Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan: Erfolgsrezept mit Tradition und Innovation

Foto: Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan

Die Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan, einst gegründet von Benediktinermönchen, gilt mit ihrer rund tausendjährigen Geschichte als älteste Braustätte der Welt. Hinter den ehrwürdigen Mauern wirkt heute nicht nur hochmodernste Brautechnik, sondern auch ein Team mit vielen neuen Ideen.

Wer den heiligen Berg von Weihenstephan erklimmt, der betritt ein historisches Terrain, das umrankt ist von Legenden und Geschichten über Krieg, Plünderung, Zerstörung und wunderbaren Suden, die maßgeblich den Ruf des bayerischen Bieres begründeten. Seitdem hier oberhalb von Freising, rund 40 Kilometer nordwestlich von München, einst durstige Benediktinermönche begannen in ihren Sudkesseln zu rühren, hat sich einiges im Weihenstephaner Brautempel getan. „Unser Erfolgsrezept ist das Spannungsfeld zwischen althergebrachtem Wissen des Bierbrauens“, betont Brauereidirektor Dr. Josef Schrädler, „in Kombination mit moderner Wissenschaft.“

So gilt die Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan mit ihrer erstmals urkundlichen Erwähnung von 1040, als die Ordensbrüder das offizielle Brau- und Schankrecht erwarben, nicht nur als älteste Braustätte der Welt. Durch die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität für Brauwesen und Getränketechnologie, die sich gleich nebenan befindet, zählt sie auch zu einer der innovativsten Bierproduktionen überhaupt. Bis die Brauerei sich mit diesem Status rühmen durfte, erlebten die Gründer turbulente Zeiten mit beispiellosen Schicksalsschlägen. Als die Weihenstephaner Mönche im Jahre 725 unter Leitung des heiligen Korbinian das Benediktinerkloster gründeten, folgte 955 die komplette Zerstörung der Braustätte durch die Ungarn. Nach dem Wiederaufbau plünderten und verwüsteten im Dreißigjährigen Krieg erst Schweden, dann Franzosen und später die Österreicher im Spanischen Erbfolgekrieg das Weihenstephaner Heiligtum. Zwischen 1085 und 1463 brannte das Kloster dann auch noch viermal vollständig ab und wurde durch drei Pestepidemien, Hungersnöte sowie ein starkes Erdbeben lahmgelegt.

Brauereichef Josef Schrädler. Foto: Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan

Erst 1803, während der Säkularisation, wurde die Klosterbrauerei aufgelöst und alle Rechte gingen an den bayerischen Staat über. Ihren heutigen Namen trägt die Staatsbrauerei erst seit 1921 und ist seitdem ein nach privatwirtschaftlichen Maßstäben geführtes Unternehmen. Dass die Braustätte heute über modernste Technik verfügt, ist größtenteils Brauereidirektor Josef Schrädler zu verdanken. Der 57-jährige Betriebswirtschaftler, der auch als Professor an der Weihenstephaner Universität lehrt, führt das Unternehmen seit gut zwanzig Jahren und schreckt vor keiner Prozessoptimierung zurück: „Wenn die Qualität unserer Biere in irgendeiner Weise noch besser werden kann, dann setzen wir das sofort um.“

Das Engagement der Freisinger Brauer wird sichtlich auch belohnt. Im Sortiment finden Bierliebhaber heute insgesamt 16 Sorten, die mit unzähligen Medaillen geehrt wurden. Als Flaggschiffe der Staatsbrauerei gelten ein bananiges Hefeweißbier und das „Original Helles“, das sich durch eine gewisse Malzigkeit und einen würzigen Hopfen-Touch kennzeichnet. Für Starkbier-Fans gibt es den 7,4-prozentigen, dunklen Doppelbock namens „Korbinian“ sowie den mehrfach prämierten Weizenbock „Vitus“ mit 7,7 Prozent Alkohol, der mit wuchtigen Noten von Banane und getrockneter Aprikose überzeugt.

1. Braumeister Tobias Zollo und Braumeisterin Sina Fürlauf

Braumeister Tobias Zollo, der einen Jahresausstoß von 450.000 Hektolitern verantwortet, erweitert sukzessive das Portfolio. So tüftelte er mit seinem Team ein Jahr lang an einem Rezept für ein neues Helles mit ganz unterschiedlichen Hopfensorten. „Obwohl wir mit unserem neuen Bier vor allem jüngere Zielgruppen ansprechen wollen, vereinen wir auch dabei Tradition mit Moderne,“ bekräftigt Zollo. So präsentiert sich das Helle denn auch mit frischem Design und in der bauchigen Retro-Euroflasche.

