Hoppebräu: Von wilden Hühnern und wilden Hunden

Seine ersten Sude braute er in der Garage seiner Eltern, machte zeitgleich eine Brauerlehre und zog eine Gasthausbrauerei auf der Insel Mauritius hoch. Als Gypsy-Brauer etablierte sich Markus Hoppe mit seiner Marke Hoppebräu in der bayerischen Craft-Szene und gilt heute mit eigener Familienbrauerei als Erfolgsbeispiel für viele seiner Kollegen.

Credit: Hoppebräu

Wer das bayerische Oberland mit seiner malerischen Bergkulisse, gemütlichen Biergärten und urigen Traditionswirtschaften bereist, der begibt sich auf einen Trip durch die Seelenlandschaft der Bajuwaren. In dieser ländlichen Bilderbuchregion gibt es seit April dieses Jahres an der Bundesstraße 472 zwischen Miesbach und Bad Tölz einen neuen Hotspot für Liebhaber kreativer Sude. In der 6000-Seelen Gemeinde Waakirchen nahe des Tegernsees, wo bunte Geranien die Balkone der alten Bauernhäuser schmücken, erfüllte sich Markus Hoppe einen Lebenstraum. Hier, an seinem Heimatort, errichtete der junge Hopfenkünstler seine eigene Brauerei mit kultiviertem Pub und heimeligen Biergarten. Für einen Mann, der gerade erst sein 30. Lebensjahr erreicht hat, eine wahre Meisterleistung: „Das brauchte einen ganz schön langen Atem“, bekennt Markus Hoppe schmunzelnd, „aber wenn die Realisierung einer Brauerei so einfach wäre, dann würde es wohl jeder machen.“

Ein solches Vorhaben fernab der Craft-Monopolen Berlin, Hamburg oder München erfordert viel Willensstärke, Mut und finanzielle Risikobereitschaft. Was Markus Hoppe dabei ziemlich kalt lässt, ist zudem die Tatsache, dass er sich dennoch in einem harten Konkurrenzumfeld bewegt. Denn in einem Radius von vielleicht dreißig Kilometern befindet sich fast ein Dutzend namhafter Traditionsbrauereien, wie das Tegernseer Brauhaus, die Klosterbrauerei Reutberg sowie der Weißbierspezialist Hopf. Doch lange vor dem Start, analysierte er das Marktumfeld und hat heute etwas vorzuweisen, was kaum einer der umliegenden Konkurrenten bieten kann: „Bei uns zählen die Identifikation als Familienbetrieb und die damit verbundene Authentizität, vor allem aber unsere Kreativbiere, die es in dieser Form bei keinem unserer Konkurrenten gibt.“

Dass es sich bei Hoppebräu um einen hochengagierten Familienbetrieb handelt, spürt jeder, der schon mal in Waakirchen eingekehrt ist. Seine Mutter leitet mit viel Charm die gemütliche Gastronomie, die den bierseligen Namen „Zapferei“ führt. Der Vater fungiert als betriebswirtschaftlicher Berater und packt überall dort an, wo gerade Not am Mann ist. Seine Frau Christina bezeichnet der junge Brauereichef als Kopf der Marke, sie erledigt alle organisatorischen Aufgaben, kümmert sich um das Marketing und den Auftritt in den sozialen Medien. Sein jüngerer Bruder ist gelernter Destillateur und unterstützt mit seinem Wissen die Barrel Aged-Spezialitäten aus dem Hause Hoppebräu.

Auf seine bescheidene Art macht Markus Hoppe keinen Hehl daraus, dass er ohne die Unterstützung seiner Familie, wohl noch längst nicht da wäre, wo er heute mit seinem Betrieb steht. So wollte er gleich nach der Realschule eine Brauerausbildung antreten. Seine Eltern legten ihm allerdings nahe, doch erst das Fachabitur zu machen. Markus quälte sich durch die Fachoberschule und ein angepeiltes Studium zum Bauingenieur, trat er gar nicht erst an. Er entschloss sich Brauer zu werden.

Zu dieser Zeit war der Oberbayer noch nicht mal ein bewusster Bierbekenner. Erst nachdem er sich für eine Lehre bei der rund 30 Kilometer entfernten Maxlrainer Brauerei entschied, infizierte er sich mit dem Virus Bier. Um erste Sude zu realisierten, kaufte er sich 2010 eine 100-Liter Brauanlage und begann in der Garage seine eigenen Biere zu brauen. Der erste Gerstensaft, den Hoppe in seinen Töpfen zusammenrührte, war ein Märzen, das nach seinen Aussagen „sogar ganz gut schmeckte“. Der zweite Sud dagegen, ein Helles, sei ungenießbar gewesen und auch Weißbier habe er damals in kleineren Mengen nie so richtig hinbekommen.

