Reportage: Hochzeit im Hopfenland

Es ist eine der kleinsten, aber wohl auch innovativsten Hopfenfarmen in der Hallertau. Spezialität am Hofe der Familie Weingartner in Starzhausen: die seltene und bei Craft-Brauern beliebte Aromasorte Monroe. Hopfenernte heißt hier nicht nur harte Arbeit, sie ist auch ein Fest der Sinne.

_dsc0033Wer bei Wolnzach von der A93 abzweigt und sich Richtung Nordwest bewegt, braucht nicht mal die Hinweistafel „Hopfenland Hallertau“ zu lesen, um zu wissen, wo er sich gerade befindet. Der Duft des grünen Goldes liegt wie eine Wolke über dem Land, animiert die Geschmacksnerven und schürt schon bei Tagesanbruch die Lust auf ein frisch gezapftes Bier. Im fruchtbaren Hügelland der Hallertau, mitten im Schlaraffenland aller Hop-Guys des Planeten, ranken hier im Spätsommer allerorten dichte, dunkelgrüne Hopfentriebe in den Morgenhimmel.

An diesem Dienstag im September geht gerade erst die Sonne auf über dem zweitgrößten Anbaugebebiet der Welt. Doch in fast jeder zweiten Hofeinfahrt der idyllischen Dörfer rund um das 12.000-Seelen-Städtchen Wolnzach brennt schon Licht. Pflückmaschinen ziehen die ersten Ranken in die Höhe, damit sich die Dolden von Blatt und Stamm trennen lassen. Es ist der Beginn der Hopfenernte. Auch bei Familie Weingartner in Starzhausen rattern schon seit sechs Uhr morgens die Gerätschaften. Josef Weingartner steht mit blondem Wikingerbart vor seiner Pflückmaschine am Hoftor und genießt die erste Tasse Kaffee des Tages. Der 33-jährige Bayer ist stolz auf sein Anwesen, das er vor sechs Jahren von seinem Vater übernahm: „Mit unseren knapp sechs Hektar Anbaufläche gehören wir zwar zu den kleinsten Betrieben der Hallertau, ernten aber ein paar Spezialitäten, die gerade in der Craft-Szene sehr gefragt sind.“

Das Gehöft inmitten der Hopfenfelder führt die Familie seit mehr als 120 Jahren. Ein Bild des Urgroßvaters, der das Anwesen 1889 kaufte, hängt noch immer an der Wohnzimmerwand. Seit Anbeginn kümmern sich die Weingartners um das grüne Gold, aber schon immer als landwirtschaftlicher Nebenerwerb. Josef, der eigentlich studierter Informatiker ist, gilt als vielgefragter Hopfenprofi im Dorf. An diesem Morgen analysiert er als erstes seine Pflanzen und stellt fest, dass kein typischer Morgentau auf den Blättern liegt. „Das Wetter ändert sich“, urteilt er, „morgen gibt es Regen.“ Solche Erfahrungswerte habe er von seinem Vater Herbert gelernt – und sie besagen: „Wir müssen heute kräftig Gas geben“, sagt Josef und krempelt die Ärmel hoch.

20170912_101751Für die Familie Weingartner steht an diesem Tage die Ernte der neuen Aromasorte Monroe auf dem Plan. Monroe ist ein Lizenz-Hopfen der weltgrößten Dienstleistungsfirma Barth-Haas in Nürnberg. Josef und seine Eltern gehören zu nicht mal einer Handvoll ehrgeiziger Betriebe, die derzeit diesen Typus anbauen. Laut Experten von Barth-Haas ist diese Pflanze ähnlich extravagant wie ihre Namensgeberin, die Aktrice Marylin Monroe. Mit einem Alphasäuregehalt von nur 2,5 Prozent und einem Ölgehalt von 0,95 Milliliter auf 100 Gramm gehört diese aus amerikanischem Wildhopfen gezüchtete Humulus-Art zu einer milden und eher sanften Sorte. Erst im Bier zeigen die Dolden ihre volle Aromapracht und verbreiten einen Duft von Himbeeren, Kirsche, Erdbeere und Orangensirup.

Während der 71-jährige Senior mit der nächsten Ladung vom Felde kommt, breitet sich der Wohlgeruch des Hopfens auf dem ganzen Hof aus. Anneliese, seine gleichaltrige Ehefrau legt die Pflanzen gleich Rebe für Rebe in die Zangen der Maschine. Sie trägt Schutzkleidung, damit die Ranken nicht ihre Haut zerkratzen. Inzwischen ist auch mit Christina Burgstaller ein Familienmitglied in spe aus dem 15 Kilometer entfernten Pfaffenhofen eingetroffen. Sie ist bayernweit bekannt als ehemalige Bienen- und Bierkönigin der Hallertau. Ihr zukünftiger Ehemann ist der Cousin von Josef. Die jährliche Hopfenernte ist für sie ein Fixpunkt im Terminkalender. Zum diesjährigen Auftakt zupft sich die attraktive Blondine mit Modellmaßen ein paar Früchte von den Ranken ab, bricht eine davon in der Mitte auseinander und atmet den Doldenduft tief durch die Nase ein. „So, jetzt kann es losgehen“, drängt die 29-Jährige, während sie sich das Gewächs ins Haar steckt.

