Kommentar: Stunde der Propheten

So mancher Craft-Fan dürfte erstaunt darüber sein, was selbsternannte Marktpropheten in letzter Zeit an Hiobsbotschaften über die Craft-Szene so rausposaunen: Demnach schwächelt der Absatz im Handel, die Branche habe ihren Zenit erreicht und alles in allem sei der Hype bei Kreativbieren inzwischen vorbei. Nach neusten Erhebungen des Marktforschungsinstituts Nielsen wurde 2018 im deutschen Einzelhandel angeblich erstmals weniger Craft-Bier verkauft als noch im Jahr zuvor. Der Markt für Craft-Biere – so das Urteil – befinde sich im Stadium der Konsolidierung.

Wir sollten uns grundsätzlich von solchen Umfragen nicht verunsichern lassen. Selbst wenn der Handel über sinkende Umsätze klagt, so darf man die vielen Craft-Events nicht vergessen, bei denen an einem Tag manchmal mehr ausgeschenkt wird als so mancher Supermarkt im ganzen Jahr verkauft. Vielmehr sollte der Einzelhandel auch mal über eine bessere Beratung zum Thema Kreativbiere nachdenken. Nur mal eben ein Regal mit alternativen Suden aufzustellen, reicht eben nicht aus.

Wenn sich der weltweit größte Braukonzern AB InBev an einem deutschen Craft-Pionier wie der Münchner Crew Republic beteiligt, mit Brewdog die wohl größte europäische Craft-Brauerei massiv in Berlin investiert, immer mehr Traditionsbrauereien sich an neue Hopfenbomben heranwagen und selbst einschlägige Braugiganten mit neuen Suden werben, kann das nicht bedeuten, dass ein Markt rückläufig ist. Ganz im Gegenteil. Forschungsergebnisse des renommierten Marktforschungsinstituts Mintel besagen vielmehr, dass Europa – und hier insbesondere Deutschland – inzwischen bei Produkteinführungen von Craft-Bieren sogar weitaus innovativer ist als Nordamerika.

Klar ist, der noch junge Craft-Markt durchlebt – wie auch jede andere Branche in ihren Anfangsjahren – gewisse Veränderungsprozesse. Konsolidierung ist dabei ein ganz normaler Prozess. Kreativbiere, so das Urteil wahrer Marktkenner, sind in der Gesellschaft angekommen. Definitiv! Auch wenn der Einzelhandel noch hinterherhinkt, steht fest: Der deutsche Craft-Biermarkt wird weiterwachsen und sich innerhalb einer Genussbranche weiter als feste Größe etablieren.

Erschienen in Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Kommentar: Zerplatzte Träume

Wer jemals einen öffentlichen Auftritt von Greg Koch erlebte, wird diesen wohl so schnell nicht vergessen: Der in der Branche wegen Langmähne und Rauschebart als „Bier-Jesus“ gefeierte Chef der amerikanischen Craft-Schmiede Stone Brewing, ließ gern symbolisch mit Hilfe von Gabelstaplern auch mal internationale Standardbiere mit zentnerschweren Felsbrocken zertrümmern. Deutschland war für ihn ein „altes und müdes Bierland“, welches er revolutionieren wollte.

Eigentlich hätte Koch solch markige Sprüche gar nicht nötig, denn sein Brau-Team überraschte immer wieder mit ganz wundervollen, wenn auch sehr starken Charakter-Bieren. Trotz toller Ideen und Innovationen, in der Bundeshauptstadt ein neues Biermekka für Craft-Fans aus ganz Europa zu schaffen, ist jetzt sein Traum zerplatzt. In der historischen Gasfabrik in Berlin-Mariendorf blieben leider die Pilger aus. Dass der Biertempel – nach nur 3-jährigen Engagement – an die schottische Kreativschmiede Brewdog verkauft wurde, bringt dem Stone-Gründer nun viel unberechtigte Häme ein.

Immerhin bekennt Koch, dass er sich mit seinem Projekt ziemlich verhoben hat, sein Vorhaben „zu groß, zu mutig und zu früh“ angegangen wurde. Aber er hat wohl auch die Einzigartigkeit der deutschen Bierbranche mit ihren weit über tausend regionalen Spezialitätenbrauereien etwas unterschätzt. Diese Bastion zu erobern, geht nicht allein mit hohem Dollar-Einsatz und Hauruck-Aktionen, sondern nur mit viel Geduld.