Dass all ihre Biere nach dem Reinheitsgebot und mit überwiegend regionalen Rohstoffen gebraut werden ist für die Freisinger zwar gesetzt, aber dabei beschreitet das Braukollektiv teilweise Wege, die den meisten Traditionsbrauereien noch fremd sind. Um sich auch in der Craft-Szene zu positionieren, setzen sie auf Kollaborationen mit ausländischen Kreativbrauereien. So entstand aus purer Experimentierfreude schon ein 10,5-prozentiges Champagner-Bier namens „Infinium“, das gemeinsam mit Samuel Adams aus Boston angesetzt und mit französischer Sekthefe vergoren wurde. Zudem brauten die Bayern vor zwei Jahren mit den kalifornischen Kultbrauern von Sierra Nevada den Kollaborationssud „Braupakt“. Dabei handelte es sich um ein Weißbier mit sechs Prozent Alkohol, das mit den amerikanischen Hopfensorten Chinook und Amarillo gebraut wurde. „Sobald es nach Corona wieder aufwärts geht, wird es wieder einen neuen spannenden Collab geben,“ verspricht Weihenstephaner Braumeisterin Sina Fürlauf. Ihr Team sei bereits mit australischen Brauern im Gespräch.

Josef Schrädler schätzt den Ehrgeiz seiner rund 160 Mitarbeiter. Seit der umtriebige Brauereichef in Weihenstephan die Geschäfte führt, hat sich vieles verändert. Die Staatsbrauerei vergrößert sich nicht nur stetig, auch der Absatz hat sich mehr als verdreifacht. Nach einer Investition von rund 16 Millionen Euro eröffnete er erst im vergangenen Jahr ein neues Logistikzentrum mit einer Fläche von 11.000 Quadratmetern, um auch bei einem Exportanteil von rund 60 Prozent die komplette Logistik aus einer Hand abwickeln zu können. „Da wir zu den modernsten Betrieben in unserer Branche gehören wollen, haben wir in den vergangenen Jahren sehr viel Geld in Technik investiert“, umschreibt Schrädler den Erfolg seiner Brauerei.

Foto: Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan

Dass sich niemand in der Staatsbrauerei auf den Lorbeeren ausruhen darf, gilt auf dem heiligen Berg als ungeschriebenes Gesetz. Aktuell ist ein neuer Lagerkeller und eine moderne Anlage zur Entalkoholisierung in der Planungsphase. Damit erhoffen sich die Freisinger vor allem einen Innovationssprung bei alkoholfreiem Weißbier, zumal sie schon seit langem bei solchen Suden einen kontinuierlichen Aufwärtstrend registrieren. Allein im vergangenen Jahr konnten sie mit ihrem Angebot ein Ausstoßplus von fast 40.000 Hektolitern verbuchen. Inzwischen gibt es auch ein bleifreies Helles, das auf neue Zielgruppen abzielt. „Unsere alkoholfreien Sorten sorgen jetzt auch außerhalb Deutschlands für steigendes Interesse“, weiß Matthias Ebner, der in der Freisinger Braustätte als internationaler Markenbotschafter fungiert.

Trotz zahlreicher Neuerungen und modernster Technik, präsentieren sich die Weihenstephaner nach wie vor als ältesten Braustätte der Welt. Vordenker Josef Schrädler ist sich aber bewusst, dass Tradition heute als Verkaufsargument allein nicht mehr reicht: „Es gehört zwar zum Zeitgeist, dass sich Verbraucher gern auf alte Werte besinnen und dabei regionale Produkte mit individuellem Charakter bevorzugen, aber man sollte dabei nicht vergessen, dass hinter einer alten Brautradition meist viel Erfahrung und hohe Qualität steht.“

Erschienen im MEININGER’S CRAFT MAGAZIN FÜR BIERKULTUR.

Sponsored Post: Bier-Spaß für zuhause

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Ausgangssperren, geschlossene Gastronomie und Wegfall jeglicher Art von Veranstaltungen: Schwierige Zeiten fordern neue Ideen. So setzen Biersommeliers inzwischen vermehrt auf virtuelle Bierverkostungen, bei denen die Teilnehmer ganz entspannt zuhause auf dem Sofa vor Laptop oder TV-Gerät sitzen und die köstlichsten Sude genießen können.

