Deutsch-russischer Kollab: „Immer über den Tellerrand hinausschauen“

Der moderne Russe trinkt lieber Bier anstatt Wodka. Jetzt hat auch Braufactum aus Frankfurt gemeinsam mit zwei russischen Brauereien ein speziell interpretiertes Pils entwickelt. Im Interview erzählt Braufactum-Chef Marc Rauschmann, wie es zu diesem Kollaborationssud kam, was er sich davon erhofft und warum es in Russland gerade keinen Hopfen gibt.

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Credit: Braufactum

Marc, ihr habt gerade einen Kollaborationssud mit den russischen Brauereien „Wolfs Brewery“ und   „Poet Brewery“ gemacht. Wie kam es dazu?

Der erste Kontakt entstand 2016, als Jochen aus unserem Vertrieb auf dem Craft Beer Festival in Sankt Petersburg war. Seitdem sind wir regelmäßig in Russland. Die Idee reifte über die vergangenen zwei Jahre und wurde finalisiert, als ein Teil unseres Teams Anfang des Jahres in Moskau war. Ich habe mich mit Mikhail Ershow über Mail und Telefon intensiv über Stil, Charakter, Rezept und vor allem auch die Hopfenzusammensetzung abgestimmt. Kurz vor dem Sud hat uns dann Vadim Lapshin angeboten, der als Braumeister der Poet Brewery eine kleine Brauerei mit Bierbar eröffnet hat, bei ihm gemeinsam zu brauen. So entstand dann die finale Idee das Ganze zu dritt zu machen und dem Bier den Namen „Drei Kameraden“ (nach dem Roman von Erich Maria Remarque) zu geben.

…und was ist es für ein Bier geworden?

Als Basisstil kamen wir schnell auf Pils. Ein toller Stil, der im bayerisch-tschechisch grenzüberschreitenden Austausch entstanden ist, sozusagen ein Vorreiter der Craft-Idee. Wir haben eine Kombination aus tschechischer Art, die etwas malziger und dunkler ist, mit der deutschen hopfenbetonteren Ausprägung vorgenommen und unserem Bier über weitere Ideen unsere Handschrift gegeben. Um hier dem Hopfen einen passenden Körper entgegenzusetzen ist es mit 14 Prozent Stammwürze stärker und somit quasi ein „Fest Pilsner“.

Was versprecht ihr euch von solch einer Kooperation?

Grundsätzlich dient ja ein Kollaborationssud immer dazu, über den Tellerrand zu schauen, sich auszutauschen, etwas gemeinsam zu machen, Freude am Brauen zu haben und das auch zu vermitteln. Diese Erwartungen wurden bisher mehr als erfüllt.

Wann können Bierliebhaber den Sud probieren?

Unser Bier werden wir zum „Craft Depot Fest“ am 25. August in Moskau gemeinsam vorstellen und damit einen kleinen Akzent bei diesem tollen Festival setzen. In Berlin planen wir dann noch eine Veranstaltung zum Ende des Jahres.

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Credit: Braufactum

Was können deutsche Craft-Brauer von russischen Kollegen lernen? Und umgekehrt?

Erst einmal ist echt schön zu erleben, wie gut sich Brauer weltweit untereinander verstehen. Vom ersten Moment an hat das mit uns Dreien perfekt gepasst. Das ist eine tolle Erfahrung und sehr wertvoll. Wir haben uns vor und während des Sudes sehr intensiv über Hopfen ausgetauscht. Da Russland derzeit leider keinen eigenen Hopfen zur Verfügung hat wird viel tschechischer Hopfen verwendet. Es gibt zwar noch etwas Anbau, der dient aber gerade der lokalen und zeitnahen Verwendung. So kam es zum Stil und dem Mix aus deutschen und tschechischen Hopfensorten. Ich bin sehr auf das Ergebnis gespannt.

Wie schätzt Du die russische Craft-Bierszene im Vergleich zur deutschen ein?

In Russland gibt es bereits weit über 100 Craft-Brauereien. In der Gastronomie ist das Thema Craft seit ein paar Jahren gut etabliert, wobei sich meine Betrachtung hierbei ausschließlich auf Sankt Petersburg und Moskau bezieht. Es entwickelt sich eine neue Generation von bierbegeisterten Menschen, die weniger Vodka, dafür lieber gutes Bier trinkt. Beim Thema „gutes Bier“ sind wir vermutlich beim größten Unterschied aus der Bier-Historie beider Länder.

Wie meinst Du das?

Während der deutsche Konsument immer der Überzeugung ist, dass das deutsche Bier das Beste der Welt ist und es daher nichts anderes ausprobiert, hat der russische Biertrinker eher die Erfahrung gemacht, dass russisches Bier nicht besonders gut ist. Die junge Generation an Brauern, musste also erst einmal die Gastronomen, Händler und Konsumenten überzeugen, dass Craft-Biere aus Russland ein Geschmackserlebnis sein können.

Und das funktioniert?

Ja, die jungen Craft-Brauer schaffen es, immer mehr Konsumenten zu begeistern. Auch, wenn es sicherlich ein genauso anstrengender Prozess ist wie in Deutschland, die konservativen Biertrinker dazu zu bringen, mal was Neues auszuprobieren. Bei den beiden Bier-Festivals in Moskau und Sankt Petersburg kann man sehr gut die vor allem jüngeren Menschen bei der Freude am Ausprobieren erleben.

 

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