Kommentar: Keine Panik!

Erfolg zeigt manchmal sonderbare Seiten – auch in der Craft-Bierszene: Tonfall und Sitten werden rauer, Neid und Missgunst kennzeichnen heute so manche Diskussion, Brauer sticheln gegen Sommeliers, diese stänkern gegen neue Kreativbiere und selbst die Blogger-Gemeinde setzt ätzende Duftmarken. Es scheint, als habe die Devise aus den Anfängen „nur gemeinsam sind wir stark“, für viele Marktplayer inzwischen an Gültigkeit verloren.

Was aber soll der ganze Zoff? Es gibt weder Grund zum Streiten noch zum Jammern. Auch wenn der Anteil von Kreativsuden am Bierkonsum insgesamt noch relativ gering ist, hat sich Craft-Bier hierzulande doch ziemlich schnell etabliert und ist aus vielen Bars, Shops und Restaurants nicht mehr wegzudenken. Gewiss, der Markt steckt noch immer in den Windeln und wächst derzeit vielleicht nicht ganz so rasant, wie ungeduldige Tatmenschen in der Anfangshysterie erhofften. Wer die Craft-Branche jedoch nur als Goldgrube sieht, wird schnell Ernüchterung spüren. Man bedenke: Auch der US-Markt hat mehr als zwanzig Jahre gebraucht, bis er zur Erfolgsgeschichte wurde.

Es gibt also keineswegs Grund zur Panik, wenn mal wieder eine Craft-Kneipe schließen muss, finanzschwache Jungbrauer sich aus dem Markt zurückziehen, Landbrauereien glücklos das Spezialitätengeschäft aufgeben oder ehrgeizig gestartete Bier-Magazine nach wenigen Monaten dicht machen. Vielmehr geht es hier um ganz normale Turbulenzen in einer vor allem in Sachen Marketing noch unerfahrenen Wachstumsbranche. In ihrer ungestümen Startphase ist die Craft-Szene kein Revier für Zauderer und Zögerer – probieren, riskieren und experimentieren gehört zum Tagesgeschäft. Also Leute, übt euch einfach in Geduld, denn große Kessel kochen langsam, wie jeder Brauer weiß. Eines ist ganz sicher: Die Craft-Branche wird kräftig weiterwachsen und uns auch künftig mit wundervollen Suden überraschen.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

Porterhouse Dublin: Weihestätte irischer Bierkultur

davManche Städte sind berühmt für ihre Museen, Opernhäuser oder Architekturdenkmäler. Zum höchsten Kulturgut der Bewohner von Dublin gehört dazu noch eine quirlige Pub-Szene mit frischgezapftem Bier, Live-Musik und überschäumender Lebensfreude. Während lange Zeit nur eine Hand voll Großbrauereien die Hähne in den Biertempeln der irischen Metropole beherrschten, hat sich inzwischen einiges verändert. Wer bei seinem Trip in die Stadt am Liffey mal etwas anderes als das übliche Guinness-Stout genießen will, der sollte unbedingt im „The Porterhouse“ inmitten des belebten Szeneviertels Temple Bar vorbeischauen.

Schon auf offener Straße wird der Besucher vom Sound harter Gitarren-Riffs empfangen, der sich durch alle vier Stockwerke des Brewpubs fortsetzt. Jeden Abend sorgt hier – nahe der Statue der berühmten Dubliner Fischhändlerin Molly Malone – eine Live-Band für echten irischen Charme. Anziehungspunkt im rustikalen Ambiente sind nicht nur die diversen Theken, sondern auch ein auf Hochglanz polierter Kupferkessel, um den herum die Gäste munter ihre Pints kippen. Passend zur Szenerie: Auf Regal- und Fensterbrettern ruhen unzählige Bierpullen aus aller Welt.

Das „Porterhouse“ in Dublin ist keine herkömmliche Bierbar, wie man sie in Dublin an fast jeder Straßenecke findet. Als Liam LaHart und Oliver Hughes vor 22 Jahren die erste Gasthausbrauerei der Stadt gründeten, revolutionierten sie eine jahrhundertealte irische Trinkkultur. Anfangs wurde das Kneipenkonzept mit selbstgebrauten Suden noch belächelt, denn gefühlte 90 Prozent der Iren tranken damals Guinness. Craft-Bier aus kleinen Manufakturen war den Dublinern indes noch weitgehend fremd. Inzwischen aber gilt das „Porterhouse“ mit über 100 internationalen und mehr als zehn eigenen Sorten als echte Kultstätte.

davZu den beliebtesten Bieren im Brewpub gehören – ganz nach irischen Geschmack – die nachtschwarzen, röstigen Sorten. Bestseller ist das 4,6-prozentige „Oyster Stout“, das mit frischen Austern gebraut wurde und dadurch eine feine cremige Textur an den Gaumen zaubert. Besonders stolz ist das Team um Braumeister Peter Mosley aber auf das mehrfach ausgezeichnete „Plain Porter“ mit malzigen und fruchtigen Aromen sowie einer angenehmen Bittere im Finish. Nachdem das Bier zweimal den „International Brewing Award“ gewann, rühmt sich die Porterhouse-Truppe mit dem „besten Stout der Welt“.

