Helles, Pils & Co.: Kreatives Comeback deutscher Bierstile

Galten Pils, Weißbier oder Helles bei Craft-Brauern bislang eher als unattraktiv und antiquiert, so interpretieren sie diese Bierstile jetzt völlig neu. Ihr Ziel ist es, auch konventionell orientierte Konsumenten mit besonderen Aromen zu überraschen.

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Der alte Scorpions-Song „Wind of Change“, könnte zur Hymne der Kreativbrauer werden. Schließlich umschreiben Koordinaten wie Wandel, Veränderung und Metamorphose nicht erst seit gestern das eiserne Gesetz der Craft-Branche. Nachdem kreative Hopfenzauberer jahrelang auf bittere IPAs, schokoladige Stouts oder kräftige Barley Wines setzten, sich bei Hopfengabe, Alkoholgehalt und ungewöhnlichen Zutaten überflügelten, bläst nun ein neuer Wind durch die Bierszene. So mancher Brauer besinnt sich auf traditionelle Werte und rührt inzwischen eher unkomplizierte, bekömmliche und gut trinkbare Sude im Kessel, bei dessen Genuss man nicht gleich nach zwei Gläsern vom Hocker kippt. Ein Trend, den viele Gastronomen und Konsumenten nach einer turbulenten Phase mit wilden Geschmacksexperimenten sehr begrüßen.

Auch wenn eingefleischte Craft-Geeks etwas skeptisch auf diese Entwicklung blicken, ist eines ganz klar zu beobachten: Moderne und vor allem individuelle Interpretationen von deutschen Bierstilen wie Pils, Helles oder Weißbier nehmen immer mehr Fahrt auf. Trendsetter sind auch bei dieser Bewegung mal wieder die USA. So prophezeite Ken Grossman, einer der ersten Craft-Brauer der Welt und Chef der Sierra Nevada Brewing Company in Kalifornien, schon vor zwei Jahren im Interview mit Meiningers Craft: „Aromatische Sude mit weniger Alkohol und hoher Trinkbarkeit sind die Zukunft der internationalen Bierbranche“. Damit meinte er sowohl Session IPAs, als auch bayerisches Weißbier, Helles und Pils, die er inzwischen selbst im Portfolio seiner Brauerei führt – allerdings nach ganz eigenen Geschmacksmustern. Unter dem Slogan „Drinkability“ ziehen viele US-Brauer nach.

Aber modern interpretierte deutsche Bier-Oldies sind nicht nur an den Tresen in New York oder San Diego so beliebt wie nie zuvor. Auch hierzulande signalisieren die vielen Neuvorstellungen in der Craft-Szene, dass immer mehr traditionelle, aber kreative umgesetzte Sorten ins Glas kommen. Zu den deutschen Pionieren in der modernen Umsetzung solcher Sude, gehören vor allem einige Hamburger Brauereien. Darunter „Kehrwieder Kreativbrauerei“ von Craft-Pionier Oliver Wesseloh mit seinem hopfigen Lager „Prototyp“. Aber auch die Ratsherrn Brauerei mit ihrem „Hamburger Lager“ oder auch Buddelship mit der schlanken „Deichbrise“. Mit solchen Suden werden nicht nur Craft-Freunde verwöhnt, sondern auch immer mehr traditionelle Biertrinker an kreative Biere herangeführt.

20180402_125921Dass sich aber auch überzeugte Craft-Apostel für ein gut gehopftes Lager erwärmen können, beweist Kolja Gigla von Mashsee in Hannover mit seinem 5,5-prozentigen Flaggschiff „Trainingslager“.  Seinem Sud gibt er durch Kalthopfung mit den Aromasorten Simcoe und Crystal einen ganz individuellen Kick und erntet damit viel Zuspruch in der regionalen Bar-Szene. Auch in sein „Beverly Pils“ bringt er durch einen speziellen Hopfenmix fruchtig-frische Noten in den Trunk, die jedoch keinesfalls die Geschmacksnerven strapazieren. „Wir kombinieren die gängigen deutschen Typologien mit neuen Ideen und überschreiten dabei aus Überzeugung die Grenzen eines bestimmten Bierstils“, bekräftigt Kolja Gigla.

Das Interesse an modern ausgerichteten Pils, Lager & Co. zieht sich inzwischen durchs ganze Land. Auch die Crew Republic aus Unterschließheim bei München, Hoppebräu aus dem oberbayerischen Waakirchen, Frau Gruber Brewing aus Augsburg oder BRLO aus Berlin feiern Erfolge mit frisch interpretierten traditionellen Biersorten. Mit ihrem Hellen mischt etwa das BRLO-Team gerade erfolgreich die Hauptstadt auf. Aromatisiert hat es Braumeister Michael Lembke mit vier deutschen Hopfensorten: Herkules, Opal, Spalter Select und Tettnanger. Dadurch erzielt er eine frische Würzigkeit, die das Bier zu einem trinkbaren Rundumgenuss macht und auch die Gäste im hauseigenen Brauerei-Biergarten beglückt. Lembke beschreibt sein Helles auch gern als „schönes Alltagsbier, das man entspannt einen ganzen Abend lang genießen kann – auch ohne Essensbegleitung“. Das eigentliche Ziel des Berliners ist es, damit auch Craft-Novizen abzuholen um diese vielleicht später an speziellere Sude heranzuführen: „Über solch Einstiegsbiere lernen auch normale Biertrinker unsere Marke kennen und werden neugierig auf die anderen Bierstile“, weiß der BRLO-Braumeister.