Die beiden Brewdog-Chefs, James Watt und Martin Dickie, haben offensichtlich eine etwas bessere Bodenhaftung als der extrovertierte US-Amerikaner Koch. Egal ob nun bei den Schotten ein voraussichtlicher Brexit bei diesem Deal eine Rolle spielt oder ob es nur ein cleverer Schachzug ist, um im deutschen Biermarkt sesshaft zu werden: Feinfühlig, bescheiden und mit weniger Tamtam haben sie ihre Ziele für Berlin formuliert (siehe auch Interview unter www.meininger.de). Craft-Fans dürfen nun gespannt darauf sein, mit welchen Ideen das Brewdog-Team die deutsche Craft-Szene aufmischen wird.  

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

Kommentar: Alles Quatsch!

Es ist kein Geheimnis, dass mit dem Erfolg der Craft-Bewegung auch Frauen wieder Geschmack am Bier gefunden haben – und zwar nicht nur als Konsumentinnen. Sie mischen als Kreativ-Brauerinnen die Szene auf, betätigen sich als Biersommelière und Craft-Bloggerinnen oder übernehmen die Brauereien ihrer Vorväter. Ihre Zahl nimmt dynamisch zu, seitdem sich Bier wieder deutlicher als Genussgetränk definiert.

Und schon tauchen in den Regalen immer mehr Hopfensäfte in verkorkten Champagnerflaschen auf, die mit klangvollem Produktnamen als spezielles Lady-Bier angeboten werden. Auf pinken Etiketten prangen neben viel Chichi-Symbolik sogar pudelnackte Romeos. Der Trend zieht sich bis in die Niederungen kleiner Landbrauereien. Vieles davon ist ziemlich peinlich und so mancher Trunk erweist sich im Glase schließlich nur als lukrativer Marketingtrick. Nichts gegen die wachsende Anzahl an speziellen Bier-Seminaren, Craft-Tastings und Brauereiführungen, die sich ausschließlich an ein weibliches Publikum richten. Aber was soll da eigentlich anders ablaufen als bei den Events für Männer?

Frauenbiere, so das gängige Vorurteil, sollten süß sein, nicht zu alkoholreich und nach Möglichkeit durch florale Duftnoten überzeugen. Alles Quatsch! Wie jüngste Umfragen in der Craft-Szene ergeben, trinken Frauen am liebsten ein gut gehopftes IPA mit ausbalancierten Fruchtnoten, ausgeprägter Frische, aber eher geringen Bittereinheiten – je exotischer, umso besser. Solche Sude liegen allerdings auch bei männlichen Craft-Fans im Trend. Und im Übrigen gilt: Auch Frauen wählen ihr Bier nach Stimmung, Umgebung, Gesellschaft, nach den Jahreszeiten oder der Situation.

Typische Frauenbiere gibt es also ebenso wenig, wie es heute im Bier-Business noch wirklich homogene Zielgruppen gibt. Im Klartext: Was Männer trinken, mögen auch Frauen und umgekehrt. Schließlich gibt es ja auch kein Spezialbier für Einäugige, Zwergwüchsig oder Fußkranke.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

Pudelnackte Romeos

Kommentar: Kampfplatz Gastronomie

Veex_Pixabay
Foto: Veex_Pixabay

Für alte Branchenhasen ist es längst eine Binse: Über Zukunft und Erfolg der Craft-Bierbranche wird maßgeblich die Akzeptanz in der Gastronomie entscheiden. Zwar zeichnet sich in urbanen Bars, Clubs, Kneipen und Restaurants bereits eine gewisse Dynamik ab, aber so richtig sind Kreativbrauer mit ihrem Bierabsatz noch nicht zufrieden.

Das Craft-Potential in der Gastronomie ist zwar enorm, aber die meisten Wirte haben die Bedeutung eines vielfältigen Bierangebots, wohl noch nicht überrissen. Wie sich mit einem attraktiven Bierangebot auch Image, Reputation und Umsatz steigern lassen, machen die in den Geburtsstunden der neuen Bier-Szene entstanden freien Kneipen und Restaurants gerade vor. Junge Konsumenten auf der Suche nach neuen Geschmacksabenteuern wollen sich jedoch den Craft-Kick nicht nur in Tap-Houses abholen, sondern auch bei ihrem Lieblingsitaliener, beim Chinesen oder in der Sushi-Bar. Hier liegen noch viele Absatzchancen brach.