Auch Lennart Claessens aus Münster, veranstaltet mit seinem Team von „Bier-Events“ solch digitale Tastings via Video. Als besonderes Highlight dabei gilt die sogenannte „Home Edition“. Interessierte Bierliebhaber können per online eine Tasting-Box bestellen und erhalten dann bis zu sechs Biere aus unterschiedlichen Brauereien. Auch die Bierstile sind bewusst ausgewählt, damit eine spannende Vielfalt bei der Verkostung abgedeckt ist. Das kann beispielsweise ein Paket mit heimischen Suden sein. Zu probieren gibt es dann ein bayerisches Helles, ein Hamburger Rotbier, ein kreatives Pils aus Berlin, einen kräftigen Doppelbock sowie die fränkische Interpretation eines englischen Stouts oder aber ein fruchtig-frisches Pale Ale, das seinen aromatischen Kick durch eine amerikanische Hopfensorte erzielt.

Neben der Bierauswahl, einem Verkostungsglas und einer Anleitung stecken noch weitere interessante Details in der Tasting-Box. Zu entdecken gibt es liebevoll verpackte Hopfen- und Malz-Proben, die man anfassen, riechen und schmecken kann. Denn den Veranstaltern ist klar: eine Verkostung funktioniert am besten über alle Sinne. Als Beilage zum Verkostungspaket finden die Probanden auch ein Bier-Aromarad, das zur sensorischen Orientierung dient, sowie ein Verköstigungsformular, mit dem jeder Teilnehmer seine eigenen Geschmackserlebnisse beschreiben und als Erinnerung aufbewahren kann. Das ist aber noch nicht alles: eine Besonderheit ist noch eine beigelegte Edelbitter-Schokolade, die perfekt auf die Biere abgestimmt ist und womit der Genießer gleich noch in das Thema Foodpairing einsteigen kann.

Über die Online-Plattform von „Bier-Events“ werden die verschiedenen Biere gemeinsam mit Biersommelier Lennart Claessens über Video verkostet und analysiert. Claessens Ziel ist es den Genussfaktor mit viel Wissen über Bierstile, Brauereien, Sensorik und Trends zu vermitteln. Und das Ganze funktioniert ganz einfach und bequem an einem Ort und Tag nach Wahl.

Schneeeule: Berliner Weisse wie aus dem Bilderbuch

Für meine Fortbildung zum Master of Beer habe ich vergangene Woche ein Seminar zum Thema Sauerbier besucht. Kaum jemand ahnt, dass Deutschland eigentlich zu den größten Sauerbier-Nationen weltweit zählt. Einige traditionelle Bierstile starben hierzulande allerdings fast aus. Umso cooler, dass Ulrike Genz mit der Berliner Marke Schneeeule der Bundeshauptstadt ein altes Kulturgut zurückgibt.

Bei „Dietrich“ handelt es sich um eine Original Berliner Vintage Weisse mit schlanken 3,8 Prozent – denn ursprünglich fiel dieser Bierstil unter die Kategorie Schankbiere. So strahlt die Interpretation von Ulrike in einem appetitlichen Goldgelb durchs Glas. Ein schneeweißer Schaum ist kurzfristig präsent. Im Duft zeigen sich gelbe Steinfrüchte wie Quitte und Mirabelle, ein würziger Ton und etwas zart Animalisches aus der Hefe sowie ein Touch von Brioche. Im Antrunk fließt die Weisse mit einer angenehmen Säure über die Lippen, die Kohlensäure ist harmonisch eingebunden. Im Geschmack zeigen sich die Aromen der Brettanomyces-Hefe etwas deutlicher und gehen in Richtung Leder. Aber auch auf der Zunge spielen fruchtige Noten und etwas Brotiges mit. Im Finish verabschiedetet sich „Dietrich“ knochentrocken.

Fazit: Diese Berliner Weisse zählt für mich inzwischen zu einem echten Klassiker, der regelmäßig auf den Tisch kommt. Die Säure in diesem Sud harmoniert wunderbar mit den Aromen, sodass es immer wieder ein Hochgenuss ist, dieses Bier zu trinken.

