Crew Republic: Handwerk aus „Hop Knox“

Eines der innovativsten deutschen Craft-Teams ist seit kurzem stolzer Besitzer einer eigenen Brauerei im Norden von München. Mit einem renommierten Investor und einem ehrgeizigen Konzept erleben die einstigen Kuckucksbrauer von Crew Republic derzeit ein Bilderbuchmärchen, wie es hierzulande nur die Craft-Bierbranche schreiben kann.  

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Mario Hanel von Crew Republic in seiner Brauerei

Die einspurige Landstraße führt durch Spurrillen und Schlaglöcher vorbei an Wiesen, Kornfelder und Buschlandschaften. Unkundige Besucher fühlen sich irritiert, bis endlich am Horizont ein schwarz-weißes Logo auftaucht, das in der süddeutschen Craft-Szene beachtliche Symbolkraft genießt. Aber nicht nur die meterhohen Fahnen mit dem Schriftzug der Crew Republic und den symbolischen Hopfengranaten geben Hinweis auf eine der innovativsten Craft-Brauereien im Alpenland. Gerade kocht die Würze für ein India Pale Ale namens „Drunken Sailor“ im Sudkessel und im ganzen Hof duftet es nach Simcoe Hopfen. Zudem hangeln sich Hopfenpflanzen der Sorte Mandarina Bavaria neben der einstigen Lagerhalle etwas einsam in den bayerischen Himmel. Mario Hanel blickt freudig auf die Gewächse. „Was mal mit dem Hopfen passieren soll, wissen wir heute noch nicht“, schmunzelt der Mitinhaber der Crew Republic, „aber irgendwas Verrücktes lassen wir uns da noch einfallen.“

Für Verrücktheiten ist das Gründerteam um den Tiroler Mario Hanel und den Rheinländer Timm Schnigula bekannt. Wer Hanel heute im grauen Crew-Shirt, Dreitagebart und gegeelten Haarschopf zusammen mit Schnigula im schwarzen Firmen-Shirt und lässiger Langmähne unter dem Base-Cap sieht, kann kaum glauben, dass diese mal in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft ein und ausgingen. Die beiden Mitdreißiger arbeiteten einst als Unternehmensberater in München, bis sie sich entschlossen, ihr eigenes Bier zu brauen. Krawatte und Nadelstreif tragen die beiden schon lange nicht mehr. „Kürzlich habe ich mich mal wieder für eine Hochzeit rausgeputzt“, schmunzelt Hanel, der im Stubaital auf Skiern aufgewachsen ist und jetzt für die Außenwirkung der Brauerei zuständig ist.

Aber wie kamen die Crew-Gründer eigentlich zum Craft-Bier? Hanel war auf einem Ski-Trip in den Rockies von Colorado und schnupperte dort erstmalig an einem Pale Ale, Schnigula trank sein erstes IPA in einer australischen Hafenbar. Zurück in München trafen sich die beiden im Löwenbräukeller, einem gemütlichen Traditionslokal, nippten an einem bayerischen Hellen und erinnerten sich wehmütig an die traumhaften Hopfengranaten, die sie einst in Übersee genossen hatten. Schließlich belegten die beiden Wahlmünchner einen Braukurs, „so einen, wo eigentlich nur Kegelklubs hingehen und sich niederschütten“, erinnert sich Crew-Mitglied Hanel. Animiert von diesem Spaßerlebnis kauften sie ein Homebrew-Set und experimentierten in ihrer WG-Küche mit ersten Suden. Die Ergebnisse waren anfangs nicht so überzeugend, räumt Pionier Hanel ein. Aber anschließend schmissen sie 2011 den lukrativen Beraterjob hin und brauten voller Optimismus ihr erstes Profi-Bier, ein Pale Ale mit dem heutigen Namen „Foundation 11“. Es folgte das IPA „Drunken Sailor“, das wie sein Vorgänger auch heute noch im Crew-Regal steht. Schon mit diesen Hopfensäften begeisterten die Jungbrauer eine kleine Fangemeinde. Doch der Traum von der eigenen Brauerei platzte wie eine Seifenblase. Die Craft-Branche steckte noch in ihren Kinderschuhen und keine Bank wollte dieses Abenteuer finanzieren.

Aber wer kreativ ist, weiß sich zu helfen. Gute vier Jahre brauten die Münchener zunächst als Kuckucksbrauer in der Hohenthanner Schlossbrauerei nahe Landshut. Die ersten professionellen Ales schmeckten zwar vortrefflich, aber der Vertrieb lief zunächst nur schleppend voran. Deutschland war noch nicht reif für kreative Biere, erinnert sich Timm Schnigula: „Mit unseren alten Privatkarren sind wir von Kneipe zu Kneipe gegurkt, aber vier von fünf Wirten haben uns nicht mal reingelassen.“

Als jedoch die Crew mit ihren Kreativbieren immer mehr die Münchner Craft-Szene aufmischte und die in Hohenthann gebrauten Hopfenkreationen in Szenekneipen, bei Bierfachhändlern und in Online-Shops einträglichen Absatz fanden, wendete sich das Blatt. Durch größere Hopfenbestellungen kamen sie immer enger mit dem weltgrößten Hopfendealer Barth Haas in Kontakt. Aus der Verbindung zum international agierenden Konzern wurde schnell eine Partnerschaft und mit Stephan Barth, Geschäftsführer von Joh. Barth & Sohn in Nürnberg, stieß das Crew-Team auf einen Bewunderer und Förderer der Craft-Bierbewegung in Deutschland. Als Folge dieser Beziehung stieg der Hopfen-Konzern mit einem Investment von angeblich knapp fünf Millionen Euro in das bayerische Craft-Abenteuer ein. „Es war wie auf einer Galopprennbahn. Das Pferd steht in der Box und du hoffst, dass es sich beim Start nicht die Beine bricht“, beschreibt Stephan Barth seinen Crew-Beitritt.

