Interview: Oliver Wesseloh – Bierenthusiast, Brauer & neuer Sommelierweltmeister

Die 54 besten internationalen Biersommeliers kämpften vergangenes Wochenende in München um den Weltmeistertitel. Nur einer trat nicht mit dem Anspruch an um zu gewinnen – und siegte trotzdem.  Ein Gespräch mit dem frisch gekürten Weltmeister

Foto: Elena Hasenbeck
Foto: Elena Hasenbeck

Feiner Hopfen: Olli, wie fühlt man sich als Biersommelier Weltmeister?

Olli:

Inzwischen habe ich mich wieder beruhigt, aber erst war ich verwirrt und völlig überrascht, weil ich damit nicht gerechnet habe. Ich kam nicht mit dem Anspruch hierher um den Titel zu kämpfen, sondern des Spaßes wegen und um mich selbst fortzubilden. Ich habe vorher nicht geübt und deswegen keinesfalls damit gerechnet ins Finale zu kommen. Mit über 50 besten Biersommeliers der Welt in Konkurrenz zu treten war dann aber eine echt harte Nummer.

Feiner Hopfen: Wie waren die Kriterien um ins Finale einzurücken?

Olli:

Die Vorentscheidung war knackig. Erst mussten wir Aromen zuordnen und Fehlgeschmäcker erkennen. Dann folgte ein Multiple-Choice-Test, dort wurde Wissen zum Thema Bier abgefragt, sowohl technische Aspekte als auch Bierstile. Zum Schluss gab es eine Blindverkostung, bei der wir zehn Biere ihren Stilen zuordnen mussten.

Feiner Hopfen: Aber mal ehrlich, wie konntest Du Dich dann ohne vorher zu Üben bei der Konkurrenz durchsetzen?

Olli:

Ich bin ein richtiger Bierspinner und Bier ist mein Leben. Zuhause mache ich häufig Verkostungen mit Freunden, denen ich die jeweiligen Biere auch erkläre. Ich trinke gerne verschiedene und spannende Biere.

Feiner Hopfen: Was macht für Dich dann ein wirklich gutes Bier aus?

Olli:

Bier muss spannend sein, mit seinen kreativen Aspekten die Leute mitnehmen und begeistern. Es muss zum wiederholten Probieren und zum Trinken anregen.

Feiner Hopfen: …deswegen hast Du dich im Finale für das Firestone Walker „Double Jack“ entschieden?

Olli:

Ja, das Imperial IPA ist ein tolles Bier. Ich bin ein Hophead und eng mit den Amerikanern verbunden. Ich war schon ein paar Mal in der Firestone Brauerei.

Feiner Hopfen: Glaubst Du, dass sich Kreativbiere in Restaurants etablieren?

Olli:

Na klar! Ich sehe, dass sich in Hamburg einiges tut, in Berlin sowieso. Meistens sind es Restaurants, die etwas anderes machen oder machen wollen. Das sieht man häufig auch an den Speisen. Neben Regionalen Bieren wollen sie dann zum Essen auch besondere Biere probieren. Es wird zwar so schnell noch keine Absatzexplosion geben, aber man sieht, dass der Markt weiter wächst und immer mehr Kreativbiere angeboten werden.

Feiner Hopfen: Kommt es zu einem Wettkampf zwischen Wein- und Biersommeliers?

Olli:

Kann ich mir nicht vorstellen. An so etwas sollte man auch noch gar nicht denken. Momentan ist alles erstmal Klasse, was Kreativbiere voranbringt. Restaurants stellen hierzulande noch keine festen Biersommeliers an, die vergleichbar mit Weinsommeliers sind. Das ist noch ein langer Weg. Aber vielleicht machen kreative Wirte den ersten Schritt in Richtung Biersommeliers.

Feiner Hopfen: Olli, Du bist viel gereist, auch durch die USA. Wo siehst Du heute den Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Kreativbieren? Sind die Amerikaner wirklich besser?

Olli:

Besser sind sie nicht. Die Amerikaner haben nur einen zeitlichen Vorsprung, den sie aktuell nutzen. In Deutschland werden – weltweit gesehen – die besten Brauer ausgebildet, aber wie man verschiedene Hopfensorten miteinander kombiniert, lernt man an den Braufachschulen bislang meist nicht. Deswegen sind die Kreativbrauer hierzulande noch in einer Lern- und Experimentierphase. Da haben die Amerikaner einen Wissensvorsprung.

Feiner Hopfen: Wie siehst Du die Kreativbier-Entwicklung in Deutschland?

Olli:

Definitiv geht die Entwicklung weiter. Der beste Beweis dafür ist, dass die Großen Brauhäuser schon mitmachen. Wenn sie keine Chance darin sehen würden, täten sie es nicht. Mit ihren Initiativen bereiten sie aber auch den Kleinen den Weg. Natürlich krempeln wir Kreativbrauer nicht den Biermarkt um, aber das passierte auch in den USA nicht. Wenn wir in 20 Jahren auf einen Marktanteil von zehn Prozent kommen, dann fände ich das super. Es herrscht so viel Potential auf dem Markt und es kommen immer mehr junge Craft-Brewer und neue Bierspezialitäten hinzu.

Foto: Elena Hasenbeck
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