Brewdog: Mal ein ganz anderes Festtagsbier aus Schottland

Die Brauhunde aus Schottland legen mit ihrem „Hoppy Christmas Festive IPA“ ein Weihnachtsbier für echte Hopheads vor. Name und Etikett lassen bei so manchem wohl erst ein anderes Aromaspiel erwarten, aber wenn man das sechsprozentige Ale ins Glas schenkt, katapultieren sich keine Zimt-, Lebkuchen- oder Sternanisnoten in die Nase, sondern kräftige Hopfendüfte. Beim schottischen Festbier handelt es sich um einen Single-Hop-Sud mit der amerikanischen Sorte Simcoe.

Bernsteinfarben und opal schwimmt das Weihnachts-IPA im Glas, ein elfenbeinweißer Schaum liegt oben auf. Es duftet nach tropischen Früchten wie Papaya und reife Ananas, dazu gesellen sich Zitrustöne von Grapefruit und Blutorange. Auf der Zunge zündet das Bier erneut ein Fruchtfeuerwerk. Aromen von Zitrus und Ananas vereinen sich mit einem cremig-weichen Mundgefühl. „Hoppy Christmas“ verabschiedet sich mit 40 Bittereinheiten, die sich dominant, aber angenehm harmonisch zeigen und mit dem fruchtigen Geschmack ein langes Finish bieten.

Fazit: Mit diesem IPA macht Brewdog seinem Namen wieder alle Ehre. Mal ein ganz anderes Weihnachtsbier, mit einer Aromakomposition, genau wie ich es mag. Das Festbier braucht keine Speisebegleitung: Einfach einschenken und genießen. Wer Lust verspürt das Bier nachzubrauen, der findet hier das Rezept.

Craft-Bier des Monats: Kräftiges Bombardement von der Brouwerij de Molen

Die niederländische Brouwerij de Molen zählte zu den besten Braustätten der Welt. Erst 2004 wurde sie im kleinen Provinzstädtchen Bodegrave gegründet, nur wenige Kilometer von Amsterdam entfernt. Einen Namen machte sich de Molen vor allem durch hammerharte, alkoholreiche Biere. In meinem Bierkeller fand ich neulich das einige Jahre gelagerte „Bommen & Granaten“ mit kräftigen 15,2 Umdrehungen. Wow, wirklich etwas für wahre Craft-Kenner!

Bevor dieser Barley Wine am 28. Januar 2013 in Flaschen gefüllt wurde, schlummerte er zur Vollendung noch einige Zeit in Bordeaux-Fässern. Das gibt dem Trunk einen dezent weinigen Charakter. Aber wie Schweröl fließt das Bier dann in einem sanften Braunton mit attraktivem Rotstich ins Glas. Schaum besitzt es bei dieser Struktur natürlich keinen. Dafür duftet „Bommen & Granaten“ verführerisch nach Karamell, Rosinen, Dörrpflaume und getrockneten Aprikosen. Auf der Zunge entfacht der Barley Wine wirklich aromatische Bomben und Granaten, wie der Name bereits in Übersetzung verrät. Schwer fließt das Bier schließlich über die Lippen, bis es sich süß-sauer mit Aromen von Waldhonig sowie getrockneter Pflaume, Beeren und Aprikose entfaltet. Eine zart röstige Note und ein langes, sanft herbes Finish komplementieren das Gesamtbild eines wahrhaft ungewöhnlichen Bieres.

Fazit: Fantastisch, dieser Barley Wine ist eine echte Geschmacksbombe mit großem Nachhall. Die vielschichtigen Aromen regen immer wieder zum nächsten Nippen an. Ich kann mir das Bier als kräftigen Begleiter zu einem Rinderbraten und zu würzigem sowie gereiften Käse vorstellen oder einfach als köstlichen Digestif. Bei diesen Aromen müssen sich selbst große Rotweine anstrengen.

