliche Linie präsentiert. Dies alles wäre nicht der Fall, würde von Seiten der Konsumenten kein Interesse daran bestehen. Die von vielen Seiten in den letzten Jahren investierten Mühen, das Image und die Vielseitigkeit des Bieres darzustellen, scheinen sich also zu lohnen.

Kritisch muss man allerdings auch sehen, dass die Craft-Bier-Bewegung ein Stück weit davon lebt, dass die entsprechenden Biere etwas Besonderes sind und nicht der Massenproduktion entsprechen. Interessant ist, wie sich eine ähnliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten ausgewirkt hat. In sogenannten „Blacklists“ werden Craft-Breweries, die von großen Konzernen übernommen wurden, gesammelt und der Konsument dadurch darüber aufgeklärt, wer oder was dahinter steckt. Dies passiert nicht ohne Hintergrund: die Bewegung versucht auf diese Weise den ursprünglichen Craft-Gedanken zu stärken und die Konzerne aus diesem Marktsegment heraus zu halten.

Wie es sich mittel- bis langfristig auswirken wird, bleibt ungewiss. Und schlussendlich wird alles über den Konsumenten entschieden. Lässt er sich darauf ein, haben solche Biere mit Sicherheit eine Chance. Ist er aufgeklärt genug, wird es solche Biere nicht kaufen, sondern eher auf die klassischen Craft-Biere zurückgreifen.

 

Kolja Gigla, Brauer bei Mashsee in Hannover:

Ich sehe grundsätzlich keine Gefahr durch Craft-Biere im Discounter (funktioniert ja auch in den USA, nur da hatte die Craft-Bier Szene auch die Zeit sich zu entwickeln, bevor andere das große Geld gewittert haben). Trotz gleicher Bierqualität werden ja auch die Industriebiere eher über den normalen Einzel- oder Getränkehandel verkauft. Ein gleich gutes Plagiat wird nie erfolgreicher laufen als das Original. Zumal das Plagiat in diesem Falle nicht mal ein wirkliches Original hat. Und das was man kopieren möchte, wird bei Weitem nicht erreicht.

Ich halte es allerdings, wie auch bei der namhaften Brauerei aus Bremen, für einen verfrühten Vorstoß. Der in diesem Falle sicherlich vorerst nicht von langer Dauer sein wird, nachdem das erste Interesse eher begrenzt ist.

Während man Beck´s allerdings fast noch ein Dankeschön für die flächendeckende Werbung zugunsten des Bierstils Pale Ale aussprechen muss, sehe ich bei diesem Discounter-Projekt keinerlei positive Auswirkungen auf das Thema Craft-Bier. Da werden Präsentationsmuster anderer Großkonzerne kopiert, mit Marketing blabla und anonymen Braumeister-Signaturen, ohne die nötige Qualität des Inhalts zu servieren. Ein Schaf im Wolfspelz quasi, ohne die Anzugskraft einer im Bewusstsein der Verbraucher verwurzelten, echten Marke.

Dadurch werden meiner Meinung nach eher Kunden für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Thema Craft-Bier abgeschreckt und – anders als bei dem Vorstoß von Beck´s – das Lager derjenigen, die Craft-Bier für einen Hipster-Trend halten, vergrößert. Auch wird dadurch das Preisverständnis für Craft-Biere gestört.

Es fehlt aktuell einfach noch der flächendeckende Bedarf an Craft-Bieren. Erst wenn der erreicht und von “echten” Anbietern abgedeckt ist und die geschmackliche Qualität der Anbieter-Brauereien deutlich näher dran ist, kann Craft-Bier im Discounter dauerhaft funktionieren. Preislich letztlich nur aus dem Grunde, dass solche Verträge mit Discountern so knapp kallkuliert sind, dass den Produzenten im Kampf um jeden Hektoliter Verkaufsbier häufig nur Erträge im Cent-Bereich auf ganze Kisten bzw. Europaletten bleiben.

