Das Brauer-Portrait: André Schleypen, Julian Schmidt, Sebastian Mergel – Berliner Hobbybrauer starten durch

Foto: Jascha Eidam, Studio8, Bar in Berlin/Wedding
Foto: Jascha Eidam, Studio8, Bar in Berlin/Wedding

Noch sind André Schleypen (27), Julian Schmidt (27) und Sebastian Mergel (26) Brauerei- und Getränketechnologie Studenten, ohne eigene Brauerei. Seit über einem Jahr betreiben die drei Berliner aber schon ihren eigenen Biertempel: Beer4Wedding. Hier produzieren sie 3600 Liter ihres Kreativ-Biers. Derzeit brauen die Gypsy-Brewer bei Thorsten Schoppe im Brauhaus Südstern. Kultbrauer Schoppe mixt auch einmal pro Woche ein IPA-Rezept für die Drei. Ihren ersten Sud zauberten die Studenten auf Julian Schmidts Balkon. Heute züchtet der 27-Jährige Student dort sogar seinen eigenen Hopfen. Etwas Besonderes soll das Bier eben sein. So brauten die Berliner das erste Oyster-Stout deutschlandweit, in dem neben Meeresfrüchten auch Haferflocken, Kaffee und dunkle Schokolade stecken. Den Gralshütern des deutschen Reinheitsgebots dürfte sich da der Magen umdrehen. Aber angeblich machen Austern das Bier cremig, voll und weich. Den Spaß am Selbstgebrauten wollen die Bierfanatiker weiter ausbauen. Ihr Ziel: Eine eigene Brauerei.

1. Wann und wie tranken Sie ihr erstes Bier?

Sebastian:

Ich weiß selbstverständlich noch ganz genau wann und wie ich mein erstes Bier getrunken habe. So ein prägendes Erlebnis vergisst man nicht. Bei mir war es 1976 auf dem legendären ersten Konzert der Sex Pistols im St. Martins College.

(Anmerkung der Redaktion: Sebastian war damals noch gar nicht geboren!)

André:

Es war auf einer Familienfeier, auf der mein Opa mich zur Seite nahm und mir sein Selbstgebrautes mit dem Satz präsentierte: „Dein erstes Bier soll etwas ganz Besonderes sein“. Das würde ich gerne sagen können. Leider hat mein Opa meines Wissens nach nicht gebraut und deswegen kann ich mich an mein erstes Bier nicht erinnern.

Julian:

Das weiß ich tatsächlich sogar noch, wie lange das her ist will ich an dieser Stelle lieber nicht sagen, aber dafür weiß ich noch, was für eins es war: St. GeorgenBräu Keller Bier.

2. Wann und warum haben Sie sich für den Brauerberuf entschieden?

Sebastian:

Ursprünglich habe ich mich für den Beruf des Winzers entschieden und die Ausbildung auch abgeschlossen. Nach der Ausbildung habe ich noch eine Zeit auf dem Weingut Vitkin in Israel gearbeitet. Ich habe mich dann für das Studium der „Brauerei- und Getränketechnologie“ in Berlin anstatt „Weinbau und Getränketechnologie“ in Geisenheim entschieden, weil ich meine Studienjahre lieber in Berlin als in Geisenheim verbringen wollte. Außerdem haben Freunde von mir schon lange in der Stadt gelebt und so hatte ich bereits eine gewisse Affinität zu Berlin. Zu Beginn des Studiums war für mich auch noch klar, dass ich wieder zum Weinbau zurückkehre und auch wieder im Ausland arbeite. Aber es kommt ja dann doch häufig anders als man denkt, und gerade bin ich sehr gerne privat und beruflich an die Stadt gebunden. Zum Brauen bin ich also quasi en passant, durch eine tolle Verkettung von Ereignissen und Zufällen, gekommen.