Brouwerij Huyghe: Belgisches Weißbier als weihnachtliche Allzweckwaffe

Wahre Bierfans wissen, belgische Biere sind eigentlich immer etwas Besonderes. So auch das „Blanche des Neiges“ von der Brouwerij Huyghe im ostflämischen Melle. Die Privatbrauerei, die auch durch die Marke „Delirium tremens“ mit dem rosafarbenen Elefanten bekannt ist, gehört zur Vereinigung der „Belgian Family Brewers“ – ein Zusammenschluss von unabhängigen Familienbrauereien in Belgien, die sich ein eigenes Gütesiegel verordnet haben. Die Mitglieder sind nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, sondern wollen vielmehr einen Mehrwert für Identität und Authentizität belgischer Braumethoden schaffen.

So präsentiert sich das 4,9-prozentige „Blanche des Neiges“, was übersetzt so viel wie „schneeweiß“ bedeutet, als Musterbeispiel für ein belgisches Witbier. Gerade erst räumte es auch die Goldmedaille beim European Beer Star ab. In einem trüben Goldgelbton schwimmt das Ale im Glas, ein feinporiger schneeweißer Schaum liegt oben auf. In die Nase strömen sofort hefig-würzige und bananige Töne, die den Weizencharakter unterstreichen. Dazu gesellen sich florale Noten und ein Hauch von Koriander. Auf der Zunge breitet sich das Wit vollmundig und prickelnd-frisch aus. Das Geschmacksbild präsentiert eine Kombination aus einer gewissen Hefewürzigkeit, einem Hauch von Orangenschalen und kühlendem Eisbonbon. Das Finish behält die Aromatik und animiert zum weiteren Genuss.

Fazit: Ein wirklich tolles Witbier, das wohl niemanden so schnell überfordert. Das belgische Weißbier könnte man auch zu vielfältigen Weihnachtsmenüs einsetzen. Ich würde es entweder als aromatischen Aperitif servieren, als Begleiter zur Meeresfrüchteplatte, zu Austern und Langusten reichen oder schlussendlich mit Ziegenkäse auf dem Käseteller vermählen.

Cheers!

Buchtipp zum Weihnachtsfest: „Craft-Bier – Brauen und Genießen“

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In seinem neuesten Werk geht der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sowie passionierte Hobbybrauer Hagen Rudolf explizit auf die Thematik Craft-Bier ein. Der Autor spricht mit bekannten Personen aus der Craft-Szene, um Aufschluss zu geben, was denn das Besondere an den neuen Kreativbieren ist, warum diese so ungewöhnlich schmecken und meist mehr kosten als herkömmliche Biere. Bei Rudolfs Gesprächspartner handelt es sich um Bierexperten, wie etwa Michael Hanreich, Braumeister beim Schlenkerla, Alexander Welzel, Geschäftsführer vom Online-Hopfenshop „Hopfen der Welt“, Thomas Vogel, Biersommelier und Geschäftsführer von der Brausystem GmbH „Das Bier!“ sowie die Brauerin und Inhaberin der Brauerei Schneeeule in Berlin.

Mit seinem Buch will Hagen Rudolf zum einen aufzeigen, was die Craft-Bierbewegung ausmacht und was sie in nur wenigen Jahren in der Getränkeindustrie bewirkt hat. Gleichzeitig sollen Craft-Novizen animiert werden, auch mal ein unkonventionelles Bier zu probieren. Hinzu kommen Informationen über Glaskultur, die sich durch die Craft-Szene immer vielfältiger gestaltet und praktische Ratschläge, wie man ein Bier richtig verkostet und was beim Thema Foodpairing zu beachten ist. Außerdem beschreibt der Autor, wie Aficionados zuhause ihr eigenes Craft-Bier brauen können und gibt hilfreiche Tipps.

So geht er auch explizit auf die Rohstoffe ein und erklärt, warum sich beispielsweise ein „Carabelge“-Malz besonders für Biere wie Blonde, Tripel oder Dubbel eignet, ein dunkles böhmisches Tennenmalz dagegen eher für dunkle Ales und Bockbiere pass. Selbst Hopfensorten wie Callista, Ariana sowie Sabro und der Einsatz des grünen Goldes beim Brauprozess finden Beachtung. Auch die Hefe wird als komplexester Bier-Rohstoff bis ins Detail aufgegriffen – selbst im Bezug auf alkoholfreie Sude. Alternative Zutaten wie Kräuter, Süßholz, Blüten, Kakao und Honig macht Rudolf ebenso zum Thema.