Unterm Strich sind wir als Brauer aber einmal mehr gefragt uns klar gegenüber solchen Schnellschüssen abzugrenzen.

 

Stefan Stang, Geschäftsführer „Private Brauereien Bayern“in München:

Der Lidl Deal hat nicht mehr verschreckt, da er schon angekündigt war. Momentan sehe ich das entspannt, denn man muss erst mal sehen ob diese „Craft Biere“ sich geschmacklich vom Industrie-Mainstream absetzen werden. Erst vor kurzem hat ein sehr großer internationaler Braukonzern versucht drei „besonders innovative Craft Biere“ auf dem Markt zu etablieren. Geschmack und Verkaufserfolg sind aber meines Erachtens überschaubar. Zum Glück können die (Craft-) Biertrinker differenzieren, haben mittlerweile ein stetig zunehmendes Craft Beer Segment und geben für gutes und ehrliches Bier dann auch gutes Geld aus. Siehe aktuelle GfK Zahlen für Bier: Preiseinstieg verliert, Spezialitäten legen zu!

Mail an…: Biersommelier Fabian Harrwich über verwirrende Craft-Bier-Preise

Fabian Harrwich und ich im Craft Beer Store in Hamburg
Fabian Harrwich und ich im Craft Beer Store in Hamburg

Die Verkaufspreise bei manchen Craft-Bieren lösen immer wieder Diskussionen unter den Fans aus. Darf ein Bier wirklich 25 Euro kosten, oder schrecken solche Preise nicht eher potentielle Craft-Bierfans ab? Zurzeit besteht ein echter Preiswirrwarr, der so manchen Genießer verunsichert und sogar abschreckt. Ist ein Bier, das zehn Euro kostet wirklich besser als ein handwerklich hergestelltes Bier für zwei Euro? Was darf ein gutes Craft-Bier wirklich kosten? Biersommelier Fabian Harrwich, der beim Craft Beer Store in Hamburg arbeitete und jetzt bei der Ratsherrn Brauerei tätig ist, vertritt dazu eine eigene Meinung:

Für mich gehört es neben dem Brauen spannender, innovativer, kreativer Biere genauso dazu, dass der Brauer sein Produkt entsprechend für den Verkauf kalkuliert. Ein Craft-Bier zeichnet sich, je nach Bierstil, u.a. dadurch aus, dass der Anteil der eingesetzten Zutaten höher ist. Also mehr Hopfen bei Pale Ales und IPAs oder mehr Malz bei Stout sowie Porter. Von daher sind allein die Herstellungskosten schon höher, als bei einem Bier das in großen industriellen Maßstäben produziert wird. Auch der Zeitraum, in dem ein Craft-Bier entsteht, dauert in den meisten Fällen länger und ist mitunter auch aufwendiger.

Auf der anderen Seite finde ich es allerdings noch viel wichtiger, dass die Verbraucher verstehen, warum ein Produkt auch mal etwas mehr kostet. Ist es qualitativ hochwertig, dann gestaltet sich der Preis eben auch mal etwas höher. Ich ziehe hier gerne den Vergleich zu guter Schokolade, Kaffee oder auch Wein. Bei diesen Produkten hat der Verbraucher bereits „gelernt“ nicht gedankenlos zu konsumieren, sondern sich mit den Geschmäckern, Aromen und Eindrücken mehr auseinander zu setzen. Der Preis sollte nicht vor einem Kauf abschrecken.

Ob ein Bier nun 25 Euro kosten darf, hängt von dem Bierstil ab. Für einen im Bourbon Fass gelagerten Doppelbock in einer 0,75 Liter Flasche ist dieser Preis absolut gerechtfertigt, wo hingegen für ein 0,33 Liter Pale Ale schlichtweg abstrus. Der entsprechende Preis sollte sich aus drei verschiedenen Faktoren gestalten: Gebindegröße, Bierstil und Herstellungskosten. Sein Bier unter Wert zu verkaufen ist genauso unfair gegenüber den anderen Craft-Bier-Brauern, wie astronomische Preise zu verlangen. Fazit: Ein gutes Ale darf so viel kosten, wie es dem Brauer wert ist.