André:

Ich habe mich ja nicht dazu entschieden. Ich bin kein Brauer, denn eine Ausbildung als Brauer und Mälzer habe ich nie gemacht. Ich habe mich fürs Studium der Brauerei- und Getränketechnologie entschieden, weil ich naturwissenschaftlich und ingenieurstechnisch interessiert bin. Hinzu kommt der zusätzliche Reiz des Genusses des selbst Produzierten. Außerdem ist der Prozess der Bierherstellung komplex und deswegen reizvoll. Der Grund, warum es heute ein von mir mitentwickeltes Bier zu kaufen gibt, ist wohl, dass sich das Projekt verselbständigt hat, als wir drei uns zusammengetan haben.

Julian:

Auch ich bin kein gelernter Brauer und Mälzer, ich denke meine Kollegen haben hierzu schon gesagt, dass wir uns nicht mit falschen Federn schmücken möchten. Meine ersten Erfahrungen habe ich zunächst als Hobbybrauer gesammelt. Erst nachdem ich noch ein Praktikum im Brauhaus Südstern gemacht hatte, habe ich mich für das Studium der Brauerei und Getränketechnologie entschieden. Durch das fortwährende Heimbrauen habe ich glücklicherweise sehr schnell André und Sebastian kennengelernt und alsbald formten wir beer4wedding.

3. Auf welches Bier sind Sie besonders stolz und warum?

Sebastian:

Uff, stolz ist natürlich ein sehr gewichtiges Wort. Passt das überhaupt zu einem Bier? Ich freue mich natürlich über unser Oyster Stout und dass wir damit in Deutschland die Ersten waren. Genauso gerne denke ich an das Amber Ale, welches wir zusammen mit Kristian von der Brauerei „Stronzo“ in Dänemark gebraut haben. Das Bier, an das ich aber am liebsten denke, war das erste, das ich damals mit Julian gebraut habe. Wir haben zu Beginn oft Selbstgebrautes auf Open Airs oder irgendwelche Privat- oder Kellerpartys mitgenommen. Irgendwann saßen wir dann auf einer dieser Partys, da war es schon wieder früh am Morgen, wir waren hacke dicht und haben ein paar dieser Biere in die Runde gegeben. Auf einmal kam dann ein Mädchen zu uns und meinte: „Ihr habt das gebraut? Das schmeckt super geil!“. Solche Erlebnisse machen natürlich sehr froh und befeuern die Begeisterung für das, was man tut, aber wirklich stolz machen mich dann doch eher andere Dinge und Ereignisse.

André:

So viele gibt’s ja noch nicht. Wir sind ja noch Gypsy Brewer. Außerdem liegt es mir fern, mein eigenes Produkt zu bewerten.

Julian:

Leider ist unser Sortiment momentan noch nicht sonderlich groß, das wird sich in Zukunft noch ändern. Dann wäre es sinnvoller, eins zu nennen, das mir besonders gut gefällt. Persönlich hebt sich für mich das Amber Ale oder wie wir es getauft haben „Hurtigtog -Tontaube“ etwas von unseren anderen Bieren ab. Das liegt vor allem an der Art und Weise wie es entstanden ist. Als Kollaboration in einem anderen Land mit einem „fremden“ Brauer, das war auf jeden Fall sehr aufregend und hat vor allem eine Menge Spaß gemacht hat, besonders wegen des offenen Austausches und der gemeinsamen kreativen Rezept Entwicklung und Umsetzung. Und als wir dann nach Wochen endlich das Ergebnis probieren konnten, da war ich schon ein wenig stolz.

 

4. Was macht für Sie ein wirklich gutes Spezialitätenbier aus?

Sebastian:

Ich mache keinen Unterschied zwischen Bier und Spezialitätenbier. Wichtig ist einfach nur, dass mir ein Bier schmeckt. Vielleicht ist es viel wichtiger, darüber nachzudenken, was ein Bier gerade in dem Moment, in dem man es trinkt, speziell macht. Manchmal kann ein warmes Bier in der Sonne auf einem Festival auch sehr speziell sein.