Neben dunklen Malzbomben fließen aber auch Pilsner, Lager, Pale Ale und ein hauseigenes „Hop Head IPA“ vom Hahn. Das IPA mit nur fünf Umdrehungen spielt mit dem Aroma aus den Hopfensorten Pilgrim, Nugget, Cascade und Centennial. Auch bei den Saison-Bieren legt sich das Brauteam voll ins Zeug: Das Dark IPA namens „The Devil’s Half Acre“ lag beispielsweise sechs Monate im Whisky-Fass und wärmt jetzt mit kräftigen 13 Alkoholprozenten sowie Noten von Schokolade und Dörrobst. Wer sich einen Platz am Tresen erobern konnte, sollte unbedingt auch das „Chocolate Truffle Stout“ probieren, das mit Aromen von Vanille, Karamell und dunklen Früchten überrascht.

mdeSolche Malzsäfte in Verbindung mit dem heimeligen Pub-Ambiente machen richtig Spaß. Wem beim vielen Probieren ein ganzer Pint zu viel wird, der kann auch ein Probierbrett mit hauseigenen Kostproben bestellen. Und hungern muss im Porterhouse auch niemand. Passend zu den Biersorten kann der Gast zwischen frischen Austern, verschiedene Steakvarianten, und dem traditionellen Irish Stew wählen – zu letzteren passt am besten ein röstiges „Oyster Stout“.

 

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

Turning Wheels Craft Brewery: Starke Sude aus pazifischer Inselwelt

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Credit: Turning Wheels Craft Brewery

Für deutsche Craft-Bierfans sind die Philippinen wahrscheinlich absolutes Niemandsland. Bislang nur als Urlaubsziel mutiger Backpacker bekannt, entwickelt sich das Archipel im Pazifischen Ozean mit seinen fast 8000 Inseln und mehr als 100 Millionen Einwohner, jedoch gerade zu einem Geheimtipp für Liebhaber kreativer Mikrobrauereien. Während sich der Bierkonsum dort bislang nur eher mäßig entwickelte und sich Besucher meist nur mit Standardpils von San Miguel beglücken können, entdecken viele Philippinos – aller politischen Krisen zum Trotz – gerade ihre Liebe zum Bier. Immerhin gibt es nach aktuellen Zahlen inzwischen mehr als 250 verschiedenen Biertypologien aus rund einem Dutzend Brewpubs und 24 bemerkenswerten Microbreweries.

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Die Sudkessel (Credit: Tunring Wheels Craft Brewery)

Eine der ersten und wahrscheinlich bekanntesten Braustätten im Pazifikstaat ist die „Turning Wheels Craft Brewery“. Die 2014 eröffnete Craft-Schmiede befindet sich auf dem Eiland Cebu in Cebu City, wo im 16. Jahrhundert die erste spanische Siedlung auf den Philippinen gegründet wurde. Chef und Brauer ist Michael Nikkel, ein gebürtiger Amerikaner aus Los Angeles, der aus Liebe zu einer Frau auf der Inselgruppe strandete und blieb. Sie war letztlich auch diejenige, die ihn zum klassischen Werdegang als Craft-Brauer animierte: Nikkel startet als Hobbybrauer in einer Garage und sein Markenname „Turning Wheels“ entstammt passend zu einer weiteren Leidenschaft, dem Fahrradfahren.

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Michael Nikkel, Gründer von Turning Wheels, auf dem Craft-Bierfest in Manila

Heute produziert der Wahl-Philippino mit 260 Litern pro Batch zwar noch keine großen Mengen, dafür pflegt er die Leidenschaft zum Experimentieren. In seiner Kellerbrauerei stehen vier glänzende Gärtanks aus Edelstahl. Damit entwickelt Nikkel mit unterschiedlichen Hefe-Stämmen, frischen Früchten vom Markt und lokalen Gewürzen gänzlich neue Sudprofile. Bei Hopfen, Malz und Hefe muss der Turning Wheels-Chef so wie die meisten Brauereien auf den Philippinen, jedoch auf Importware zurückgreifen. Das sei kein Problem, denn sein Hopfen-Dealer aus der Hauptstadt Manila schaffe ihm eine passende Auswahl an US-Sorten heran. „Mit hocharomatischen US-Hopfen kann ich auch fern der Heimat großartige West Coast IPAs brauen“, bekräftigt Nikkel.

Und das hat er bereits eindrucksvoll bewiesen. Momentan führt der Nachwuchsbrauer zwei Biere dieser Art im Sortiment, die sich wahrlich sehen lassen können. Als Musterbeispiel für ein West Coast IPA sieht Nikkel sein kupferfarbenes „Mountain King IPA“ mit sieben Prozent und 65 Bittereinheiten. Es duftet und schmeckt nach Grapefruit und Ananas – mit ganz speziellen Insel-Touch. Die härtere Variante heißt „Backbone Double IPA“. Dieses Ale besitzt 8,5 Prozent Alkohol und 85 IBU. Auf der Zunge tanzen Aromen von tropische Früchte wie Ananas und Mango, dazu gesellt sich eine kräftige Grapefruitnote. Ein echtes Hammerbier ist das „Singlespeed Imperial Stout“ mit satten 9,3 Prozent. Das vollmundige Stout bringt Noten von gerösteten Kaffeebohnen, Schokolade, Dörrobst und eine angenehme Malzsüße an den Gaumen.

Selbst diese starken Sude bieten bei tropischen Temperaturen einen wahrhaft frischen Hochgenuss für anspruchsvolle Craft-Bierfans. Gerade erst brachte Nikkel auch eine Saison-Serie heraus: Die reguläre Version hat 6,3 Prozent, die aufgepimpte Variante schon zehn und das ganz neue Black-Saison sogar starke zwölf Umdrehungen. Als nächstes will er neben seiner Garage einen Biergarten errichten und plant schon mal ein erfrischendes Witbier für erschöpfte Radfahrer. Voller Optimismus blickt der Brauer in die Zukunft: „Es steckt wahnsinnig viel Potential im philippinischen Markt, aber zuerst müssen wir die Begeisterung der Leute für Craft-Biere weiter ankurbeln.“

 

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.