Craft-Bier-Szene Berlin: Wo Brauereien, Shops und Kneipen wachsen…

Markus Raupach
Markus Raupach

Der fränkischen Bierpapst und Sommelier Markus Raupach hat eine „Berliner Bier-Bibel“ über die Craft-Szene in der Hauptstadt geschrieben. Für dieses spannende Projekt war er mehr als zwei Jahre im Milieu unterwegs, sprach mit allen wichtigen Brauern und probierte die schmackhaftesten Biere selbst. Herausgekommen ist ein beachtliches Werk, in dem er alle aktuellen Brauereien mit ihren Geschichten und Protagonisten sowie die wichtigsten 150 Örtlichkeiten vorstellt. Markus Raupach belegt damit, dass Berlin nicht nur das politische Zentrum Deutschlands ist, sondern auch das Epizentrum der hiesigen Craft-Bierbewegung. In seinem Kommentar analysiert er warum es dazu kam und gibt Tipps für die interessantesten Locations:

„In Berlin ist in den letzten fünf Jahren eine komplett neue Bierszene gewachsen, die quasi die vierte Bier-Evolution in der Stadt darstellt. Es fing alles einmal an mit den großen Brauereien der Gründerzeit im 19. Jahrhundert, wie etwa Schultheiss, Kindl etc. Damals war die Berliner Weiße das Bier der Stadt. Doch Industrialisierung und das Ende des kaiserlichen Bürgertums wendeten das Blatt: Untergäriges Bier nach bayerischer Brauart bestimmte nun das Geschehen. Ein krasser Komprimierungsprozess setzte ein, an dessen Ende von einst über 300 Braustätten nur noch eine Handvoll übrig blieben.

Ende der 1980er Jahre schließlich kam das Thema Gasthausbrauerei in Berlin an: die heutige Lemke-Brauerei am Charlottenburger Schloss öffnete ihre Pforten, das Brauhaus Spandau folgte, später die Meierei und das Forsthaus Templin in Potsdam und schließlich die Brauerei am Köpenicker Schlossplatz. Heute sehen wir die Kinder der neuesten Bier-Revolution in voller Blüte. Kreative Craft-Brauer, meist ehemalige Hobbybrauer, bieten ihre vielfältigen Kreationen in der Hauptstadt an. Manchmal im Guerilla-Stil bei wüsten Underground-Partys, manchmal aber auch schon ganz offiziell bei hochrangigen Events in der Metropole. Der Bundespräsident schenkt Rollberg-Bier aus, bei Vernissagen gibt es Heidenpeters und bei Museumseröffnungen rollt das mobile Ausschankrad von Flying Turtle an. Viele Biere haben sich vom Reinheitsgebot verabschiedet. Wacholder, Kirschen, Gewürze… all das findet sich in den neuen Berliner Bieren. Dazu kommen natürlich alle Bierstile der Welt, sogar babylonisches Bier wird gebraut oder das wiederentdeckte Gebräu des großen Kurfürsten und natürlich wurde auch die echte Berliner Weiße neu aufgelegt. Dafür haben Brauer wie Andreas Bogk oder Michael Schwab die alten Bakterienkulturen rekonstruiert und kredenzen faszinierende Biere.