20180510_163323Einen ähnlichen Weg schlägt auch Dario Stieren von der Munich Brew Mafia ein. Dem gebürtigen Bayer war schon während der Gründungsphase seines Labels klar, dass er ein kreatives Pils auf den Markt bringen will, das sowohl traditionelle Biertrinker abholt und zugleich Craft-Bierfans mit spannenden Hopfenaromen überrascht. Sein Flaggschiff heißt „Don Limone“. Dabei handelt es sich um ein vierfachgehopftes Pils mit der Sorte Citra. Zudem hat der 28-jährige Münchner gerade mit seinem Team einen neuen Sud in die Flaschen gebracht: das „Kriminelle Helle“. Warum jetzt ausgerechnet noch ein Helles? Dafür nennt Stieren einen klaren Grund: „Ein gutes Helles ist eine echte Herausforderung, denn es verzeiht keine handwerklichen Fehler und bietet zudem viele Möglichkeiten,  diesen Bierstil neu zu interpretieren“.

Auch Sascha Bruns, Braumeister bei der Landgang Brauerei in Hamburg, weiß, wie schwer es ist, ein gutes Pils, Helles oder auch Weißbier herzustellen. Für ihn ist das Brauen wirklich guter traditioneller deutscher Biere eine wahre Kunst. Auf die Frage, ob das denn überhaupt noch Craft sei, kann er nur müde lächeln. Für Bruns und das Landgang-Team zählt ein handwerklich gebrautes Lager auf jeden Fall zum Thema Craft-Bier: „Hier zeigt sich doch erst, ob der Brauer sein Handwerk wirklich versteht.“ Und letztendlich liege es nicht allein am Bierstil, sondern an der Kreativität der Macher, ob man aus der Rezeptur ein spannendes Produkt zaubern kann.

Neben IPA, Smoked Porter und Brown Ale führt die Hanse-Brauerei daher auch ein 4,9-prozentiges Pils sowie ein markantes Helles im Portfolio. Insbesondere das Helle kann durch die Beigabe von Hopfensorten wie Hallertauer Cascade, Saazer und Sladek mit besonders würzig-hopfigen Aromen überzeugen. So ein Bier hat mit herkömmlicher Massenware wahrlich nichts zu tun. Insofern findet es Bruns falsch, Neuinterpretationen bekannter Klassiker gleich als „Nicht-Craft“ abzustempeln. „Die Bedeutung traditioneller Bierstile ist auch für Kreativbrauer nicht zu unterschätzen“, betont der Wahlhamburger, „schließlich bringen sie uns meist den Fuß in die normale Kneipentür.“

Und genau darum geht es heute im Bier-Business. Egal ob Fass oder Flasche, das Ziel eines jeden Craft-Brauers ist es, seine Sude verstärkt in der herkömmlichen Gastronomie zu platzieren. Um neue Zielgruppen zu erobern und das Wachstum zu stabilisieren, reichen die noch überschaubaren Online-Shops und Craft-Läden nicht mehr aus. Jungbrauer brauchen die Theken der Nation und die Regale des etablierten Einzelhandels. Das Handicap dieser Absatzkanäle ist jedoch noch immer das Unverständnis des Normalverbrauchers gegenüber dem Preis eines Craft-Bieres, das nicht selten mindestens doppelt so teurer ist, als die üblichen Standartsorten vom Discounter.

20180420_221331Aber immerhin könnten es traditionelle Biersorten mit Kreativ-Charakter durchaus schaffen, den überregionalen Bierhandel sowie eine größere Anzahl von Konsumenten für die Craft-Szene zu gewinnen. Für Tilman Ludwig von Tilmans Biere in München ist die Akzeptanz von Craft-Bieren, die  im Einzelhandel angeboten werden, auch eine Frage professioneller Beratung. Dennoch zeigt er mit seinem Portfolio, dass man ein spannendes Helles oder ein gut gehopftes Weißbier keineswegs immer hochpreisig anbieten muss. Sein Ziel ist es, einen aromatischen, süffigen und zugänglichen Sud anzubieten, mit dem man auch locker einen ganzen Abend verbringen kann – und zwar ohne den Geldbeutel zu stark zu strapazieren. Ludwig sieht dies als große Herausforderung für die Zukunft der Craft-Branche: „Wenn wir es schaffen, attraktive Biere – egal ob Helles, Pils oder Weizen – mit ganz besonderen Aromen zu einem akzeptablen Preis in die Regale zu bekommen, werden wir viele neue Konsumenten begeistern können.“

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin für Bierkultur.

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