Kommentar: Schlappe Rohrkrepierer

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Kaum ein Problem wird in den Hinterzimmern deutscher Craft-Brauer derzeit heißer diskutiert, als das Thema Qualität. Jeder kennt das Phänomen: Man lernt auf dem Craft-Bierfest einen besonders kreativen Brauer kennen, begeistert sich für sein neuestes IPA und bestellt davon per Online gleich eine ganze Kiste. Später öffnet man die erste Flasche, erinnert sich an das gelungene Bierfest, die guten Gespräche und an den erlesenen Schluck. Aber der Trunk riecht und schmeckt im heimatlichen Glase plötzlich völlig anders. Warum?

Qualitätsschwankungen bei Craft-Bieren sind ein bekanntes Phänomen, über das niemand in der Branche gerne spricht. Aber jeder Brauer weiß: Sobald das Bier in der Flasche ist, beginnt es sukzessive zu altern. Oxidationsprozesse und anderer chemischer Reaktionen führen schon nach wenigen Wochen dazu, dass Aromastoffe sich verändern. Zu lange Lagerzeiten – insbesondere bei kaltgehopften Bieren – haben Auswirkungen auf Konzentration, Aromaprofil und Geschmacksstabilität. Der Sud wirkt flach, es fehlt an Frische, der Schaum ist weg und auch der Genuss.

Ein weiteres Problem: Ein Großteil der Craft-Spezialitäten wird über Online-Shops vertrieben. Wie das Bier dort lagert und wie lange schon, weiß niemand so genau. Fakt ist: Falsche Lagerung, Temperaturschwankungen oder die Unterbrechung der Kühlkette sind der Tod eines jeden Kreativbieres. Da kann selbst die visionärste Hopfenbombe zum schlappen Rohrkrepierer werden, obwohl das Haltbarkeitsdatum noch längst nicht abgelaufen ist.

Der Weg vom Sudkessel zum Konsumenten ist in der Craft-Szene sehr steinig. Auch wenn manche Biere durch längere Lagerung durchaus spannender werden, Themen wie Haltbarkeit, Aromastabilität und Qualitätssicherung stehen heute im Pflichtenheft vieler Brauer. Was aber heißt das für den Verbraucher? Nur bei Händlern seines Vertrauens kaufen, immer auf Abfüll- und Haltbarkeitsdatum achten, das Bier kühl lagern und vor allem: Schnell trinken!

Erschienen im „Meiningers CRAFT Magazin“

Craft-Bier des Monats: „HopGaudi“ – das vielleicht beste Weißbier der Welt

IMG_20170802_145043_306Es ist raus. Mein Kollaborationssud, den ich mit Tölzer Mühlfeldbräu und Yankee & Kraut gebraut habe, steht in den ersten Läden. Ab heute wird es unsere „HopGaudi“ in der „Getränke Oase“ und der „Bierothek“ in München geben. Spätestens kommende Woche gibt es das Bier auch im „Biervana“ und weiteren Craft-Biershops der Nation wie etwa im „Dolden Mädel“ in Berlin. Und: Heute und am Samstag fließt das Craft auch frisch vom Hahn bei den „Welde Craft Beer Days“ in Plankstadt.

Was euch erwartet? „HopGaudi“ ist das etwas andere Weißbier – und genau das Richtige für den Sommer. Denn schon beim Einschenken geht die Sonne im Glas auf. Das 5,6-prozentige Craft duftet nach Banane und dezent nach roten Früchten. Im Aroma dominiert aber ganz klar die Maracujanote. Kein Wunder: Wir haben es mit ordentlich Mosaic- und Callista-Hopfen gestopft und dabei wahrlich nicht gespart. Das Mundgefühl ist sehr erfrischend, vollmundig und verlangt nach Mehr. Auf der Zunge paaren sich die typischen bananigen Weißbiernoten mit den Hopfenaromen wie Maracuja, Waldbeeren und Zitrus zu einem harmonischen einer harmonischen Geschmackstiefe. Im Abgang ist neben frischen Zitrustönen noch eine dezente Bittere wahrnehmbar.