20170912_084825Josef freut sich über jede Hilfe. Er thront ungeduldig auf dem Traktor der Marke John Deere und wirft den Motor an, nachdem Christina grazil auf die Ladefläche hüpft. Im rund zwei Kilometer entfernten Monroe-Garten herrscht noch Stille. Nur die Ranken, schaukeln sanft im Wind. Josef lenkt den Trecker geschickt in die erste Reihe des Hopfenfelds und schaltet das Bordradio an, aus dessen Lautsprecher jetzt ein harter Rocksound in die Morgensonne dröhnt. Nach der ersten Reihe muss Josef Weingartner absteigen. Die Pflückmaschine hat nicht alle Reben heruntergerissen. „Beim Monroe sind wir noch in der Experimentierphase“, verrät er, „die richtige Drahtstärke habe ich noch nicht ganz raus“. Ist der Draht zu leicht, würde der Wind die Pflanzen herunter wehen, ist er zu dick, bleiben einige Ranken hängen. Und so marschiert der Bauer durch den Hopfengarten und zieht mühselig mit Einsatz seines Körpergewichts die langen Triebe herunter. Christina und Anneliese sammeln derweil die restlichen Pflanzen auf. „Schließlich ist jede Dolde für uns bares Geld“, schmunzelt Mutter Weingartner.

20170912_082300Selbst beim Einsatz modernster Technik, ist der Erfolg einer Ernte noch reines Glücksspiel. Früher haben die Hopfenbauern ihre Sorten jeden Tag selbst analysiert. Heute empfehlen Experten nach professionellen Tests den perfekten Ernte-Zeitpunkt. Vor dem Monroe hat die Familie auf 2,5 Hektar bereits rund vier Tonnen Hallertauer Mittelfrüh eingebracht. Zum Teil wird dieser Traditionshopfen sogar an die amerikanische Ostküste zur Boston Brewing Company geschifft. Dabei war die komplizierte Sorte schon fast ausgestorben. Hallertauer Mittelfrüh ist sehr anfällig hinsichtlich einer hoch ansteckenden Krankheit namens „Hopfenwelke“. Für Bauer Josef ist deshalb Hygienemanagement ein enorm wichtiges Thema. Wurde eine infizierte Pflanze versehentlich auf dem Hänger transportiert, muss auch der Rest gereinigt werden. Das war vielen Bauern zu anstrengend und sie bauten den Hopfen nicht mehr an. Erst mit dem verstärkten Interesse der US-Brauer an uralten Sorten blühte der Mittelfrüh wieder auf.

Josef Weingartner ist froh, dass die weltweite Craft-Bierbewegung die Hopfenbranche wieder ins Rampenlicht rückt und vor allem Aromapflanzen zunehmend gefragt sind. Vor allem Sorten wie Monroe & Co. sind heute teurer als Standardhopfen und bringen mehr Geld in die Kassen der Bauern. In den USA nehmen die Aromasorten nach Angaben des aktuellen Barth-Berichts mittlerweile 80 Prozent der Anbaufläche ein. Darauf haben auch die Weingartners reagiert. Auf dem Monroe-Feld stand zuvor noch die Bittersorte Magnum. Erst in der dritten Saison, entfaltet sich die Pflanze mit allen Aromaspielen, jetzt ist sie im zweiten Jahr. Aber Monroe birgt auch ein Problem beim Ertrag: „Wenn die Ausbeute im nächsten Jahr nicht besser wird, stampfen wir die Sorte wieder ein und bauen was anderes an“, sagt Josef selbstbewusst.

Zurück am Hof flutet ein rotes Licht die Hopfengarage, das fast an einen Feueralarm erinnert – ein Zeichen dafür, dass die Dolden fertig getrocknet sind. Das Heißluftgebläse liegt gerade bei idealen 65 Grad. „Passt“, urteilt der Bauer, nachdem er die oberste Darre öffnet und die Dolden mit der Schneeschaufel verteilt. Ein bis zwei Tage lässt die Familie den Hopfen hier noch auskühlen, bis er verpackt wird. Das Trocknen ist am kompliziertesten, weiß Herbert Weingartner aus langjähriger Erfahrung: „Wenn man ihn zu lange darrt, verliert die Dolde zu viel Wasser und damit auch an Gewicht.“

Das schlägt letztendlich auch auf den Ertrag durch. Jahrelang hätte der Hof mit unfairen Preisen kalkulieren müssen, wie der Senior erzählt. Inzwischen sei die Situation jedoch deutlich besser. Vor allem Aromahopfen ist Dank der Craft-Brauer zu einer gefragten Ware geworden. Auch wenn die Erträge dieses Jahr wetterbedingt nur durchschnittlich ausfällen, Josef und seine Familie sind bisher zufrieden. An einem Kilo Alphasäure etwa vom Bitterhopfen Herkules, wovon die Weingartners noch 2,5 Hektar zu ernten haben, können sie rund 55 Euro verdienen.

Nach anstrengenden Erntetag freuen sich alle Helfer auf ihr Bett. Zehn Tage haben sie noch vor sich. Und dann? „Nach der Ernte ist vor der Ernte“, sagt Bauer Josef. Im Oktober schneidet die Familie die Pflanzen bis zum Boden runter. Im Frühjahr wird der komplette Erdhügel auf Bodenniveau abgetragen, die neuen Drähte montiert und dann gehen die Weingartners vor jeder Pflanze auf die Knie, um jeden einzelnen Trieb um die Metallschnüre zu wickeln – geschätzt auf jeden Fall mehr als 1300 Mal. Das macht den Weingartners jedoch nichts aus. Vater Herbert hat sich auf ewig dem grünen Gold verschworen: „Wenn ich mal sterbe, dann möchte ich im Hopfengarten vergraben werden“, orakelt er und nimmt einen großen Schluck seines Feierabend-Pale Ales.

Erschienen im Meiningers CRAFT Magazin. 

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2 Gedanken zu “Reportage: Hochzeit im Hopfenland

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