Ausgeschenkt wird ebenfalls in zahlreichen neuen Locations, die bereits schon wieder geschlossen sind, wenn ihr Name in der Stadt gerade bekannt geworden ist. Heute stehen Hopfenreich, Monterey Bar, Bierkombinat Kreuzberg und viele andere für die Berliner Bierszene. Nachtschwärmer finden im „O Tannenbaum“, der „Yuma Bar“ oder in den „5 Ziegen“ eine Heimat.“

„Mail an…“: Biersommelière Sandra Ganzenmüller zum Thema „Bio-Bier“

Biersommelière Sandra Ganzenmüller
Biersommelière Sandra Ganzenmüller

Auch in der Craft-Bier-Szene rühmen sich inzwischen auch immer mehr Brauereien damit, Bio-Biere zu produzieren. Aber was ist eigentlich ein biologisches Craft-Bier und sind Brauer nicht allein durch das Reinheitsgebot an einen chemiefreien Einsatz von Rohstoffen gebunden. Meine Frage an Biersommelière Sandra Ganzenmüller, Chefin der Münchner Agentur „zweiblick“:

Was ist eigentlich Bio-Bier und wie unterscheidet es sich von herkömmlichen Suden?

 

Meine berufliche Karriere begann nach dem Studium in Weihenstephan in der damals größten, deutschen Bio-Bäckerei, der „Hofpfisterei“, und seit dieser Zeit habe ich die Biobranche immer beobachtet und begleitet. Also eine doppelt spannende Frage. Im Grunde genommen sind deutschen Brauer durch ihre Bindung an das Reinheitsgebot meiner Meinung nach schon einen Schritt näher an der Grundhaltung und Philosophie der Biobranche als manch anderer Lebensmittelhersteller.

Genau wie mein damaliger Chef Ludwig Stocker im Brotbereich ist für mich Dr. Ehrnsperger, Neumarkter Lammsbräu, der Bier-Bio-Pionier. Er hat sich Mitte der 1970er Jahre die Frage gestellt, ob es ausreicht nach dem deutschen Reinheitsgebot zu brauen, oder ob man auch als Brauer, trotz Reinheitsgebot, nicht die gesellschaftliche Verpflichtung hat, durch den gezielten Einsatz von Rohstoffen aus ausschließlich ökologischem Anbau Bier im Einklang mit der Natur herstellen. Und damit sind wir genau am Punkt der Frage angelangt – wo liegt der Unterschied zwischen Bio-Bier und konventionellen Bieren. Der entscheidende Unterschied sind die Rohstoffe, nicht der Brauprozess. Um ein Bio-Siegel auf dem Etikett tragen zu können, müssen mindesten 95 Prozent der Rohstoffe aus dem ökologischen Landbau stammen. Die restlichen fünf Prozent dürfen nur dann aus der konventionellen Landwirtschaft herangezogen werden, wenn diese nicht in Bio-Qualität auf dem Weltmarkt verfügbar sind. Dies ist beim Bier nicht der Fall. Sind diese Mindestkriterien erfüllt, finden Verbraucher seit Juli 2010 verpflichtend das EU-Bio-Siegel auf dem Bier. Viele Brauereien gehen noch einen Schritt weiter und haben sich Verbänden wie Bioland, Naturland oder Demeter angeschlossen, deren Richtlinien in vielen Produktbereichen strenger sind als die der EU. Aber ich denke, es führt zu weit, hier ins Detail zu gehen. Für die Verbraucher ist das EU-Siegel ein guter Wegweiser, ein weiteres Verbandssiegel bestätigt ihn beim Kauf von Bio-Bier zusätzlich.

Mit dem Reinheitsgebot im Gepäck werden hervorragende Biere gebraut, die bei regelmäßigen Analysen zeigen, dass keinerlei Grenzwerte überschritten werden. Biobrauer gehen insofern einen Schritt weiter, dass sie sich durch ihre Haltung der Schonung der natürlichen Ressourcen, transparenten Produktionsprozessen, der Pflege und dem Erhalt der Kulturlandschaft sowie der Unterstützung und Stabilisierung des ländlichen Raums verschrieben haben. Eine Haltung, die aber auch sehr viele inhabergeführte, kleine und mittelständische Brauereien bereits seit langem in ihren Zielen haben. Ich persönlich bin der Meinung, dass es in anderen Lebensmittelbereichen wichtiger ist, auf Bio zu achten. Bier ist durch die Rohstoffe, die in Deutschland angebaut werden, sowie dem Brauprozess von Haus aus schon mehr „bio“ als beispielsweise eine Schokolade – salopp gesagt.