In „Craft-Bier – Brauen und Genießen“, das im Fachverlag Hans Carl erschienen ist, vermittelt der Autor aktuelles Wissen und mit seinen Expertengesprächen auch interessante Details, die sicherlich noch nicht jedermann weiß. Eher ein kurzweiliges Lesebuch als ein trockenes Lehrbuch, das sich an Craft-Novizen und Hobbybrauer richtet, sowie an alle Genussmenschen, die mehr über dieses spannende Thema wissen wollen.

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Kuehn Kunz Rosen: Von schrillen Nächten, wärmenden Böcken und asiatischen Experimenten

In der deutschen Craft-Szene sind die Macher von Kuehn Kunz Rosen aus Mainz längst kein Geheimtipp mehr. Mit ihren experimentellen Suden überraschen sie aber dennoch immer wieder ihre Fan-Gemeinde mit ganz ungewöhnlichen Bieren. Neben den Klassikern „Kerlig Hell“, „Festland“ und „Mystique IPA“, kommen gerade neue Sude auf den Markt, die sich auch mal fernab der Zutatenliste des heiligen Reinheitsgebots bewegen und ideal zur Vorweihnachtszeit passen. Drei der neuen Spezialitäten möchte ich euch gern vorstellen:

„Gutenberg Bock“ – die innere Wärmflasche

Nach einem ausgiebigen Spaziergang in den Wintermonaten gibt es wohl kaum etwas Besseres im Glas, als einen kräftigen Doppelbock. So fließt die 8,5-prozentige Variante der Mainzer in einem leuchtenden Bernsteinton ins Glas, ein fast schon sahniger und cremefarbener Schaum legt sich oben auf. Im Duft entfalten sich malzige Noten von Karamell und Waldhonig sowie ein würziger Anklang, der wohl von den ein gesetzten Hopfensorten Magnum und Spalter kommt. Im Mundraum breitet sich der Bock vollmundig aus. Aromen von Karamell, Waldhonig und Orange prägen das Geschmacksbild. Das Finish bleibt aromatisch und wirkt angenehm wärmend.

Fazit: Ein schmackhafter Doppelbock, der wohl niemanden so schnell überfordert. Wer noch einen starken Begleiter zur Weihnachtsgans mit Orangensauce sucht: et voilà.

„Thaipa“ – die asiatische Geschmacksbombe

India Pale Ales werden inzwischen ganz unterschiedlich interpretiert, aber so eine Variante habe ich bisher noch nie getrunken. Sein ungewöhnliches Aroma erlangt das „Thaipa“ neben den Hopfensorten Summit, Lemondrop und Citra vor allem durch den Einsatz von Zitronengras, Kaffir-Limetten und dessen Blättern sowie Thai-Basilikum. Goldorange zeigt sich das 6,5-prozentige Ale im Glas, der schneeweiße Schaum bleibt stabil. In die Nase strömen süßliche und tropische Düfte und intensive Noten von Zitronengras, Zitrus und Thai-Basilikum. Auf der Zunge explodiert die asiatische Geschmacksbombe vollends und zeigt ihre ganze Aromabandbreite. Das IPA zeigt sich durch das Thai-Basilikum frisch und würzig-süßlich. Hinzu kommen die fruchtigen Töne der eingesetzten Hopfensorten und der Kaffir-Limette. Im Finish zeigt sich noch eine angenehme Herbe.

Fazit: Das Experiment ist definitiv gelungen, aber wohl nichts für standard-orientierte Craft-Fans. Das wirklich spannende Aromaspiel lässt sich wunderbar mit asiatischen Speisen kombinieren, die eine gewisse Schärfe aufweisen. Für den puren Genuss am Biertisch zeigt sich das „Thaipa“ indes als sehr ungewöhnlicher Trunk, aber es lohnt sich auf jeden Fall, ihn mal zu probieren.