André:

Da müssen Sie mir erst mal das Wort „Spezialitätenbier“ erklären.

Julian:

Ich weiß leider auch nicht so recht was ein Spezialitätenbier sein soll. Jedes Bier kann außerordentlich gut sein, dazu muss es nicht 3 Jahre lang in unterschiedlichen Holzfässern gereift sein. Klar interessiere ich mich auch für solche Biere und sie können ganz hervorragend sein, aber genauso freue ich mich, wenn ich ein richtig gutes Dunkles trinke. Um es kurz zu machen: Das wichtigste für mich bei einem Bier ist, dass es mir schmeckt!

5. Was sind Ihre Lieblingshopfensorten?

Sebastian:

Ich habe keine Lieblingshopfensorte. Mir würde es jetzt auch schwer fallen Ihnen ein Lieblingsbier oder ein Lieblingsmalz zu nennen.

André:

Ist ja stark abhängig vom Effekt, den ich im Bier erreichen möchte. Ich weiß auch nicht, ob ein Tischler ein Lieblingsholz hat, oder ob er nicht eher das Holz nach den jeweiligen Bedürfnissen auswählt.

Julian:

So etwas wie einen Lieblingshopfen habe ich nicht, ich weiß auch nicht, ob es einen Hopfen gibt, der für jedes Bier geschmacklich funktioniert, also so etwas wie den perfekten Hopfen. Viel reizvoller finde ich es, verschiedenste Hopfensorten zu kombinieren und dabei immer wieder von einem neuen Geschmack überrascht werden zu können.

6. Was ist für Sie der schönste Ort der Welt?

Sebastian:

Das ist mir ehrlich gesagt jetzt etwas zu intim. Ich sitze aber gerne in Kneipen. Halten wir also fest, dass ich Theken für sehr schöne Orte halte.

André:

Im Moment: der Humboldthain im Sommer zum Chillen, meine WG zum Wohnen, Aachen um meine Familie zu besuchen, Lorena zum Besuchen meiner alten WG in Brasilien, Ubatuba zum Surfen, die Eifel zum Motorrad fahren, Schottlands „Berge“ zum Staunen, Korsika zum Baden im Bergsee, der Nationalpark Corcovado um einen Blick auf einen Tapir zu ergattern, Winnipeg um die freundlichsten Menschen der Welt zu besuchen und Franken und Belgien, um dort meine Bierneugier für kurze Zeit zu stillen.

Julian:

Das ist eine äußerst schwere Frage, ich kenne viele schöne Orte. Doch so richtig schön wird es erst, wenn man sich glücklich schätzen kann, die entsprechende Begleitung an seiner Seite zu haben.

7. Was sind Ihre persönlichen Ziele?

Sebastian:

Ich habe mein Lebensziel bereits am 4.7.2003 erreicht. Seitdem geht es eigentlich nur noch bergab. Grundsätzlich habe ich natürlich das Ziel, mit unserem Unternehmen mal drei Familien ernähren zu können.

André:

Haus bauen, Sohn zeugen, Baum pflanzen. Ne Quatsch. Berufliches Ziel ist die eigene Brauerei.

Julian:

Ganz klar gibt es da ein großes Ziel, die eigene Brauerei. Damit wird dann Stück für Stück ein weiteres Ziel erreicht, viele interessante und neuartige Biere zu kreieren.

3 Gedanken zu “Das Brauer-Portrait: André Schleypen, Julian Schmidt, Sebastian Mergel – Berliner Hobbybrauer starten durch

  1. Pingback: Beer4Wedding: Obstbombe aus Berlin | Feiner Hopfen

  2. Pingback: Bierfabrik Berlin Schabrackentabier: Pale Ale aus dem Großstadtdschungel | Feiner Hopfen

  3. Pingback: Bierfabrik Berlin: Die Geschichte eines Aufstiegs | Feiner Hopfen

Kommentar verfassen