De Moersleutel: Stout trifft Lebkuchenmännchen

Wer noch nicht so recht in Weihnachtsstimmung ist, sollte unbedingt dieses nachtschwarze Imperial Stout probieren. In „Wanna Taste My Gingerbread Man?“ der angesagten niederländischen Craft-Brauern von De Moersleutel, stecken jede Menge winterliche Gewürze wie Ingwer, Vanille, Zimt und Muskatnuss. Hinzu kommen satte zehn Prozent Alkohol, die von innen wärmen.

Schon beim Öffnen der Dose springt einem ein Lebkuchenmännchen entgegen. Das Stout duftet nach Spekulatius, Vanille und den winterlichen Gewürzen. Im Mund breitet sich das Bier vollmundig mit einer cremigen Textur aus. Auch auf der Zunge erinnert der Trunk an einen würzigen Lebkuchen. Im Geschmack hält das Stout, was es in der Nase verspricht. Es gesellen sich allerdings noch schokoladige Noten und ein sanfter röstiger Touch hinzu. Im Finish ist eine zarte Hopfenbittere erkennbar.

Fazit: Dieses Bier zaubert definitiv Weihnachts-Feeling auf die Zunge. Die Aromen des Stouts in Kombination der Gewürze bildet eine tolle Symbiose. Mir ist es allerdings mit den zehn Prozent etwas zu wuchtig.

TrueBrew: Hammerharte Hopfenbombe für kalte Wintertage

Nach Milkshake, Brut und Hazy starten jetzt rund um den Globus sogenannte Triple IPAs mit zweistelligem Alkoholgehalt so richtig durch. Solche Sude sind ideal für den Winter, wo sie sich gern auch mal mit einige Umdrehungen mehr präsentieren dürfen. Eine spannende Interpretation legen gerade die Macher von TrueBrew aus München vor. Ihr zehnprozentiges New England Triple IPA namens „Short Fuzed“ hopften die Macher mit jeder Menge Sabro-, Azacca- und Bru-1-Hopfen.

Das Bier strahlt im trüben Orangegold durch das Glas, der stabile Schaum liegt feinporig und schneeweiß obenauf. In die Nase schießen sofort fruchtige Hopfennoten von Bergpfirsich, reifen Steinfrüchten, Ananas und Maracuja. Begleitet wird das Bukett von einer gewissen Würze. Kaum über die Lippen geflossen, breitet sich das hammerharte IPA vollmundig mit einer angenehmen Malzüße aus. Auch hier zeigen sich im Aroma vor allem reife Früchte wie Pfirsich und Ananas. Hinzu kommt ein angenehmer Kokos-Touch. Im Finish erinnert die Kombination fast an eine Pina Colada.

Fazit: Vorsicht: Ein ziemlich fieses Bier! Dem Braumeister Luis ist es gelungen, den Alkoholanteil von satten zehn Prozent so harmonisch in das Aromaspiel einzubinden, dass man ihn anfangs gar nicht richtig wahrnimmt. Für mich ist dieser Sud definitiv ein wunderbarer Genuss-Allrounder in diesem Winter.

Kommentar: Hopfen aus der Heimat

Wie in den vergangenen Jahren, war ich auch in diesem Herbst wieder bei der Hopfenernte in der Hallertau dabei. Obwohl die Ernte mit durchschnittlichen Erträgen gut verlief, zeigen sich Produzenten hinsichtlich der Nachfrage aus der Craft-Branche jedoch eher enttäuscht. Der Grund: Als die junge Bierszene hierzulande in Fahrt kam, haben manche Hopfenbauern noch voller Enthusiasmus ihre Felder gerodet und neue Aromasorten angepflanzt, um kreativen Jungbrauern eine Alternative zu bieten. Anfangs war die Begeisterung noch groß, als neue Hopfenspezis wie Mandarina Bavaria, Hüll Melon, Hallertauer Blanc oder Monroe in den Sud kamen.

Demotivierend für einige, die am deutschen Hopfenmarkt agieren, ist nunmehr die Tatsache, dass viele Craft-Brauer ihr grünes Gold derzeit lieber aus den USA beziehen als auf regionale Spezialitäten zu setzen. Ihr Argument: Hopfengewächse etwa aus dem Yakima Valley sind meist aromatischer und kommen mit speziellen Noten daher, die unvergleichbar sind.