Fazit: Mit einem Augenzwinkern darf ich wohl sagen, dass unsere „HopGaudi“ für mich das derzeit wahrscheinlich beste Weißbier der Welt ist. Nicht nur eingefleischte Hop-Guys werden daran ihre Freude haben, denn dieses Bier hat eine hohe Trinkbarkeit und ist ein Spaßbegleiter für einen ganzen Abend. Craft-Bier soll glücklich machen, und zumindest was den Geschmack meiner Freunde anbelangt, die sich bereits an diesem Göttertrunk laben konnten, ist dies wohl gelungen. Freue mich auf euer Feedback!

 

Finnish Beer Competition: Das Beste aus 212 Bieren

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Finale der „Finnish Beer Competition“ in Helsinki

Kaiserwetter am Mittwoch um 11 Uhr in Helsinki. Auf dem Bahnhofsplatz, direkt gegenüber dem renommierten Kunstmuseum „Ateneum Art“, warten rund 34 finnische Craft-Brauer unter weißen Zelten darauf, dass sich das Tor zum fünftägigen Festival „Große Biere, kleine Brauereien“ endlich öffnet. Während einige Brauer noch Fässer heranrollen und ihre Stände optisch aufpimpen, verkostete ich zusammen mit weitere Juroren in einem abgetrennten Bereich die ersten Sude für die „Finnish Beer Competition“, dem finnischen Craft-Beer-Award.

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Flight: Finnisches Weizenbier

Bei dem Wettbewerb wurden insgesamt 212 Biere eingereicht. An zwei Tagen degustierten wir so lange, bis am Donnerstag schließlich nur noch acht unterschiedlich Sorten im Finale standen. Auf der Bühne des Craft-Bierfestivals probierten sich dann nur noch zehn internationale Juroren zum Siegerbier. Nur ein einziger Sud gewann den Wettbewerb. Welcher das ist, das darf leider noch nicht verraten werden, da die Veranstalter kommende Woche ein gesondertes Champion-Event vorhaben. Eines kann ich verraten: Es war einzigartig, fruchtig, hopfig und auch meine Nummer eins, für die ich gestimmt hatte.

Nach dem Award schaute ich mich noch etwas auf dem Festival „Große Biere, kleine Brauereien“ um. Die mehr als 30 Brauereien hatten mehr als 300 Biere im Ausschank. Einige interessante Sude habe ich probiert, spannende Leute und super coole nordische Brauer kennengelernt. Die Finnen haben mich begeistert. Story dazu folgt.

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Ich 🙂

Hofbrauhaus Berchtesgaden: Eisbock-Genuss auch im Hochsommer

IMG_20170418_174231_331Es ist doch immer was Besonderes, wenn auch Traditionsbrauereien auf innovative Sude setzen. So jetzt auch das Hofbrauhaus Berchtesgaden. Seit fast 400 Jahren rollen hier Fässer heraus, gefüllt mit süffigem Hellen, Dunklen und Festbier. Im vergangenen Jahr entwickelte das Team um Braumeister Josef Stangassinger nun einen 11,9-prozentigen Eisbock. Dafür froren die Berchtesgadener das Bockbier insgesamt fünfmal ein. Aus 100 Litern gewannen sie gerade mal zehn Liter feinste Essenz.

Bernsteinfarben glänzt der „Berchtesgadener Eisbock“ im Glas. Er duftet würzig, karamellig und ziemlich gehaltvoll. Am Gaumen zeigt sich das Bier kräftig, fast schon ölig im Mundgefühl. Eine gewisse Süße breitet sich aus, die an Karamell und Toffee erinnert. Dazu gesellen sich würzige Noten, die dezent an Hokkaido-Kürbis erinnern.

Fazit: Warum ich einen Eisbock im Sommer vorstelle? Weil es ein idealer Bierstil für gesellige und laue Sommerabende ist. Die würzige Bock-Essenz aus Berchtesgaden genießt man nicht unbedingt als Aperitif, aber als besonderer Absacker nach einem deftigen Grillevent oder als Genuss-Begleiter für den Ausklang des Abends.

Kollaboration: Gestopfte „HopGaudi“

Nach einigen Suden in heimischen Gefilden bin ich das Thema Bierbrauen jetzt mal professioneller angegangen. Gemeinsam mit Yankee & Kraut aus Ingolstadt und dem Tölzer Mühlfeldbräu habe ich im bayerischen Bad Tölz ein vollmundiges Weißbier namens „HopGaudi“ gebraut, das ordentlich mit Mosaic- und Callista-Hopfen gestopft ist.