Wer tiefer in das Thema einsteigen und Bio-Brauereien besuchen möchte, dem lege ich das Buch „Bierführer Deutschland Bio-Brauereien I Bio-Biere“ des Kollegen Harald Schieder ans Herz. Er erklärt im Details, welche Richtlinien Bio-Brauer berücksichtigen müssen, damit ihre Bierspezialitäten das EU-Bio-Siegel tragen dürfen und welche Bedeutung weitere Siegel aus der Branche haben. Das Buch ist ein umfassender Führer durch die Bio-Brauerei-Landschaft Deutschlands und so geführt können Interessierte den Test antreten, ob Bio-Biere anders schmecken als konventionell hergestellte. Denn bio hin, konventionell her, letztlich entscheidend ist für mich, ein Bier soll immer ein Genuss sein und Freude bereiten.

„Mail an…“: Esther Isaak de Schmidt-Bohländer von den Barley’s Angels zum Thema „Frauen und Craft-Bier“

Esther Isaak de Schmidt-Bohländer
Esther Isaak de Schmidt-Bohländer

Lange Zeit war Bier eher ein Getränk für durstige Männer. Mit der Entwicklung der Craft-Bier-Szene in Deutschland entstand eine neue Biervielfalt, mit Aromen von Mango, Papaya oder Schokolade, die immer mehr Frauen begeistern. Meine Frage an Esther Isaak de Schmidt-Bohländer, Mitinitiatorin des deutschen Vereins der Barley’s Angels und Chefin des Bierlands in Hamburg: Was macht Craft-Bier so interessant, dass sich immer mehr Frauen dafür entscheiden?

Wir sind in dieser ganzen Entwicklung erst am Anfang. Allgemein geht es um eine Biertrinkkultur und damit eng verbunden um Biere, die dazu passen. Wir Frauen können in der Regel deutlich mehr Gerüche wahrnehmen als Männer. So hat die Natur uns ausgestattet. Eine weitere Charakteristik ist, dass wir uns schneller langweilen und nicht so ritualisiert sind wie die Männer. Das heißt konkret, dass wir nicht drei Jahrzehnte allabendlich dasselbe Bier dreiliterweise trinken wollen. Und noch ein Phänomen spielt eine Rolle: Wir unterhalten uns gerne. Was will man denn über ein Pils groß reden, zumal der Geruch aus grünen und durchsichtigen Flaschen schon oft an Kuhstall erinnert. Gleichzeitig sehe ich Craftbier als ein Phänomen aus der Foodieszene. Erst waren es Kaffee und Schokolade und jetzt eben Bier. Gehen wir nach Belgien: Da ist Bier seit jeher Alltagskultur- dahin müssen wir kommen. In unseren Frauenrunden fallen bisher die meisten deutschen Craftbiere durch, weil sie einfach noch zu fehlerhaft sind. Frauen wollen Qualität und merken sehr schnell, wenn etwas halbfertig ist. Bier ist so vielseitig und wenn wir komplexere Biere bekommen, werden wir auch zunehmend mehr Frauen überzeugen. Dazu wird dann aber auch kommen müssen, dass die Gastronomie ihr Personal schult und dass das Niveau der Vermarktung seriös und nachvollziehbar wird. Craftbier ist nicht von uns, aber wir haben Chancen auf einen hohen weiblichen Marktanteil, wenn wir uns entwickeln. Bisher gehen – leider – noch weitaus mehr Frauen zum Oktoberfest als zu den Craftbierfestivals.

