Kommentar: Attacke auf einen heiligen Gral

Foto: Elena Hasenbeck
Cheers!

Wer heute auf den vielen neuen Brau-Events, auf Degustationen und in den bierigen Szene-Bars mit selbst ernannten Craft-Experten spricht, wundert sich über eine absonderliche Botschaft: Demnach sind IPAs jetzt plötzlich out, gelten als ebenso langweilig wie austauschbar. Mit Verlaub, das ist doch ausgemachter Blödsinn! Hinter solchen Attacken steht wieder mal ein unglücklich interpretierter Trend aus den USA. Dort sind IPAs nach 30 Jahren im Mainstream angekommen und führen in vielen der rund 1400 Brauereien die Liste obergäriger Spezialitäten an.

Dass jetzt einige besonders kreative US-Brauer meinen, sie müssten sich auch mal anderen Suden zuwenden, ist durchaus verständlich. Allerdings lautete eine Maxime aus dem Philosophie-Lexikon: Man muss ja nicht das eine tun, um das andere zu lassen. Es wäre jedenfalls grundfalsch, wenn vor allem deutsche Brauer jetzt ihre Fahnen in den US-Wind hängen und ihre IPAs auf die Abschussliste setzen würden. Der Markt hierzulande steckt noch immer in den Kinderschuhen und hat noch längst nicht seine Positionen erreicht. Dabei ist eines unbestritten: India Pale Ales waren hierzulande der Zündfunke, der überhaupt erst die verschlafene Bierbranche zum Brennen brachte.

Kreative IPAs haben inzwischen ihren Platz im Kühlschrank zahlreicher Liebhaber gefunden und gelten den meisten Hop-Heads als heiliger Gral. Zwar lässt sich über Geschmack bekanntlich gut streiten, aber eines gilt als gesichert: Kaum ein anderer Bierstil bietet bei über 200 Hopfensorten, einem Dutzend Malzklassen und unzähligen Hefekombinationen so viele Spielvarianten beim Brauprozess. Die Kombinationsmöglichkeiten all dieser Rohstoffe sind jedenfalls noch längst nicht ausgereizt und lassen in den kommenden Jahren noch so manchen Zaubertropfen erwarten. Dass einige Schlaumeier jetzt über eine IPA-Schwemme lamentieren, lässt sich wohl eher als Zeichen von Ignoranz oder Unkenntnis deuten.

Sind es nicht vor allem IPAs, die eine noch junge Craft-Bier-Szene in den Zeitgeist rücken und sich mit mutigen Hopfenkombinationen dem Einheitspils aus Funk und Fernsehen entgegenstemmen? Solche Fruchtgranaten erobern noch immer die Herzen von Männern und Frauen gleichermaßen. Vor allem Einsteiger wurden auf der IPA-Schiene erst in die Craft-Welten geleitet. Solange die Mehrheit unserer Landsleute beim Kürzel IPA noch eher die „International Police Association“ vermutet,  besteht kein Grund diesem Biertypus Lebewohl zu sagen. Und außerdem besagt eine alte Indianer-Regel: Totgesagt leben meist am längsten.

Erschienen im Craft Magazin.