Den Beinbruch gab es bisher nicht. In einer alten Lagerhalle in Unterschleißheim, im Münchner Norden, fanden Hanel und Schnigula einen passenden Standort für ihre Brauerei. Seit 2015 braut das Team dort drei Sude pro Tag à – immerhin schon rund 20 Hektoliter. Das soll sich allerdings bald steigern, denn mit der Geldspritze des Investors konnte sich die Crew Republic einen gewissen Luxus leisten: In der Brauerei ist alles vollautomatisiert. Gebraut wird mit einem modernen Rolec-System, das wohl auch bei Stone Brewing und BrewDog – allerdings in größeren Dimensionen – für Edelstoffe sorgt. Geschrotet wird in Eigenregie, gehopft mit drei modernen Hopfenraketen, die je nach Zeitpunkt beim Kochen der Würze gezündet werden. Es gibt ein kleines Labor und ein Kühllager, das die Sude bei vier bis sechs Grad reifen lässt sowie einen Online-Bestell- und Lieferservice. Die teuerste Anschaffung aber war die Abfüllanlage von Krones, die pro Stunde rund 5000 Flaschen bewältigen kann. Besonders stolz ist die mittlerweile zwölfköpfige Crew-Mannschaft jedoch auf ihre Hopfenschatzkammer, die im Firmenjargon liebevoll als „Hop Knox“ bezeichnet wird.

img_20160629_214303Das klingt schon alles sehr hyperprofessionell. Aber die Rezepturen für neue Sude entwickeln die Chefs noch immer gemeinsam, auch wenn sie diese final von ihrem Braumeister Malte Pasternack absegnen lassen. Der 30-jährige Perfektionist, der vom Essener Pils-Spezialist Stauder zur Crew kam, lässt mit drei weiteren Jungbrauern inzwischen sechs Biere für das Standardsortiment durch die Systeme laufen:

  • „Foundation 11“, das erste Pale Ale der Crew
  • „Munich Easy“, ein schlankes und frisches Summer-Ale
  • „Detox“, ein Session IPA
  • „Drunken Sailor“, ein fruchtiges und kräftiges IPA
  • „7:45 Escalation“ ein 8,3-prozentiges Double IPA
  • „Roundhouse Kick“, ein pechschwarzes Imperial Stout mit fast 10 Umdrehungen

Neu dazu kam gerade erst das neuaufgelegte Westcoast IPA mit dem Namen „In your Face“ und ab Dezember läuft auch der beliebte Barleywine „Rest in Peace“ mit zehn Prozent Alkohol ganzjährig im Sortiment. Crew-Fans können sich aber auch noch auf ein paar andere Zaubertropfen freuen. Außerhalb des Sortiments gibt es derzeit ein kaltgestopftes Pale Ale mit Relax-Hopfen und Mandarina-Dolden, die vor der Brauerei geerntet wurden. Und weil die Nachfrage generell an Craft-Bieren steigt, hat sich die Crew mit anderen Brauereien wie etwa Maisel & Friends aus Bayreuth, BRLO aus Berlin und der Berliner Bierline zu einer Vertriebsgemeinschaft namens „Neue Bierkultur“ zusammengeschlossen. „Damit wollen wir unsere Kräfte bündeln um das gesamte Craft-Segment in Deutschland schneller voran zu bringen“, erklärt Hanel.

Mit diesem Szenario sehen sich die Crew-Gründer auf der Erfolgsspur. Dennoch geben sie sich eher bescheiden: „Wir wollen nicht die Größten in unserer Branche werden“, sagt Schnigula, „aber dafür streben wir die beste Qualität an.“ Die Ziele des jungen Craft-Tandems stecken voller Ehrgeiz. In der Brauerei soll ein Hotspot mit Tasting-Room und Live-Musik installiert werden. Geplant sind Brauereibesichtigungen, Degustationen, Grillevents, Seminare und Veranstaltungen. Später könnte ein Gastronomiekonzept hinzukommen. Ein offener Ausschank sowie Bierverkauf ab Rampe laufen bereits und im Online-Shop können hippe Crew-Mützen und Shirts bestellt werden. Die Vision der beiden Macher: Das ganze Gelände soll sich in den kommenden Jahren für Besucher zu einem Erlebniszentrum entwickeln. „Eine Brauerei muss für seine Fans zum Anfassen sein“, beschreibt Hanel das Konzept.

Auch in der Craft-Bierbranche gilt die alte Regel: Wer zahlt, bestimmt die Musik. Welchen Einfluss also hat ein so starker Anteilseigner wie Barth Haas? Beide Crew-Gründer bekräftigen unisono, dass ihnen niemand in das Tagesgeschäft reinreden wird. Selbst bei der Wahl der Rohstoffe können sie nach den Worten von Mario Hanel frei entscheiden: „Natürlich verwenden wir viele Hopfensorten aus dem Hause Barth, aber wir werden auch weiterhin verschiedene amerikanische Züchtungen für unsere Kreationen verwenden.“ Timm Schnigula bringt es auf den Punkt: „Auch in Zukunft werden wir nur das Bier brauen, auf das wir selbst Bock haben.“

Erschienen in MEININGERS CRAFT – Magazin für Bierkultur.

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