Premiere ist am kommenden Wochenende bei der „Langen Nacht der Brauerei“ beim Giesinger Bräu in München. Am Stand vom Tölzer Mühlfeldbräu könnt ihr das Bier zum ersten Mal ausgiebig probieren. Bin gespannt auf euer Feedback.

 

Kollaborationssud: Innovative Handschrift mit „Schwarzer Tinte“

IMG_20170705_211322_588Brauereibesuche sind immer was Besonderes. Vor allem, wenn der Braumeister in den Lagerkeller zum Zwickeln einlädt. Als ich im Mai  beim Tölzer Mühlfeldbräu war, zapfte mir Sebastian Heuschneider ganz frisch etwas von der „Schwarzen Tinte“, die er gemeinsam mit Martin Seidl von der Dietrachinger Brauerei aus dem österreichischen Braunau entwickelte. Für den individuellen Kick röstete Brauer Seidl eigenhändig das verwendete Roggenmalz für das 6,2-prozentige Stout.

Schon damals war das noch nicht ganz fertige Bier ein Hochgenuss. Aber nun probierte erneut, als es ausgereift war: Im Glas steht das Bier wirklich wie schwarze Tinte. Ein espresso-farbener, fast sahniger Schaum vervollständigt die Optik. Das Stout duftet nach Zartbitterschokolade, röstig und dezent nach Kaffee. Ein bisschen zeigt sich auch der eingesetzte Sorachi Ace Hopfen, der einen Hauch von Limone und Kokos zaubert. Auf der Zunge verbreitet sich eine zarte Malzsüße aus, die an Toffee erinnert. Das Mundgefühl ist fast cremig, aber keinesfalls wirkt das Stout zu schwer. Noten von Schokolade und gerösteten Kaffeebohnen dominieren das Aromabild. Ganz dezent scheinen fruchtige Noten vom Sorachi durch. Im Finish zeigen sich noch Nuancen von Kakao und eine zurückhaltende Hopfenbittere.

Fazit: „Schwarze Tinte“ ist ein komplexes Stout mit hoher Trinkbarkeit. Die Kombination mit dem Roggenmalz vermittelt dem Bier die innovative Handschrift der beiden Brauer. Das bayerisch-österreichische Craft wirkt überhaupt nicht stark oder sättigend. Passt perfekt als Dessert oder als genussvoller Absacker eines gemütlichen Abends.

To Øl: IPA-Zwitter mit spezieller Finesse

Hybride aus zwei Bierstilen scheinen im Trend zu liegen. Ein Vertreter dieser Art ist das „Sur Centennial“ von den Gypsy-Brauern To Øl. Die Dänen vereinen hier ein Single Hop India Pale Ale mit einem Sauerbier. Also ein „Sour Mashed IPA“ gestopft mit der amerikanischen Sorte Centennial – gern auch bezeichnet als „Super-Cascade“.

Die schicke Dose macht schon Lust das Bier zu probieren. Nach dem zischenden Öffnungsakt strömen fruchtige Aromen aus dem Alu-Behälter. Im Glas steht das 5-prozentige IPA in einem strahlenden Gold mit schneeweißer Schaumkrone. Die Nase wird verwöhnt mit der vollen Kraft des Centennials: blumige Noten und überwiegend Zitrusfrüchte wie Limone. Auf der Zunge überrascht ein durchaus rundes Aromaprofil von süßlicher Südfrüchten in Kombination mit feiner Säure. Im Finish zeigt sich eine dezente Herbe von der Hopfenbittere.

Fazit: Erfrischend, fruchtig, leicht: Der saure IPA-Zwitter ist den Dänen auf jeden Fall gelungen. Passt perfekt als Appetitanreger, aber auch zu nicht allzu deftigen Grillgerichten und – wegen den eher schlanken fünf Prozent – auch für zwischendurch.