„Schrille Nacht“ – das winterliche India Pale Ale

Dem Spielraum bei IPAs sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt. In einer Kooperation mit den Machern von der Brauerei Schwarze Rose aus Mainz, ist dieses winterliche IPA mit 6,8 Prozent Umdrehungen entstanden. In den Kessel kamen Piniennadeln, Kardamom und Piment. So leuchtet das Bier in einem kräftigen Orangeton durchs Glas. In die Nase werden sofort tropische Noten vom eingesetzten Simcoe-Hopfen katapultiert. Dazu paaren sich waldige Aromen der Piniennadeln. Auf der Zunge entfaltet sich eine cremige Vollmundigkeit mit Noten von reifer Mango, Pinie und den weihnachtlichen Gewürzen. Das Ale bleibt noch lange angenehm mit einer sanften Herbe im Rachen zurück.

Fazit: Der erste Eindruck mag manche Genießer dezent an Hustensaft erinnern. Aber schon der zweite Schluck hat mich komplett überzeugt und zeigt, dass dieses unkonventionelle Aromaspiel wirklich Spaß macht. Wer also mal ein ganz anderes IPA probieren möchte, der kommt an der „Schrillen Nacht“ nicht vorbei.

Buchtipps: Von Trappisten-Suden, ungewöhnlichen Craft-Rezepten und bierigen Liebesgeschichten

Credit:Pixabay_Jarmoluk

Die erste Kerze brennt, der erste Schnee ist gefallen und das Weihnachtsfest steht kurz bevor. Da stellt sich bei vielen die Frage: Was soll ich verschenken und was wünsche ich mir? Hier kommen ein paar Tipps für interessante Bücher, die Freude, Wissen sowie Spaß vermitteln und ins Regal von Bierfans gehören.

„50 Craft-Bier Rezepte – Kreative Biere einfach nachgebraut“

Wie braue ich Session Pils, Witbier mit Basilikum, Melonen-Weizen oder California Common? Bierexperte Ferdinand Laudage präsentiert in seinem Buch fünfzig verschiedene Rezepte ganz unterschiedlicher Bierstile zum Nachbrauen – ganz nach dem Motto „Schluss mit der Ideenflaute und auf zu neuen Bier-Ufern.“ Die Auswahl der Rezepte reicht dabei von traditionellen Suden wie etwa Dortmunder Export, Irish Red Ale oder belgischem Tripel bis hin zu ganz ungewöhnlichen Hopfen- und Malzsäften wie Mango New England IPA, Coffee Stout und Pecan Nut Brown Ale. Neben erprobten Anleitungen des Autors, erhält die Sammlung auch exklusive Kreationen bekannter Craft-Bierexperten aus der gesamten Republik. So können sich Freizeitbrauer beispielweise auf die Spuren von Superfreunde, Atelier der Braukünste, Mashsee oder der Brauerei Flügge begeben und echte Bier-Highlights nachstellen. Pflichtlektüre für alle kreativen Hobbybrauer und die, die es noch werden wollen.

http://www.ulmer.de, 17,95 Euro

„IPA – A Legend In Our Time”

India Pale Ale ist der Mutter-Bierstil der internationalen Craft-Bierbewegung. Roger Protz schreibt in seinem Werk über die spannende Historie der hopfigen Typologie, die sicherlich viele so noch gar nicht kennen, den Aufstieg und den Abstieg des IPAs sowie die Craft-Revolution und die damit verbundene Renaissance des Stils. Zudem stellt er mehr als 160 verschiedene India Pale Ales rund um den Globus vor, die von klassischen Vertretern über saisonale Sorten und Bieren mit wilder Hefe reichen. Eine super Lektüre für Brauer, Biersommeliers und alle IPA-Fans, allerdings auf Englisch.

www.hugendubel.de/, 24,90 Euro

„Belgische Trappisten- und Abteibiere“

Dieser Bildband bietet eine Übersicht von 34 belgischen Trappisten- und Abteibieren – mit dabei auch viele unbekannte Sorten. Jef van den Sten beleuchtet dabei, wo diese Biere entstehen, wie sie sich unterscheiden und welche Besonderheit sich hinter jeder Sorte verbirgt. Der Autor stellt die Mönche der Trappistengemeinschaft sowie die Mitarbeiter der jeweiligen Brauereien vor, die jedes Rezept ausgearbeitet und die Produktpalette weiterentwickelt haben. Sehr informativ mit schicken Bildern, die auch Einblick in Räume der Brauereien gewähren, wo sonst niemand hindarf. Am besten ein Trappistenbier ins Glas schenken und schmökern.

https://gev.be/, 49,90 Euro

 „Bier mit Dir – Ein frischgezapfter Liebesroman“

Wer für die kalten Wintertage noch einen lustigen Roman sucht, in dem Bier einen dominanten Part einnimmt, der sollte sich mal das Buch von Marion Bischoff und Tina Grashoff zur Hand nehmen.