Den Anspruch, ein gutes Bier zu brauen, hatte der engagierte Freizeitkoch aber von Anfang an. Seinen Ausbildungsbetrieb in Maxlrain bezeichnet der Waakirchner heute als Sprungbrett auf dem Weg zum Kreativ-Brauer. Immerhin konnte er innerhalb seiner Lehre ein Praktikum bei Brewdog in Schottland absolvieren. Hier tauchte er tief in die Philosophie hopfenbetonter Sude ein. Die Brauhunde boten ihm sogar eine Stelle an, die er allerdings ablehnte. Über den Maxlrainer Braumeister bekam er den Kontakt zur Firma Johann Albrecht, die weltweit Gasthausbrauereien verkaufen. Das Unternehmen hatte gerade ein Projekt auf der Insel Mauritius begonnen und wollte ihn dort als Braumeister einstellen. Der Braulehrling war anfangs unschlüssig, ob er den Schritt so weit von zuhause wagen sollte, sagte aber schließlich zu. Seine heutige Frau Christina erinnert sich: „Ich habe Markus damals gesagt, wenn du das allein wegen mir nicht machst, dann bist du echt dumm.“

Auf dem rund 9000 Kilometer entfernten Eiland im indischen Ozean zog er dann nahe der Hauptstadt Port Louis, die Flying Dodo Brauerei hoch und experimentierte erstmals mit Rohstoffen, die in seiner Heimat das Reinheitsgebot untersagt hätte. Das Flaggschiff der Braustätte war ein schlankes Blond, gebraut mit Zuckerrohr und gestopft mit Cascade-Hopfen. Neben verschiedenen India Pale Ales mit unterschiedlichen Hopfenspielen entwarf der Nachwuchsbrauer auch ein Imperial Stout, für das er Pinien-Rinde am Strand sammelte, trocknete und zur Nachgärung in den offenen Bottich packte. „In den 14 Monaten auf Mauritius habe ich wirklich alles ausprobiert, was irgendwie möglich war,“ bekennt der Oberbayer. Erst auf der Insel habe er die ganze Vielfalt kreativen Bierbrauens kennengelernt.

Mit der Intention, eine neue Biervielfalt nach Bayern zu bringen, kam Markus Hoppe zurück in sein Heimatdorf und experimentierte in der Garage seiner Eltern wie ein Besessener auf seiner 100-Literanlage. Seine Marke nannte er anfangs schlicht „Markus Hoppes Garagenbräu“. Aber kaum meldete er ein Gewerbe an, schon stand die Lebensmittelaufsicht vor der Tür und zwang ihn mit seinen Kesseln umzuziehen. Das Equipment wanderte ins ehemalige Schlachthaus auf dem Bauernhof seiner Großeltern – dort waren die Wände gefliest und es gab Heißwasseranschluss. Die neuen Biere kamen im Freundeskreis so gut an, dass der Jungbrauer mit der Produktion kaum nachkam. Inzwischen bedient er nahezu alle Vereine im Dorf, und rückt seine Sude zunehmend auf die Getränkekarten der umliegenden Gastronomie. 

Schon bald reichten die heimisch produzierten Mengen nicht mehr aus um die Nachfrage zu stillen. So wurde Markus schließlich zum Gypsy-Brauer, und er begann einige Sude im österreichischen Schwoich zu brauen. Auf der Rückfahrt von der Brauerei fragte er seinen Vater, wie er denn nun das hopfengestopfte Lager nennen solle. Dieser meinte daraufhin: „Alle sagen zu dir, du bist ein wuider Hund, wieso nennst du das Bier nicht einfach wuider Hund?“. Der Name stand fest und der Weg zur heutigen Wuid-Serie war gelegt. Beim zweiten Bier, dem India Pale Ale, fungierte der Opa als Testperson. Der nippte am Glas, verzog das Gesicht und sagte: „Das schmeckt ja vogelwuid!“ Somit war das „Vogelwuid IPA“ geboren.