Klar ist, Marken werden in der Gastronomie gemacht. Aber der Kampf um neue Gastro-Partner verlangt auch von Craft-Einsteigern viel Kreativität bei der Wahl des richtigen Sortiments, bei Events und Aktionen. Dabei fehlt es an potentiellen Craft-Tankstellen noch immer an Bierwissen und kompetenten Bedienungen, die ihre Gäste mit neuen Bierstilen vertraut machen. Ein spannendes Bierangebot – das ist inzwischen bewiesen – überrascht nicht nur den probierfreudigen Gast, es lockt auch neue, kaufkräftige Kunden an den Tresen. Dazu müssen sich die Wirte jedoch vor allem aus langfristigen Abnahmeverpflichtungen der Großbrauereien lösen. Wer als Kneipier nur ideenlos eine einzige Biermarke ausschenkt, hat kaum eine Überlebenschance, wie Kneipen- und Wirtshaussterben schmachvoll demonstriert.

Ein Tipp noch für alle Craft-Jünger: Immer wieder mal in Kneipe oder im Restaurant mit der Frage nach Craft-Bieren nerven. Irgendwann wird auch der behäbigste Schankwirt reagieren müssen.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

Kommentar: Keine Panik!

Erfolg zeigt manchmal sonderbare Seiten – auch in der Craft-Bierszene: Tonfall und Sitten werden rauer, Neid und Missgunst kennzeichnen heute so manche Diskussion, Brauer sticheln gegen Sommeliers, diese stänkern gegen neue Kreativbiere und selbst die Blogger-Gemeinde setzt ätzende Duftmarken. Es scheint, als habe die Devise aus den Anfängen „nur gemeinsam sind wir stark“, für viele Marktplayer inzwischen an Gültigkeit verloren.

Was aber soll der ganze Zoff? Es gibt weder Grund zum Streiten noch zum Jammern. Auch wenn der Anteil von Kreativsuden am Bierkonsum insgesamt noch relativ gering ist, hat sich Craft-Bier hierzulande doch ziemlich schnell etabliert und ist aus vielen Bars, Shops und Restaurants nicht mehr wegzudenken. Gewiss, der Markt steckt noch immer in den Windeln und wächst derzeit vielleicht nicht ganz so rasant, wie ungeduldige Tatmenschen in der Anfangshysterie erhofften. Wer die Craft-Branche jedoch nur als Goldgrube sieht, wird schnell Ernüchterung spüren. Man bedenke: Auch der US-Markt hat mehr als zwanzig Jahre gebraucht, bis er zur Erfolgsgeschichte wurde.

Es gibt also keineswegs Grund zur Panik, wenn mal wieder eine Craft-Kneipe schließen muss, finanzschwache Jungbrauer sich aus dem Markt zurückziehen, Landbrauereien glücklos das Spezialitätengeschäft aufgeben oder ehrgeizig gestartete Bier-Magazine nach wenigen Monaten dicht machen. Vielmehr geht es hier um ganz normale Turbulenzen in einer vor allem in Sachen Marketing noch unerfahrenen Wachstumsbranche. In ihrer ungestümen Startphase ist die Craft-Szene kein Revier für Zauderer und Zögerer – probieren, riskieren und experimentieren gehört zum Tagesgeschäft. Also Leute, übt euch einfach in Geduld, denn große Kessel kochen langsam, wie jeder Brauer weiß. Eines ist ganz sicher: Die Craft-Branche wird kräftig weiterwachsen und uns auch künftig mit wundervollen Suden überraschen.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

Kommentar: Helles contra Hopfenbombe

beer-2536111_1920Jeder Brauer braucht ein Bier, mit dem er Geld verdient. Wenn aber etablierte Crafter – berühmt geworden mit knackigen IPAs, Stouts & Co. – jetzt beginnen „simples“ Helles in die Flaschen abzufüllen, dann sorgt das für heftige Debatten.