Klappentext:

„Wozu braucht man(n) eine Frau, wenn es Bier gibt? Ben führt einen erfolgreichen Bier-Blog und kümmert sich um ein großes IT-Projekt in der Firma. Privat läuft es jedoch alles andere als rund. Die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin scheitert. Frustriert beschließt er ohne Frau zu leben. Wenn da nicht nur die neue Kollegin wäre. Lis, die im Job immer den Durchblick hat, steuert mit einem stalkenden Ex und einem auf Karriere versessenen Verehrer von einer Katastrophe in die nächste. Dabei stellt sie Bens Welt gleich mit auf den Kopf. Kann das gut gehen?“

Eine gute Unterhaltung, bei der sich die Frage stellt: Passen Bier und Liebe überhaupt zusammen?

https://r-m-v.de, 13,50 Euro

Kommentar: Stunde der Propheten

So mancher Craft-Fan dürfte erstaunt darüber sein, was selbsternannte Marktpropheten in letzter Zeit an Hiobsbotschaften über die Craft-Szene so rausposaunen: Demnach schwächelt der Absatz im Handel, die Branche habe ihren Zenit erreicht und alles in allem sei der Hype bei Kreativbieren inzwischen vorbei. Nach neusten Erhebungen des Marktforschungsinstituts Nielsen wurde 2018 im deutschen Einzelhandel angeblich erstmals weniger Craft-Bier verkauft als noch im Jahr zuvor. Der Markt für Craft-Biere – so das Urteil – befinde sich im Stadium der Konsolidierung.

Wir sollten uns grundsätzlich von solchen Umfragen nicht verunsichern lassen. Selbst wenn der Handel über sinkende Umsätze klagt, so darf man die vielen Craft-Events nicht vergessen, bei denen an einem Tag manchmal mehr ausgeschenkt wird als so mancher Supermarkt im ganzen Jahr verkauft. Vielmehr sollte der Einzelhandel auch mal über eine bessere Beratung zum Thema Kreativbiere nachdenken. Nur mal eben ein Regal mit alternativen Suden aufzustellen, reicht eben nicht aus.

Wenn sich der weltweit größte Braukonzern AB InBev an einem deutschen Craft-Pionier wie der Münchner Crew Republic beteiligt, mit Brewdog die wohl größte europäische Craft-Brauerei massiv in Berlin investiert, immer mehr Traditionsbrauereien sich an neue Hopfenbomben heranwagen und selbst einschlägige Braugiganten mit neuen Suden werben, kann das nicht bedeuten, dass ein Markt rückläufig ist. Ganz im Gegenteil. Forschungsergebnisse des renommierten Marktforschungsinstituts Mintel besagen vielmehr, dass Europa – und hier insbesondere Deutschland – inzwischen bei Produkteinführungen von Craft-Bieren sogar weitaus innovativer ist als Nordamerika.

Klar ist, der noch junge Craft-Markt durchlebt – wie auch jede andere Branche in ihren Anfangsjahren – gewisse Veränderungsprozesse. Konsolidierung ist dabei ein ganz normaler Prozess. Kreativbiere, so das Urteil wahrer Marktkenner, sind in der Gesellschaft angekommen. Definitiv! Auch wenn der Einzelhandel noch hinterherhinkt, steht fest: Der deutsche Craft-Biermarkt wird weiterwachsen und sich innerhalb einer Genussbranche weiter als feste Größe etablieren.

Erschienen in Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Mad Scientist: Sude aus Erlenmeyerkolben

Das Mad Scientist-Team. Credit: Mad Scientist

Budapest ist mit rund vier Millionen Touristen pro Jahr längst kein Geheimtipp mehr. Die Donaumetropole, gespalten in die Stadtteile Buda und Pest, zählt heute zu den hippesten Städten Europas. Was aber wohl die wenigsten Besucher wissen, in der ungarischen Hauptstadt tobt inzwischen eine quirlige Craft-Szene mit vielen jungen Brauereien, spannenden Suden und kultigen Bierbars.

