Renaissance der Frauenbiere

 

Während der Bierkonsum bei Männern stetig sinkt, entdecken immer mehr Frauen ihre Liebe zu kreativen Hopfensäften. Sie ergreifen inzwischen den Brauberuf, werden Sommeliere oder kochen zu Hause ihren eigenen Sud.

Frauen und Bier? Passt nicht! Bier ist Männersache und Brauen sowieso! Rund um der Deutschen liebstes Getränk gibt es viele Vorurteile, von denen sich Natalie Warneke nicht abschrecken ließ. Die 33-jährige Bürofrau schmiss für ihre Leidenschaft zu selbstgebrauten Malzgetränken vor zwei Jahren sogar ihren Job hin um gemeinsam mit ihrem Freund die Marke „VonFreude“ zu gründen. „Nachdem ich jahrelang kein Bier mochte, weil mich der Allerweltsgeschmack langweiliger Diskounterbiere abschreckte“, so die Hamburgerin, „empfinde ich die neue Biervielfalt als eine einzige Offenbarung.“

Auch Lisa Luginger ist dem Zauber sogenannter Craft-Biere erlegen. Als die die 28-jährige Journalistin an einem Dokumentarfilm über die Gerstensaftkultur in Bamberg mitarbeitete und dabei mit einem Kamerateam in die USA flog, konnte sie erstmalig diese handwerklich hergestellten Hopfensäfte probieren. Das kreative Aromenspiel  moderner Biersorten hat die fränkische Medienfrau derart begeistert, dass sie beschloss, sich diesem Thema auch beruflich zu widmen. „Ich war damals total verliebt in diese Biere“, schwärmt die Bambergerin noch immer. Daraufhin begann sie spontan eine Ausbildung zur Bier-Sommeliere – eine Profession, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gab.

In Seminaren und Verkostungen gibt sie jetzt bundesweit ihr Wissen weiter. Aber Natalie Warneke und Lisa Luginger sind nicht die einzigen Frauen, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Die Anzahl weiblicher Bier-Sommeliers steigt in Deutschland kontinuierlich an, wie Christoph Kämpf, Präsident des Verbandes der Diplom Sommeliers bestätigt. Bier-Unis wie Weihenstephan oder Berlin registrieren ebenfalls ein wachsendes Interesse von Bewerberinnen, die sich für den Beruf am Sudkessel entscheiden. Mittlerweile liegt der Anteil bei etwa 15 Prozent. „Frauen wählen in der Regel viel bewusster den Brauberuf, als männliche Studierende und sind mit großem Enthusiasmus dabei“, urteilt Manuela Stöberl Geschäftsführerin der Studienfakultät Brau- und Lebensmitteltechnologie der TUM in Weihenstephan.

Aber auch aus heimischen Kellern und Garagen wabert inzwischen der Duft von Hopfen und Malz. Heimbrauer- und Online-Bier-Shops verzeichnen wachsende Kaufdynamik bei weiblichen Konsumentinnen. Zwar gibt es in dem jungen Markt für Kreativbiere hierzulande noch keine verlässlichen Zahlen, aber Christian Herkommer, Inhaber des Hobbybrau-Versands „Hopfen und mehr“ kann bestätigen: „Immer mehr Kundinnen bestellen bei uns die zum Home-Brewing erforderlichen Rohstoffe, sowie Malzmühlen und Braukessel.“

Das Interesse der Frauen am Bier wurde hierzulande erst wieder durch die Craft-Bier-Bewegung der vergangenen Jahre neu entfacht. Eine Folge weiblicher Affinität zu Genussthemen, wie Sommelier-Präsident Kämpf glaubt. Doch die Liebe zum Malzgetränk gab es schon zu Urzeiten. Von der Antike bis ins Mittelalter war Brauen meist Frauensache. Schon vor 4000 Jahren zeigten Inschriften der Ägypter emsige Hausherrinnen am Sudkessel. Bei den Babyloniern, die angeblich das Bier erfanden, gab es einschlägige Hymnen an die Biergöttin Ninkasi. Bis ins tiefe Mittelalter erhielten Frauen zur Hochzeit häufig einen Braukessel geschenkt. Erst später verdrängten Mönche die Brauerinnen zunehmend vom Sud, weil die Klöster im Bierausschank eine lukrative Einnahmequelle entdeckten.