Das mag nicht grundsätzlich falsch sein, aber: In den vergangenen Wochen habe ich bei Tastings fantastische Biere mit deutschen Flavour-Sorten wie Callista und Ariana probiert. Keine Frage, auch die Dolden aus der Hallertau, Tettnang oder der Elbe-Saale-Region bringen tolle Fruchtnoten ins Bier. Dabei muss es nicht immer um Fruchtbomben aus Übersee gehen.

Fakt ist: Deutsche Hopfenbauern sind seit jeher – bedingt durch ihr spezielles Terroir – spezialisiert auf filigrane Aromen. Darin liegt auch eine Chance für Craft-Brauer, wenn sie mit viel Kreativität daraus etwas Besonderes machen und sich dabei an der hiesigen Hopfenqualität orientieren. Schließlich geht es in unserer Konsumgesellschaft doch seit Jahren um Nachhaltigkeit und Regionalität. Warum also müssen wir uns vorrangig an amerikanischen Hopfenmustern orientieren, zumal auch hiesige Gewächse schmackhafte Fruchtnoten in den Sud zaubern? Vor allem ließen sich Biere mit heimischen Sorten auch für potenzielle Konsumenten vielleicht preislich deutlich attraktiver gestalten.

Erschienen im Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Brauer-Portrait: Jörn Mertins von der Brauerei Finne – „Ein Craft-Brauer muss mit Bier ins Bett gehen“

Jörn Mertins, Braumeister der Finne Brauerei in Münster

Münster galt einst als Bierstadt mit rund 100 Brauereien. Heute sind es nur noch sechs. Die wohl kreativste Braustätte der Stadt ist die Finne Brauerei im Kreuzviertel. Verantwortlich für die vielfältigen Bierspezialitäten ist Braumeister Jörn Mertins, der sich gern von Craft-Brauern rund um den Globus inspirieren lässt. So produziert er neben Helles, Pils, Scottish Ale und IPA auch saisonale Sude wie aktuell ein Maple Ale mit Ahornsirup. Alle Biere eignen sich auch ideal für den Einstieg in die Craftbier-Welt, denn sie bieten neben spannenden Aromen auch eine hohe Trinkfreude. Und das Besondere: Jörn verwendet nur Rohstoffe aus biologischem Anbau. Ziel des Finne-Teams ist es, irgendwann eine größere Brauerei in Münster zu besitzen, um die Sude in ausreichender Menge produzieren zu können.

Welche Eigenschaften zeichnen Deiner Meinung nach einen richtig guten Craft-Brauer aus?

Als Craft-Brauer muss man Bier lieben und ganz wichtig: Den Anspruch haben, dass Menschen, die das eigene Bier trinken, ebenfalls lernen Bier zu lieben. Dafür benötigt man höchste Ansprüche an den Brauprozess und die Rohstoffe. Man muss Kreativität einbringen und sich immer verbessern wollen. Mit Bier ins Bett gehen, davon träumen, und mit Bier wieder aufstehen. Und dann den besten Sud brauen, den man je zuvor gemacht hat. Das ist ein Craft-Brauer.

Was macht für Dich ein außergewöhnliches Bier aus?

Ein außergewöhnliches Bier ist ein Bier, auf das man außergewöhnlich oft Bock hat. Es muss das bestimmte Etwas haben, aber auch in der Reihe trinkbar sein. Für uns muss das nicht unbedingt heißen, dass Zutaten verwendet wurden, die man so noch nie in der Kombination gesehen hat.

Was war das schrägste Bier, das Du jemals getrunken habt?

Puh, da gab es Einiges. Schräg und gut war etwa das „Cucumber Killer Ale“, quasi ein Gurkenbier, oder auch das „Green Tea IPA’S“, eine besonders schöne Vereinigung von grünem Jasmin Tee und hopfenbetonten Bier.

Mit welchen ungewöhnlichen Zutaten würdest Du gern einmal brauen?

In schlechten Zeiten wurde früher häufiger auch mit Molke gebraut. Da wir in Münster eng mit der Hafenkäserei kooperieren, würden wir gerne zeitnah mal ein Molkebier ausprobieren. Darin dann Fenchel, Kümmel und Koriander mit einbrauen. Dann haben wir den Rotschmierkäse „Munterer Matrose“ der Hafenkäserei als Bier in der Flasche.

Was ist eigentlich Dein Lieblingsgericht und was trinkst Du dazu?

Da halten wir es westfälisch traditionell. Rinderroulade mit Salzkartoffeln und Rosenkohl. Dazu unser kräftiges Pils. Besser geht es nicht.