So ist in der jungen Branche ein wahrer Richtungsstreit darüber entbrannt, ob ein Helles aus dem Kessel einer ideenreichen Craft-Hütte so richtig in die Szene passt oder ob man solche Sude lieber den Hektoliter-Riesen überlassen sollte. Fakt ist: Helles liegt plötzlich auch bei Kreativbrauern im Trend, spaltet jedoch die Craft-Community in zwei Lager. Was die einen aus Gründen der Trinkbarkeit für gut befinden, ist für andere ein Teufelswerk schlechthin. Aufgebrachte Hop-Guys prophezeien sogar mit Hinweis auf Authentizitätsverluste den Abgesang der ganzen Branche.

Das ist natürlich Quatsch. Zwar genießt das Helle mancherorts noch das Image austauschbarer Maurer-Biere und selbst große Marken kämpfen seit Jahren mit anhaltenden Anteilsverlusten. Stellt sich also die Frage, warum muss die hierzulande noch junge Kreativbierbranche jetzt auch noch Helles brauen, obwohl viele Bierstile längst nicht ausgereizt sind? Klare Antwort: Craft-Brauer brauchen dringend neue Zielgruppen, die ihnen anhaltendes Wachstum versprechen. Denn noch immer ist es nicht ganz einfach, notorische Maßtrinker mit finessenreichen Hopfenbomben zu beglücken.

Dass Jungbrauer auch auf der Klaviatur der Branchenriesen spielen, heißt jedoch keineswegs, dass ihre Sude nun zum Allerweltstrunk verkommen. Auch ein modern interpretiertes Helles mit spannender Rohstoffkombination kann zum wahren Craft-Vergnügen werden. So könnte sich in den kommenden Jahren eine Renaissance des traditionellen Hellen abzeichnen, das ursprünglich mal mit erheblich mehr Hopfenanteilen und Bittereinheiten gebraut wurde.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin.

Kommentar: Eskalation der Phantasie

Wahrscheinlich ist es selbst hartgesottenen Hop-Guys schon mal so ergangen. In letzter Zeit bin ich häufig über Craft-Biere gestolpert, die mit vogelwilden Rohstoffkombinationen an ihre Geschmacksgrenzen stießen: Pralle Hopfenzugaben und satte Malzkombinationen, inklusive IBU-Rekordwerte und sensationellem Alkoholgehalt. Das kann durchaus spannend sein, aber wenn die Balance nicht stimmt, wenn nach Kalthopfung und der Beigabe von Bohnenkraut und Chilischoten der Sud noch monatelang im Whisky- oder Cognac-Fass lagert, dann sind die meisten Konsumenten – ganz abgesehen vom Flaschenpreis – ziemlich überfordert. Sicher, es ist äußerst effektvoll, wenn das Etikett rund 20 Hopfen- und ein Dutzend Malzsorten anpreist. Aber wenn selbst Experten nicht mehr begreifen, was da am Gaumen eskaliert, ist wohl was schiefgelaufen.

Nichts gegen Experimentierfreude und tollkühne Geschmacksabenteuer, selbst wenn alle erträglichen IBU-Grenzen fallen. Aber so manch unharmonisches Gebräu bringt die noch junge Kreativbier-Branche nicht unbedingt weiter. So mancher Einsteiger dürfte von seinem ersten Craft-Genuss derart schockiert sein, dass er nie wieder ein Glas anrührt. Selbst die wahren Hop-Heads ziehen inzwischen Biere vor, mit denen sie schon mal einen ganzen Abend bestreiten können ohne gleich die Theke aus der Froschperspektive betrachten zu müssen.

Es ist durchaus ehrenvoll, wenn die kreativen Macher bei ihren Fans mit phantasievollen Gaumenerlebnissen punkten wollen. Aber nicht jeder Braumeister ist gleich ein Mikkel Bjergsø (Mikkeller), ein James Watt (BrewDog) oder Samuel Richardson (Other Half Brewing). Klar ist jedoch: Vielseitigkeit und Kreativität zählen zum Grundgesetz der Craft-Bierbranche, und ein richtig gutes Bier sollte sich innovativ, originell und überraschend präsentieren – aber es muss auch trinkbar und bezahlbar sein.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin.

Kommentar: Attacke auf einen heiligen Gral

Foto: Elena Hasenbeck
Cheers!