Während die meisten Restaurants und Wirtshäuser zwar noch die klassischen Sorten der ungarischen Großbrauereien ausschenken, zieht sich durch die Innenstadt von Budapest eine neue Spur von Kneipen, die sich auf regionale und internationale Kreativ-Biere spezialisiert haben. Als die wichtigsten Hotspots für Craft-Jünger gelten derzeit Locations wie Hopaholic, Élesztő oder die Hops Beer Bar. Auch die Anzahl an Kreativbrauereien wächst in rasantem Tempo. Neben Horizont Brewing, Monyo Brewing und der First Craft Beer Company zählt vor allem die Manufaktur Mad Scientist zu den bekanntesten und besten Craft-Brauereien der Stadt.

Im zehnten Bezirk, im Stadtteil Kőbánya im Osten Budapests, finden Bierliebhaber diese neue Kreativschmiede, die frei übersetzt „verrückter Wissenschaftler“ bedeutet. Vor rund drei Jahren gründeten die ehemaligen Hobbybrauer Tamás Szilágyi, Gergő Závodszky und Csaba Tarján die Marke Mad Scientist und erzielten damit einen steilen Erfolg. Mit einem Ausstoß von mehr als 30.000 Liter pro Monat gehören die Ungarn damit zu den führenden Neugründungen in der Budapester Craft-Szene.

Mittlerweile besteht das Team aus 16 Leuten und produziert rund zwanzig Sorten aus silberglänzenden Sudkesseln. Zum kreativen Standartsortiment zählen neben spannendem IPA, ein Mango Milkshake Pale Ale, sowie ein Belgian Witbier, angesetzt mit der chinesischen Zitrusfrucht Yuzu. Als aktuelle Specials gibt es ein zwölfprozentiges Imperial Stout mit Marshmallows namens „Candy Man“, einen Barley Wine mit Ahornsirup und Orangenzesten oder zwei Imperial Gosen mit zehn Prozent Alkohol, gebraut mit Zimt, Laktose, Pflaumen und Tahiti-Vanille sowie eine weitere Variante mit Aprikosen-Püree.

Das Team von Mad Scientist übt sich zudem in der Kunst des Barrel Agings. Ein besonderer Trunk der Budapester ist ein siebenprozentiges Milkstout namens „Coffee of Champions“, das mit Kakaobohnen und Bourbon-Vanille gefinished wurde und in ehemaligen Whisky-Fässern von der schottischen Insel Islay lagerte. Außerdem überraschen sie mit diversen fassgereifte Imperial Stouts. Zu den Highlights der Nachwuchsbrauer zählt aber das 14,5-prozentige „Session Scotch“. Dabei handelt es sich um einen sogenannten „Zero Carbonation Barley Wine“ aus schottischen Single Malt-Fässern, der wie der Name bereits verrät, keine Kohlensäure besitzt, um den ureigenen Whisky-Charakter zu erzielen. Die Ideenschublade der Kreativlinge ist noch längst nicht leergeräumt. „Es gibt Zeiten, da bringen wir jede Woche ein neues Bier raus“, sagt Manager Márton Sefcsik. Und Dank der alljährlichen „Budapest Beer Week“ fänden die Sude auch immer mehr Anklang bei internationalen Interessanten.

Wer die Mad Scientist-Biere probieren möchte, der geht am besten ins Szimpla Kert, einer urigen Kneipenlandschaft in einer alten Häuserruine in der Kazinczy Straße. Im ersten Stock des spektakulären Baus finden Bierfans die Craft-Bar „Labor“, deren Name auch Programm ist. Auf Wunsch können Besucher hier alle Sude auch aus speziellen Erlenmeyerkolben genießen, die den Laborcharakter der Location noch unterstreichen. 

