Sierra Nevada: Gose mit enormer Kaktus-Power

20171130_180938Man glaubt es kaum, aber und um den Globus liegen deutsche Bierstile gerade voll im Trend. Neben Pils, Weißbier oder Dunklem interpretieren Craft-Brauer aber auch uralte Sorten wie die hierzulande fast schon ausgestorbene Gose. Die Macher von Sierra Nevada aus Kalifornien legten eine eigens interpretierte Version dieses Stils vor, das sie allerdings als „Ale im Gose-Style“ bezeichnen. Das einzigartige an dem 4,5-prozentigen Bier: „Otra Vez“ ist mit Koriander, Grapefruit und einer regionalen Kaktussorte gebraut.

Da in heimischen Gefilden eher selten mal Kaktusfrüchte ins Glas kommen, kann man sich umso mehr auf das Aroma des Gose-Ales freuen. Das strohblonde Bier, getoppt von einer feinporigen, schneeweißen Schaumkrone, wirkt im Glas schon mal sehr appetitlich. Es duftet nach Zitrusfrüchten wie Grapefruit und Limette. Deutlich zeigt sich im Bukett aber auch die Kaktusfrucht, die vom Duft her an eine Mixtur aus Birne und Honigmelone erinnert. Während des Antrunks gleitet eine feine Rezenz über die Lippen, die im Mundraum kurzzeitig moussiert. Eine zarte Säure umgarnt die Zunge, die sich mit den fruchtigen Noten der Grapefruit und der kalifornischen Kaktusfeige vereint. Im Finish präsentiert sich ein eleganter Malzkörper, der das Aromaspiel mit einem Touch frischgebackener Weißbrotkruste abrundet. Eine filigrane Hopfenbittere verbirgt sich eher dezent im Hintergrund.

Fazit: „Otra Vez“ ist ein finessenreiches Ale im Gose-Style, das Zunge und Gaumen mit einem ungewöhnlichen Geschmackspektrum überrascht. Für mich war das eine Premiere, da ich noch nie zuvor ein Bier mit Kaktus genossen habe. Wegen des schlanken Alkoholgehalts ist das Sierra Nevada-Craft doch eher eine aromatische Erfrischung für den Sommer. Sicherlich passt es aber auch gut zu leichtem Käse und nordischen Fischgerichten.

Next Level Brewing: Gose mit indischer Pfeffer-Power

IMG_20170909_181152_852Kenner der österreichischen Bierszene wissen das: Das Wiener Team von Next Level Brewing braut keine Gefälligkeitsbiere für Jedermann, sondern schafft eher Sude für Fans und Spezialisten. Nach Überzeugung der beiden Braumeister Johannes Grohs und Alexander Beinhauer darf es – was die Aromen angeht – auch gern mal was ganz Extremes sein. Ich hatte kürzlich ihr „Tiger Berry“ im Glas, eine 4,7-prozentige Gose, gebraut mit Himbeeren, Tiger-Pfeffer und Meersalz. Klingt doch schon mal ganz schön ausgefallen, oder?

Beim Einschenken löst die Wiener-Gose bereits einen Wow-Effekt aus. Das Craft fließt in einem rosafarbenen Ton ins Glas, das an das saftige Fruchtfleisch einer Grapefruit oder an das Federkleid eines Flamingos erinnert. Im Duft zeigen sich erst einmal nur die frischen Himbeeren. Am Gaumen wird es dann schön komplex. Im Antrunk zeigt sich das Meersalz, auf der Zunge entwickelt sich wieder die Fruchtigkeit der Beeren. Der indische „Bio Tiger Peffer“ aus der Wiener Manufaktur „Die Pfefferei“, unterstreicht die intensiven Fruchtnoten. Das Mundgefühl ist vollmundig und frisch. Erst im Abgang schlagen die pikanten Pfeffernoten an den Gaumen.

Fazit: „Tiger Berry“ ist definitiv keine klassische Gose, eher eine seltene Wiener Variante dieses Bierstils. Aber Next Level Brewing beweist damit wieder ihre Lust an experimentellen Suden. Und ich finde, dass ist ihnen auch dieses Mal wieder gut gelungen. Ein spannendes Bier, das ich mir sehr gut als Aperitif vorstellen kann.