Wer heute auf den vielen neuen Brau-Events, auf Degustationen und in den bierigen Szene-Bars mit selbst ernannten Craft-Experten spricht, wundert sich über eine absonderliche Botschaft: Demnach sind IPAs jetzt plötzlich out, gelten als ebenso langweilig wie austauschbar. Mit Verlaub, das ist doch ausgemachter Blödsinn! Hinter solchen Attacken steht wieder mal ein unglücklich interpretierter Trend aus den USA. Dort sind IPAs nach 30 Jahren im Mainstream angekommen und führen in vielen der rund 1400 Brauereien die Liste obergäriger Spezialitäten an.

Dass jetzt einige besonders kreative US-Brauer meinen, sie müssten sich auch mal anderen Suden zuwenden, ist durchaus verständlich. Allerdings lautete eine Maxime aus dem Philosophie-Lexikon: Man muss ja nicht das eine tun, um das andere zu lassen. Es wäre jedenfalls grundfalsch, wenn vor allem deutsche Brauer jetzt ihre Fahnen in den US-Wind hängen und ihre IPAs auf die Abschussliste setzen würden. Der Markt hierzulande steckt noch immer in den Kinderschuhen und hat noch längst nicht seine Positionen erreicht. Dabei ist eines unbestritten: India Pale Ales waren hierzulande der Zündfunke, der überhaupt erst die verschlafene Bierbranche zum Brennen brachte.

Kreative IPAs haben inzwischen ihren Platz im Kühlschrank zahlreicher Liebhaber gefunden und gelten den meisten Hop-Heads als heiliger Gral. Zwar lässt sich über Geschmack bekanntlich gut streiten, aber eines gilt als gesichert: Kaum ein anderer Bierstil bietet bei über 200 Hopfensorten, einem Dutzend Malzklassen und unzähligen Hefekombinationen so viele Spielvarianten beim Brauprozess. Die Kombinationsmöglichkeiten all dieser Rohstoffe sind jedenfalls noch längst nicht ausgereizt und lassen in den kommenden Jahren noch so manchen Zaubertropfen erwarten. Dass einige Schlaumeier jetzt über eine IPA-Schwemme lamentieren, lässt sich wohl eher als Zeichen von Ignoranz oder Unkenntnis deuten.

Sind es nicht vor allem IPAs, die eine noch junge Craft-Bier-Szene in den Zeitgeist rücken und sich mit mutigen Hopfenkombinationen dem Einheitspils aus Funk und Fernsehen entgegenstemmen? Solche Fruchtgranaten erobern noch immer die Herzen von Männern und Frauen gleichermaßen. Vor allem Einsteiger wurden auf der IPA-Schiene erst in die Craft-Welten geleitet. Solange die Mehrheit unserer Landsleute beim Kürzel IPA noch eher die „International Police Association“ vermutet,  besteht kein Grund diesem Biertypus Lebewohl zu sagen. Und außerdem besagt eine alte Indianer-Regel: Totgesagt leben meist am längsten.

Erschienen im Craft Magazin.

 

Kommentar: Der Preis ist heiß

euro-1557431_1920Was darf eigentlich ein gutes Craft-Bier kosten? Bekomme ich einen akzeptablen Gegenwert, wenn ich mehr als 15 Euro für ein Ale hinblättern muss? Und wie werden die Verkaufspreise derzeit überhaupt kalkuliert? Fest steht: Der Markt kennzeichnet sich derzeit vor allem durch ein Preis-Wirrwarr, was die gesamte Community zunehmend  irritiert, verärgert und abschreckt.

Nach vielen Enttäuschungen ist faires Pricing bei Brauern, Händlern und Konsumenten eines der am heißesten diskutierten Themen. Immer häufiger protzen Brauereien, die jetzt auf den rollenden Craft-Bierzug aufspringen wollen, mit teuren Verpackungen,  Champagnerflaschen sowie edel designten Etiketten  und gaukeln damit eine Produktqualität vor, die den Preis des Inhalts meist in keiner Weise rechtfertigt. Nicht selten ist der Kronkorken teurer als der verwendete Hopfen. Solche Trickserei wird der Craft-Bier-Bewegung nachhaltig schaden.