Inzwischen buchen Frauen mehrtägige Braulehrgänge, treffen sich zu gemeinsamen Degustationsrunden, gründen Stammtische und bundesweit agierende Biervereine. Eine dieser neuen Gruppierungen,  die „Barley’s Angels“, verfolgen eine ganz spezielle Zielrichtung: „Bier war lange Zeit eine reine Männerdomäne“, sagt die Hamburger Angel-Mitgründerin Esther Isaak, „wir wollen beweisen, dass auch Frauen eine erstzunehmende Zielgruppe für die neuen Spezialitäten sind.“

Über solche Kundinnen freut sich auch Matthias Thieme, Inhaber des Münchner Craft-Shops „Biervana“. Der ehemalige Microsoft-Manager, der aus seiner Liebe zu ungewöhnlichen Hopfensuden eine Profession machte, sieht in der Geschmacksvielfalt der neuen Kreativbiere, mit Aromen von tropischen Früchten, Schokolade, Kaffee oder Marzipan, einen Trend, der immer mehr Genießerinnen anspricht: „Während Frauen anfangs nur einen besonderen Drink für ihren Partner suchten, kaufen sie nun auch seltene Kirschbiere aus Belgien, fruchtige Pale Ales aus Kalifornien oder malzige Porter aus England für den Eigengenuss.“

Auch das traditionelle Brauhandwerk wird zunehmend zur Frauenache. Seien es die Schwestern Kathrin und Stephanie Meyer von der „Braukatz“ aus Nesselwang im Allgäu, Sabine Thaler von „Camba Bavaria“ in der Nähe des Chiemsees, Tanja Leidgschwendner von der „Brauerei im Eiswerk“ in München oder die „Bierfeen“ aus dem oberfränkischen Hof, die in einem Frauen-Quartett ganz ungewöhnliche Hopfenspezialitäten entwickeln. All diese Frauen konnten sich mit modernen Rezepturen in einem von Standardpils dominierten Markt durchsetzen. „Wer einmal den Duft nach gebackenen Bananen, Pflaume und Mirabelle in der Nase hatte, den Geschmack von Karamell-, Birnen- und Pfirsichnoten auf der Zunge spürte, wird sich schnell für unsere Frauenbiere begeistern können“, begeistert sich Gisela Meinel von den fränkischen Bierfeen.

Mit der gleichen Leidenschaft steht auch Tina Dingel am Sudkessel. Für die Berliner Hobbybrauerin ist es eine besondere Herausforderung, ihr eigenes und ganz spezielles Bier zu kreieren. Sie beschreibt ihre Passion als eine permanente Jagd nach dem perfekten Geschmack. Damit begeistert sie – wenngleich bislang nur in kleineren Mengen – auch immer wieder Freunde und Familie. „Kaum bin ich mit einem Sud fertig“, sagt die 40-jährige Produktmanagerin, „schon muss ich den nächsten aufsetzen.“

Während die Berlinerin mit ihren Kreationen noch am Anfang steht, konnten einige ihrer Kolleginnen bereits den Traum vieler Männer realisieren: Sie reihen sich ein in die Stammbäume ihrer Väter und führen die eigene Familienbrauerei weiter. Isabella Straub, Chefin der Drei Kronen Brauerei in Memmelsdorf, ist eine dieser Aufsteigerinnen. Aber auch Yvonne Wernlein von der Haberstumpf Brauerei in Trebgast oder Marlies Bernreuther, die Erbin  der renommierten Pyraser Landbrauerei in Mittelfranken. Die 37-Jährige bekam im vergangene Jahr sogar einen „Emotion Award“ im Bereich Unternehmensnachfolge überreicht. Auch ihr neue Bierkreation „Herzblut“, mit ausgeprägten Noten von Vanille, Marzipan und Ingwer, konnte bereits viele  Ehrungen verbuchen. Und wenn jemand fragt, was sie beruflich macht, dann antwortet sie lächelnd: „Ich arbeite im Paradies für Männer.“

Erschienen im FOCUS Magazin (26/2015).

 

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Renaissance der Frauenbiere

  1. Robert Buschbacher | beverho GmbH

    Servus Mareike,

    Hast du eine Quelle und zahlen dazu, dass Frauen immer mehr und M?nner weniger Bier trinken? W?rde mich sehr interessieren.

    Danke und beste Gr??e,

    Robert CEO (M.A.) Marketing & Sales

    beverho GmbH Dahlienstra?e 4 | 83125 Eggst?tt +49 (0) 157 52560386 rb@beverho.de beverho.de An Erfolgsstories interessiert? Follow us on facebook!

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