 

Oedipus Brewing: Holländisches Frühlingserwachen

IMG_20161103_191635Kaum scheint die Frühlingssonne und die Temperaturen klettern nach oben, schon bekomme ich Lust auf eine Erfrischung. Im Kühlschrank wartete dafür die „Swingers Gose“ von Oedipus Brewing aus Amsterdam. Das ist aber keine gewöhnliche Stilinterpretation, sondern eine Freestyle-Variante. Denn die Gose mit aschblonder Farbe und schlanken vier Prozent wurde mit Meersalz sowie Limetten- und Grapefruitschale gebraut. Auf Koriander haben die Holländer bewusst verzichtet. Angeblich mag keiner von der Braumannschaft das Kraut so wirklich – stört mich nicht, ich bin auch nicht so der Fan von dem Gewächs.

Die Gose braucht das Gewürz aber auch nicht, sie hat andere Qualitäten. Schenkt man das Bier ins Glas, so strömen schon tropische Düfte von Maracuja und Guave in die Nase. Die Zunge wird dann zur Tanzfläche von fruchtigen Aromen: reife Birne, Guave, Limette, Grapefruit und Passionsfrucht swingen mit einer leichten Salzigkeit und einer dezente Herbe. Auch im Abgang bleiben die fruchtigen Nuancen noch lange zurück.

Fazit: Genau das, was ich am ersten Frühlingstag genießen wollte. „Swingers Club“ ist wirklich eine geile Erfrischung und eine ganz andere Umsetzung einer Gose. Die fruchtigen Noten mit der leichten Salzigkeit machen das alkoholarme Bier zum idealen Sommergetränk. Kompliment an die Holländer!

Braumanufaktur Welde:  Badisch Gose mit Zitrus-Grüßen

Welde - Badische Gose
Welde – Badische Gose

Wenn eine Brauerei, die seit 1752 regionale Gerstensäfte produziert, plötzlich auf einen „Bourbon Barrel Bock“ aufsteigt, ein Kellerbier unter dem Namen „Hop Stuff Ella-Equinox“ ins Regal stellt und auch noch den Mut für eine „Badische Gose“ hat, könnte man von einer Kulturrevolution sprechen. Aber für Stephan Dück sind ungewöhnliche Craft-Rezepturen inzwischen Programm. Was bei Braumeister und Biersommelier der badischen Braumanufaktur Welde aus Plankstadt-Schetzingen inzwischen aus dem Sudkessel fließt, ist nicht von schlechten Eltern.

Nach schweißtreibender Arbeit habe ich mich über die Badische Gose hergemacht, die mit ihren zarten 4,6 Umdrehungen nicht unbedingt einen schnellen Rausch verspricht. Dieses „Slow Beer“, so die offizielle Bezeichnung auf der Flasche, präsentiert sich hellgelb mit leichter Hefetrübung im Glas. In der Nase dezente Duftnoten von Banane, Zitrusfrüchten und einer leichten Korianderwürze. Vor allem wenn man Durst hat, genießt man die spritzig frische Note dieser Brauspezialität mit ihrer leicht mineralischen Süße sowie einer moderaten Bittere besonders. Diese Kombination aus einem Hopfen-Cocktail von Select, Saphir und Citra gibt dieser Gose einen ganz einwilligen Charakter, der durch die Zugabe von Kochsalz und Koriander noch unterstrichen wird. Das 500-jährige Reinheitsgebot lässt grüßen…

Fazit: Diese wahrscheinlich erste Gose aus Badischer Fertigung ist zwar nicht zu vergleichen mit den komplexeren belgischen Lambic- oder Geuze-Schwestern, aber auf jeden Fall ein schmackhaftes, unkompliziertes Bier mit fein prickelnder Perlage. Wenn Braumeister Stephan Dück diesen Weg mit neuen Craft-Rezepturen fortsetzt, wird man noch viel von ihm hören.