Brew Age: „Affiger” Prototyp eines New England IPAs

IMG_20170702_114127_693Sogenannte „New England IPAs“ (NEIPA)  liegen momentan extrem im Trend. Ein Musterbeispiel für diesen Bierstil hatte ich kürzlich auf dem Hoffest vom Bierhandwerk in Freising im Glas. Zu Gast war auch das Team von Brew Age aus Wien, die ihr „Alphatier“ erstmals in Deutschland ausschenkten. Aber was ist eigentlich dieses NEIPA von dem gerade die Craft-Nerds sprechen? Die österreichischen Gypsy-Brauer beschreiben das ganz treffend:

„Polarisierendes Merkmal ist die dichte, feine Trübung. Manche Exemplare sehen im Glas eher wie ein Milkshake als ein IPA aus. Während die meisten Brauer bei ihren Bieren eine natürliche Klärung durch Sedimentation der Hefe im Tank, mittels Zentrifuge oder Filtration anstreben, ist beim NEIPA alles anders. Durch intensives, mehrmaliges Hopfenstopfen, den Einsatz eines Hefestamms, der sich nur langsam absetzt und das Verbrauen von Weizen- oder Haferflocken wird hier eine stabile, intensive Trübung angestrebt. Die Weizen- oder Haferflocken sollen das Mundgefühl erhöhen, ein weiteres wichtiges Merkmal dieser Biere. „Smooth“ muss es sein, eine hohe Drinkability haben und eine nur mäßige Hopfenbittere… Was NEIPAs mit klassischen IPAs verbindet ist die intensive Hopfenfrucht. Ein NEIPA kann nicht fruchtig-juicy genug sein. Aus dem Glas soll einem ein Cocktail an Südfrüchten entgegenspringen. Jedoch fehlen die sonst üblichen harzigen, pinienartigen Aromen. Kurz gesagt ein Hopfensmoothie, perfekt für heiße Sommertage.“

Und das „Alphatier“ der Jungbrauer ist für mich ein Prototyp eines NEIPAs. Vier hocharomatische Hopfensorten verwendete das Brew Age-Kollektiv: Amarillo, Centennial, Citra und Mosaic. Im Glas steht es wirklich wie ein Orangensaft mit Schaumkrone. Durchschauen kann man nicht. Gelungene Trübung. Man könnte auch fast behaupten, dass die Sonne im Glas aufgeht. Auf der Zunge breitet sich das 5,6-prozentige NEIPA weich und vollmundig aus. Tropische Fruchtaromen von Maracuja, Mango und Grapefruit sowie Orange und Limone verwöhnen Nase und Gaumen. Trotz der knapp sechs Prozent wirkt das Craft leicht und frisch. Die 40 Bittereinheiten sind wahrnehmbar, aber halten sich stiltypisch eher im Hintergrund. Übrigens finde ich die Aufmachung des Etiketts mit dem Koboldmaki sehr gelungen.

Fazit: Auch wenn ich nicht ganz das Erlebnis wie der Affe auf dem Etikett hatte, der beim ersten Antrunk die Augen vor Begeisterung aufreißt, empfehle ich dieses NEIPA auf jeden Fall gern weiter. Die Frische und fruchtige Hopfigkeit machen das Alphatier zu einem wahren Sommergenuss.

Giesinger Bräu: Heller Bock mit Hopfenmischung

20170609_170307Giesinger Bräu überrascht seine Fans immer wieder mit neuen, interessanten Suden. Gerade erst brachte die erste großformatige Craft-Brauerei der bayeriscnten Landeshauptstadt einen untergärigen hellen Bock namens „Munique“ heraus – ein Wortspiel aus dem verwendeten Hopfen „Unique“ und München. Das Besonders an dem Bock ist der neuen Hopfen von Hopsteiner aus der Hallertau. „Unique“ ist eine Mischung aus knapp 2000 Zuchtstämmen von einem Versuchsfeld.

Goldgelben strahlt der 6,8-prozentige Giesinger-Bock durch das Glas. Eine gewaltige, schneeweiße Schaumkrone sitzt oben drauf. Im Duft zeigt sich schon die Hopfenmischung mit einer gewissen Würze und fruchtigen Aromen von gelben Steinfrüchten und Orange. Am Gaumen breitet sich ein kräftiger Malkörper aus, der Noten von Weißbrot und Karamell mit sich bringt. „Unique“ zeigt sich auf der Zunge eher zurückhaltend mit dezentem Zitrus-Touch und einem Hauch roter Beeren. Erst im Abgang ist eine angenehme Bittere spürbar, die Lust auf den nächsten Schluck macht.

Fazit: Ein solider heller Bock, der wirklich sehr gut zu trinken ist. Die fast sieben Prozent merkt man erst nach einem Gläschen. Auch aromatisch hat „Munique“ einiges zu bieten. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Hopfennoten etwas stärker durchdringen. Aber Braumeister Simon Rossmann hat das wohl so gewollt, das grüne Gold wurde nur im Heißbereich eingesetzt.