Fakt ist: Ein richtig gutes Craft-Bier ist immer teurer als ein Standardpils vom Discounter. Alles was in handwerklichen Mengen produziert wird, basiert nicht nur auf teuren Rohstoffeinsatz sondern auch auf höheren Produktionskosten. Ehrliche Kreativbrauer benutzen in der Regel die besten Hopfen-, Malz- und Hefesorten. Viele füllen sogar noch per Hand ab und bekleben ihre Flaschen selbst. Ist das Bier dann noch monatelang im Rum-, Whisky- oder Weinfass gelagert, dann darf es gerne auch mal jenseits der zehn Eurogrenze rangieren.

Manchmal könnte man glauben, dass die deutschen Craft-Brauer noch kein wirklich funktionierendes  System für ein intelligentes Preisgefüge gefunden haben. Der Konsument fragt sich, warum ein IPA von Brauer A doppelt so teuer ist wie von Brauer B und ihm trotzdem nicht schmeckt. Gefahr ist vor allem in Verzug, wenn reiche US-Brauereien künftig ihre Dependancen in Deutschland gründen werden, die mit modernster Brautechnik, kostengünstigen Rohstoffen, mit guter Qualität und kleinen Preisen die Gourmets verwöhnen. Der Preiskampf hat gerade erst begonnen.

Erschienen im Craft Magazin.

Kommentar: Vom Selbstbild der Brauer

beer-bottles-797992_1280Aufmerksamkeit ist die härteste Währung in neu entstehenden Märkten. Diese Faustregel gilt auch für die noch junge Craft-Bierbranche, die sich gerade anstrengt uraltes Terrain mit ungewöhnlichen Hopfensäften neu zu definieren. Ihr Selbstbildnis: Kreativ, modern, originell und revolutionär. Dieses Image aber ist nicht immer stimmig. Es gibt viele Brauer, die zwar hervorragende Biere aus dem Kessel zaubern, diese aber mit eher trauriger Optik ins Regal stellen.

Meine Kritik gilt vor allem den Etiketten, die eigentlich das Aushängeschild für jeden Craft-Zauberer sein sollten. Wenn schon auf den Flaschen nur Langeweile und Tristesse geboten wird, dürfte sich wohl kaum ein Kunde vom Inhalt verführen lassen. Die Optik –  das wird leider häufig unterschätzt –  ist für eine Kreativbranche ein extrem wichtiges Element um Interesse beim Konsumenten zu wecken. Und außerdem weiß doch jeder: Das Auge trinkt mit.

Aber was sollte so manche Brauwerkstatt besser machen? Etiketten müssen Inhalt, Herkunft, Leidenschaft und den kreativen Charakter des Bieres repräsentieren. Spannende Drinks brauchen auch einen spannenden Auftritt. Eine emotionale Präsentation regt die Fantasie an und steigert die Spannung auf den Inhalt. Man muss es ja nicht gleich so weit treiben wie der bayerische Weißbierproduzent Georg Schneider, der mit künstlerischem Einsatz seine eigenen Etiketten malt.

Für alle anderen Brauer gilt, bei der Wahl des Außenauftritts wirklich echte Profis zu beauftragen und nicht den Werbe-Fuzzi aus dem Nachbardorf. Sonst kann das auch schon mal zu traurigen Entgleisungen führen. So jüngst geschehen bei der Röhrl Brauerei im bayerischen Straubing, die mit ihrer „Grenzzaun Halbe“ auf die aktuelle Flüchtlingskrise hinweisen wollte und das Haltbarkeitsdatum – ob bewusst oder unbewusst – sogar noch auf den Jahrestag der Reichspogromnacht legte. Nach so viel haarsträubenden Unsinn mussten die Straubinger das Bier schließlich vom Markt nehmen.

Aber es geht nicht allein um geschmackloses Flaschendesign oder hausbackene Optik. Wer sich für Kreativbiere interessiert, will auch wissen, was in der Flasche ist. Wahren Craft-Bierfans ist – neben allen gesetzlichen Angaben – vielmehr wichtig, welche Malz- und Hopfensorten verbraut wurden, wieviel Stammwürze und wieviel IBUs die Kreation erzielt. Damit werden schließlich keine Staatsgeheimnisse verraten, weil allein die Mixtur entscheidet. Solche Informationen aber regen zu Diskussionen an und machen neugierig auf den ersten Schluck – noch bevor er genussvoll die Kehle herunterrinnt.

Mein Kommentar erschien auch in „Hasenbeck’s Bierwelt“ im CRAFT Magazin.