Wie siehst Du die Entwicklung der Craftbier-Szene in fünf Jahren?

Einige der größeren Player werden sicher weiterwachsen und ihre Biere deutschlandweit gut positionieren. Es werden aber auch einige auf der Strecke bleiben. Wir sehen Kollegen, die viel Aufwand betreiben. Da muss es sich irgendwann auch finanziell lohnen, um am Ball zu bleiben. Das werden leider nicht alle schaffen. Wir persönlich glauben stark an den regionalen Charakter von Craftbier. Vor Ort kann man Menschen leichter erreichen und das Bier emotionaler präsentieren. Wir glauben, dass sich die erfolgreichen Craft-Brauer entweder mit einem externen finanziellen Antrieb deutschlandweit positionieren oder regionale Größen sind. Dafür muss man aber auch den Weg über den Lebensmitteleinzelhandel gehen. Der Absatz in kleinen Craftbier-Läden ist sehr überschaubar. Allein hier in Münster sind in den letzten drei Jahren drei Läden geschlossen worden. Somit gibt es hier gar keine kleinen Händler mehr. Leider.

Und was hast Du als nächstes vor?

Wir wollen unsere „Seasonal Brew“-Reihe weiter verfestigen. Neben unseren sechs Klassikern bringen wir zu jeder Jahreszeit ein neues Bier raus, das zur Jahreszeit passt. Das kommt klasse an und holt viele Craftbier-Neueinsteiger gut ab. Zudem wollen wir eine neue Pale Ale Reihe starten.

Pastry Stouts: Dessert aus der Büchse

Immer mehr Brauer setzen auf Pastry Stouts, die ihren zuckersüßen Geschmack überwiegend durch Aromastoffe erzielen. Solche Biere sind selbst für Craft-Nerds äußerst gewöhnungsbedürftig: Sie schmecken nach Butterscotch, Käsekuchen oder Schokokeks.

Dass Stouts in Kombination mit Süßspeisen eine gewaltige Geschmacksexplosion auslösen können, ist selbst für ambitionierte Bierfans noch Neuland. Doch die meisten nachtschwarzen Sude mit Noten von Kaffee, Kakao oder Schokolade passen tatsächlich hervorragend zu Gebäck. Für manch internationale Craft-Brauer ist Bier als Beigabe zum Naschwerk aber offenbar zu langweilig: Sie machen den Sud zum eigenständigen Nachtisch.

Diese sogenannten „Pastry Stouts“ widersprechen eigentlich der Philosophie professioneller Brauer. Ziel der meisten Bierproduzenten ist es, einen Sud zu kreieren, der zwar hocharomatisch daherkommt, aber mit Harmonie und Eleganz aufwartet – und das alles ohne Aromastoffe. Bei Pastry Stouts ist das ganz anders. Die Sude präsentieren sich häufig hochalkoholisch, schon beinahe pappsüß und sind für ihren besonderen Geschmack vollgestopft mit Extrakten, Aromen oder Sirups. Ganz nach dem Motto: Viel bringt viel. Zum Einsatz kommen nicht selten Aromastoffe von Cookies, Marshmallows, Käsekuchen, Salzkaramell, Erdnussbutter oder Donuts – meist nach der Gärung. Bei deutschen Brauern stehen solche Sude unter scharfer Kritik, zumal sie völlig dem widersprechen, was sie in ihrer Ausbildung über die Herstellung von Bier gelernt haben.

Die derzeit bekanntesten Pastry Stouts stammen wohl aus Norwegen. Dort führt die 2011 gegründete Amundsen Bryggeri am südlichen Rand von Oslo gelegen, gleich eine ganze „Dessert Series“ mit mehr als zwölf verschiedenen Sorten. Bei den Dessert-Bieren aus der Dose bauen die Skandinavier bekannte Nachspeisen in flüssiger Form nach. So finden Bierliebhaber etwa ein in Bourbon-Fässern gereiftes Imperial Stout mit kräftigen 11,5 Umdrehungen, das mit Laktose und den Aromen Karamell, Schokolade, Erdnussbutter und Erdbeere versehen wurde. Oder aber eine 10,5 prozentige Version, die nach einem Cookie mit Schokoladenstücken und gesalzenem Karamell schmeckt sowie ein süßes Stout mit Salzkaramell-Käsekuchen-Himbeer-Aroma. Auch wenn sich so mancher Craft-Kenner grausen mag, die Brauer von Amundsen gelten mit den Pastry Stouts in ihrer Fangemeinde als besonders experimentierfreudig.