Mail an….Günther Thömmes zum Thema „öffentliche Degustationsnotizen“

Im Internet kursieren immer häufiger Diskussionen über die vielen Biertests von Bloggern. Sind die einen nicht zu unprofessionell, die anderen zu gefällig, andere vielleicht zu kritisch? – heißt es dort. Meine heutige Mail ging an den Bierexperten und Vordenker Günther Thömmes, auch bekannt als der „Bierzauberer“ aus Niederösterreich.

Foto: Thomas Strini
Foto: Thomas Strini

Mein Frage: Wie steht er als Braumeister und vielfältiger Hopfensaft-Genießer zu den vielfältigen Verkostungsnotizen im Internet steht?

Es ist derzeit sehr faszinierend zu beobachten, wie die Craftbier-Fans im deutschsprachigen Raum, seien es Blogger, Sommeliers oder „normale“ Bierfans, sprachlich und bewertungstechnisch in letzter Zeit einen Gang höher geschaltet haben. Waren es vor Monaten noch grobe Geschmacks- oder Gärfehler, die den Unmut der freiwilligen Tester erregt haben, so sind diese Biere inzwischen in einem „Bierdarwinistischen“ Ausleseprozess selektiert worden und weitgehend vom Markt verschwunden. Geblieben sind eine Menge guter, sehr guter, aber vor allem vielseitiger Biere. Biere mit eigenem Profil, die fast alle das m.E. wichtigste Kriterium guten Craftbiers erfüllen: Authentisch zu sein, mit Ecken, Kanten und einem eigenständigen, unverwechselbaren Profil. Dieses „erste Gebot“ wurde auch von Beginn an (im Sinne von: Beginn der Craftbier-Revolution hier bei uns) von allen relevanten Biertestern gefordert und unterstützt. Gerade durch diese Ecken und Kanten sollte ja die Abgrenzung von den, durch bierferne Marketingmenschen glattgeschliffenen, Mainstream-, Fernseh-, Industriebieren manifestiert werden. Der Charakter dieser Biere sollte an ihrer Unverwechselbarkeit festgemacht werden.So weit, so gut…

Doch im Moment habe ich den Eindruck, dass sich die Forderungen, Wünsche und Begehrlichkeiten der o.g. Biertester etwas geändert haben. Wann immer ich einen Blog, Test oder Artikel lese, in dem ein Bier getestet wird, finde ich Spuren von Kritik, die sich nicht mehr auf echte Bierfehler beziehen. Da ist immer mehr die Rede von „zu viel“, „zu wenig“, „unbalanciert“ oder ähnliches. Und zwar in Bezug auf genau die Geschmackskomponenten, die doch Anfangs so vehement gefordert wurden: Hopfen, Aromen, Bittere, Tannine, Ester, Fruchtnoten, Karbonisierung, Alkoholische Noten, Holz- und Barriqueflavour, undundund…

Ich sehe diese Detailkritik einerseits in der wachsenden Kenntnis der Tester begründet, die sich nicht mehr mit simplem Fehlern wie Diacetyl, Apothekengeschmack oder höheren Alkoholen abgeben und ihr frisch erworbenes Sensorik-Fachwissen auch bei den Biertests unter Beweis stellen wollen. Andererseits liegt in eben diesen immer ausschweifenderen Bewertungen mit peniblen, sensorischen Beobachtungen auch eine große Gefahr: Die Gefahr nämlich, dass die angesprochenen Brauer sich diese Bewertungen als Kritik so zu Herzen nehmen, dass sie anfangen könnten, ihre Biere eben dieser Ecken und Kanten zu berauben, um in den Biertests wieder mehr gelobt zu werden. Keine Versuche mehr anstellen möchten. Keine größeren Risiken mehr eingehen. Und das, ganz sicher, wäre der Anfang vom Ende! Dann wären wir mit dem Craftbier nämlich in einigen Jahren da, wo das Mainstreambier jetzt schon ist: Bei einem genormten, glattgeschliffenen Geschmack, der niemandem weh tut, der niemanden provoziert, den aber auch niemand so richtig geil findet.