Erschienen im Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Brauer-Portrait: Luis Seubert von True Brew Brewing – „Keine Berührungsängste vor alternativen Zutaten“

Luis Seubert

München hat eine neue Craft-Station. Die drei Kumpels Andreas Dünkel, Lucas Jochem und Luis Seubert öffneten vor wenigen Wochen ganz still und heimlich den Taproom „True Brew“ im Dreimühlenviertel. Aus zehn Hähnen fließen hier ihre eigenen Biere, die von IPA über Mexican Lager, Ambar Ale, Witbier und Helles, bis hin zu saisonalen Spezialitäten wie Pumpkin Ale reichen. Vier Sorten kommen aus den glänzenden Kupferkesseln hinter der Theke. Gerade erst füllten die Wahlmünchner ihr Vienna Style Lager auch in eine schicke Dose. Verantwortlich für die Sude ist Braumeister Luis, der die Biere als Gypsy in einer befreundeten Biermanufaktur braut. Die True Brew-Sorten besitzen den gewissen Kreativ-Kick und eine hohe Drinkability, um auch Craft-Novizen nicht zu verschrecken. Luis verrät, dass sich Bierfans künftig auf noch mehr besondere Spezialitäten in der neuen Münchner Location freuen können.

Die Fragen beantwortete Braumeister Luis Seubert:

Welche Eigenschaften zeichnen Deiner Meinung nach einen richtig guten Craft-Brauer aus?

Die richtige Mischung aus handwerklichem Können, Sachverstand, Kreativität und Leidenschaft…

…und was macht für Dich ein wirklich außergewöhnliches Bier aus?

Weniger ist mehr, da bin ich einfach gestrickt. Der Teufel steckt meiner Meinung nach im Detail. Ich finde ein feines, ausbalanciertes Pils oder Helles meist spannender und außergewöhnlicher als IPA und Co. Zudem bin ich ein großer Freund von Single-Hop-Bieren. Ich finde es interessant ein Bier auf die Charakterzüge einer einzelnen Hopfensorte auszurichten und so voll zur Geltung kommen zu lassen. IPA-Experimente mit sieben, acht oder gar einem Dutzend Sorten sind zwar ganz nett, schmecken meistens aber alle nach tropischem Fruchtkorb, wobei die charakteristischen Nuancen der einzelnen Hopfen dann leider etwas auf der Strecke bleiben.

Was war das schrägste Bier, das Du jemals getrunken hast?

Das war wohl 2010 im ersten Berufsschuljahr: ein Pils, originale Erstabfüllung der Schulbrauerei um 1982 und somit knapp 30 Jahre in der Flasche gelegen. Ein über die Jahre wunderbar bernsteinfarben gewordenes, schaurig oxidiertes und geschmacklich pappig-flaches Bier. Trotzdem fand ich es spannend, was nach 30 Jahren Dornröschenschlaf in einer Flasche so passiert.

Mit welchen ungewöhnlichen Zutaten würdest Du gern einmal brauen?

Ich habe generell keine Berührungsängste, solange es sich um natürliche Zutaten handelt. Wir haben ein paar Kreationen am Hahn, die mit alternativen Zutaten gebraut sind. Aktuell ein Pumpkin Ale, ein Mexican-Style Lager mit Mais und Limette sowie ein Witbier mit Koriandersamen und Bitterorangenschalen.  Auf der „to-brew-Liste“ steht auch noch ein Blood Orange IPA, aber da warte ich wohl noch bis Frühjahr/Sommer 2020.

Was ist eigentlich Dein Lieblingsgericht und was trinkst Du dazu?

Rindsrouladen von Oma und dazu ein kerniges Dunkles. Unschlagbar!

Wie siehst Du die Entwicklung der Craft-Bierszene in fünf Jahren?

Ich denke die Szene wird in den nächsten Jahren noch wachsen. Gerade im Süden der Republik ist im Gegensatz zu den Craft-Ballungszentren Berlin oder Hamburg noch viel Luft für kreative Köpfe. Der Qualitätsanspruch des Konsumenten wird noch deutlich steigen und somit auch der Anspruch an die Brauer und ihre Biere. Ich freu mich auf eine spannende Zukunft mit alten wie neuen Brauerkollegen, noch mehr interessanteren Bieren und einer Menge Spaß.

Und was hast Du als Nächstes vor?

Wir haben gerade unsere erste Biersorte in die Dose gebracht. Da werden demnächst auch noch ein weitere folgen. Ansonsten habe ich für den Winter noch ein paar spezielle Biere geplant. Langweilig wird es also erstmal nicht.

True Brew-Theke mit glänzenden Kupferkesseln