Etwas weiter im Norden Norwegens setzen auch die Brauer der Lervig Aktiebryggeri auf süße Sude. Ihr „Times 8 Imperial Pastry Stout“, das in Kollaboration mit Stillwater Artisanal aus den USA entstand, wurde mit Aromen von Zimt, Ahorn, Butterscotch und Kokosnuss vollgepumpt und legt ordentliche 16 Prozent Alkohol vor. Da diese Beigaben noch nicht ausreichen, stecken noch Kakaobohnen, Kaffee und Vanillezucker im Sud. Das Bier ist so deftig, sodass es sich nur um eine limitierte Charge handelte.

Wer sich nicht gleich an solch gewaltige Biere von Lervig, Amundsen & Co. traut und eher langsam in die Welt der Pastry Stouts eintauchen möchte, der sollte mal das „Schoko Bananen Stout“ von der Axiom Brewery aus Tschechien probieren. Diese Variation besitzt im Gegensatz zu ihren anderen Verwandten schlanke 6,5 Prozent und präsentiert in der Nase und auf der Zunge ein sanftes Aroma von Schokolade, Banane, Vanille und Kakao. Tatsache ist, dass die Interpretationen dieser Nachtischbiere noch lang nicht ausgereizt sind und wohl jeder sein flüssiges Dessert darunter finden kann.

Erschienen im Meiningers’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

Orca Brau: Sommerlicher Throwback

Felix vom Endt von Orca Brau in Nürnberg ist bekannt für Sude mit alternativen Zutaten. Begeistert bin ich aktuell von seinem „Oh dude, that’s mint“. Dabei handelt es sich um ein siebenprozentiges Milkshake IPA mit Mango, Limette, Minze, Vanille und Milchzucker. Klingt erst mal schräg, aber allein die Farbe, die an Mango-Nektar erinnert, reizt zum Probieren.

Im Duft entfaltet sich ein fruchtiges Bukett von reifer Mango und frischer Limette. Den Kick gibt dann noch die Minze, die dem ganzen einen frischen Eindruck verleiht. Vollmundig zeigt sich das Milkshake IPA auf der Zunge, wo neben den eingesetzten Früchten und der Minze auch die Vanille zum Geschmacksbild beiträgt. Besonders gefällt mir auch das gut ausbalancierte süßsauer Verhältnis. Im Abgang bleibt das Bier noch lang und absolut harmonisch am Gaumen kleben.

Fazit: Ein echt spannendes Bier, das ich gern schon im Sommer kennengelernt hätte. Durch den frischen Limette-Minze-Charakter und die Fruchtigkeit der Mango ist das der perfekte Sommertrunk. Macht sich aber auch bei dem aktuellen Herbstwetter gut, so holt man sich die Sommermonate noch mal zurück ins Glas.

Axiom Brewery: Nichts für zarte Zungen

Manche Biere kaufe ich einfach wegen ihren schrägen Zutatenkonstellationen. So auch das Pastry Sour IPA namens „Ascent“ von der Axiom Brauerei aus Prostějov in Tschechien. Neben den vier klassischen Rohstoffen stecken hier noch Laktose, Ananas und Erdnussbutter drin. Zugegeben war ich echt skeptisch, ob so was wirklich schmeckt.

Die Optik dieses Bieres spricht jedenfalls schon mal an: In gelboranger Farbe schwimmt das Ale im Glas, ein cremiger, schneeweißer Schaum liegt auf dem Sud. Das macht also schon mal Lust zu probieren. In die Nase schleicht sich ein säuerlich-milchiger Geruch, der sich mit fruchtigen Ananasaromen und dem Eigengeschmack der Erdnussbutter vereint. Relativ sauer läuft das Bier über die Lippen, bis es sich vollmundig im Mundraum ausbreitet. Im Geschmack zeigt sich deutlich die süßliche Erdnussbutter und vereint sich mit der Ananas und einem leicht muffigen Touch. Das Finish ist lang und regt irgendwie doch an, den nächsten Schluck zu nehmen.

Fazit: Etwas gewöhnungsbedürftig, aber wirklich spannend. Kein Bier für Craft-Novizen, eher etwas für Profis, die Lust haben sich auf ein neues Geschmacksabenteuer einzulassen.