Aber genau deswegen mag ich Biere mit Ecken und Kanten: Weil es geil ist!

„Mail an…“: Neues Format mit dem Thema „Terroir“ bei Craft-Bier-Rohstoffen

Neben „Mein Craft-Bier des Monats“ hier wieder ein neues Format „Mail an…“. Regelmäßig stelle ich Bierexperten nur eine aktuelle Frage per Email rund ums Thema unseres Lieblingsgetränks. Bei meinen Recherchen stieß ich in letzter Zeit immer wieder auf das Thema „Terroir“ und dabei über die Frage, wie wichtig ist die Lage beim Anbau der Rohstoffe für Top-Biere? Haben ein Hopfenfeld neben der Autobahn und ein Kornfeld am Bahndamm wirklich die Qualität für exzellente Craft-Biere? Oder werden wir in Zukunft eine ähnliche Entwicklung wie beim Wein erleben, dass auch die Lage über den Preis entscheidet. Harald Schieder, der nach 15 Jahren auf der Suche nach guten, ehrlich hergestellten Bieren nun auch die Herstellung der Rohstoffe in seinen Bierführern hinterfragt und die Produktion ökologischer Biere mit der Herstellung konventionell gebrauter vergleicht, gibt Antwort:

Bierexperte Harald Schieder
Bierexperte Harald Schieder

Feiner Hopfen: Herr Schieder, welche Rolle spielt bei der Qualität des Bieres das Terroir beim Anbau von Hopfen und Getreide und wie wichtig ist das Wasser?

Harald Schieder:

Da ich auch in der Weinbranche tätig bin, hat mich das Thema Terroir beim Bier schon länger interessiert. Doch bei welchen Rohstoffen können sich unterschiedliches Mikroklima oder Böden bemerkbar machen? Beim Getreide ist es durch das Kochen und die Vergärung relativ schwierig, im fertigen Bier Unterschiede festzustellen. In Heidelberg gab’s mal eine Brauerei, die einzelne Biere mit Getreide einzelner ‚Lagen’ (wenn man das bei Getreide so nennen möchte) angeboten hat. Bei einer Vergleichsverkostung waren allerdings keine markanten Unterschiede feststellbar. Ähnlich verhält es sich beim Wasser, da heute fast jeder an der Wasserqualität dreht und mehr oder weniger Mineralien herausfiltert. Interessant wird es natürlich beim Hopfen.

In einem Interview mit einem Bio-Hopfenbauern in Lilling erfuhr ich sehr spannende Details. Zum Beispiel, dass in seinem ‚Mikroklima’, dem Tal in dem sich seine Hopfenfelder befinden, unterschiedliche Felder unterschiedliche Aromanuancen hervorbringen. Dies mag am Boden liegen, aber auch an Windrichtung, Sonneneinstrahlung usw. – eben genau so, wie beim Wein der Begriff Terroir definiert wird, bis hin zur Handschrift des Winzers.

Also grundsätzlich ist dies möglich, allerdings leider im Biersektor noch bei weitem nicht so erforscht wie beim Wein. Das Problem hierbei ist ähnlich wie beim Getreide: Wenn der Hopfen ‚totgekocht’ wird, sind kaum noch Unterschiede erkennbar. Die grünen, floralen, kräuterigen, ätherischen Noten bis hin zu den unzähligen Zitrus- und anderen Fruchtaromen der ‚neuen’ oder amerikanischen Hopfensorten können nur ins fertige Bier transportiert werden, wenn sie im Rahmen der Kalthopfung nicht schon vorher abgetötet werden.

Dies ist mit Sicherheit ein sehr spannendes Betätigungsfeld, das allerdings noch langer Versuchsreihen bedarf. Aber gerade solche individuellen Unterschiede machen unsere Biere so spannend und ich glaube, viele kleine Brauer sind da auf dem richtigen Weg.