Mit diesen beiden Sorten leistete der Gypsy-Brauer schon 2013 echte Pionierarbeit in der bayerischen Craft-Szene. Die freien Kapazitäten waren in Schwoich jedoch bald ausgereizt, sodass er mit seiner Produktion zum Wildbräu nach Grafing bei München wechselte. Zeitgleich holte er sich noch den Braumeister-Titel und sprach beim Waakirchner Bürgermeister vor, der ihn aber wegen seines Vorhabens eine eigene Brauerei im Ort zu errichten, regelrecht auslachte. Als Markus Hoppe 2016 eine Existenzgründerförderung erhielt, begann er intensiv mit der Planung seines Bierreichs.

Sein Glück war es, sagt er heute, dass seine Unternehmung noch nie schlechte Zahlen schrieb. Er hatte immer alle Einnahmen in seinen Betrieb reinvestiert und sich selbst nur wenig gegönnt. So konnte er schon vor dem Bau der Brauerei einen stabilen Marktwert und ein konstantes Wachstum verbuchen. Damit gelang es ihm beispielsweise finanzielle Unterstützung von der Regierung von Oberbayern zu bekommen, die ihm einen Zuschuss von 287.000 Euro gewährte. Auch Firmen wollten sich am Hoppe-Bräu beteiligen, das schlug er aber aus. „Die ganze Finanzierung war alles in allem ein echt brutaler Akt“, bekennt er ohne Reue.

Auch wenn der Jungbrauer zugibt, dass er viel Lehrgeld blechen musste, so hat sich die Mühe für ihn gelohnt. Inzwischen zählt er zu den bekanntesten Craft-Brauern der Nation. Der erste Spatenstich fand im April 2018 statt, bei dem Markus Hoppe die Freudentränen nur so über die Wangen kullerten. Ein Jahr danach eröffnete er sein Bier-Erlebniszentrum – und nur wenige Monate später musste er bereits die Brauerei um das Rolec-Sudhaus herum mit drei neuen Tanks erweitern. Machte seine Braumanufaktur 2016 noch etwa 1000 Hektoliter pro Jahr, waren es 2018 schon 2500 und in 2019 rechnet er mit einem Ausstoß von 4000 Hektolitern, die er wiederum innerhalb der nächsten drei Jahre auf 7000 ausreizen will. Sein Zugpferd ist inzwischen ein Helles, das vor allem den Regionalmarkt bedient.

Bei allen Erfolgen, auch mit Auszeichnungen für seine Biere, ist Markus Hoppe auf dem Teppich geblieben. Neben seiner Wuid-Serie mit Session Pale Ale, IPA, hopfengestopftem Lager, Double IPA und Amber Ale braut er zunehmend auch klassische Bierstile. Neben dem Bestseller Helles, auch Weißbier und Märzen – natürlich mit individuellem Hoppe-Touch und immer mit regionalen Zutaten. Wichtig ist es dem Braumeister, dessen Lieblingsplatz für ein Feierabendbier die Hausbank an der Ostseite der Brauerei ist, dass alle seine Sorten „rund, stimmig, charaktervoll und süffig“ sind. „Ich sehe unsere Sorten als Bindeglied zwischen traditionellen und extremen Bieren“, bekräftigt der 30-Jährige. Er versteht das als Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, den viele Traditionsbrauereien derzeit gerade versuchen nachzuvollziehen.

Bei seinen Bieren hält sich der Chef von Hoppebräu strikt ans Reinheitsgebot, setzt aber auch auf Experimentierfreude. Seiner Meinung nach sind die Möglichkeiten, die das Gesetz hierzulande vorschreibt, noch längst nicht ausgereizt. Auf einer kleinen Versuchsanlage laboriert er bereits fleißig mit Sauerbieren, die mit Fruchtzucker vergoren werden. In den Kessel kommen alle möglichen Früchte, die in der Region wachsen. Vor allem Zwetschgen haben es ihm angetan.

Jetzt kam aber erst mal die neue Version seines alljährlich aufgelegten Imperial Stouts auf den Markt, dass er wieder in Whiskyfässern der nur 20 Kilometer entfernten Kultbrennerei Slyrs am Schliersee reifen ließ. Diesmal handelte es sich um Fässer einer Mountain-Edition, die auf 2000 Höhenmetern in den bayerischen Alpen lagerten. Um die hohe Kunst des Barrel Agings zu beherrschen, errichtete Markus Hoppe im Keller der Brauerei einen speziellen Reiferaum, in dem er die Luftfeuchtigkeit exakt regulieren kann. „Innovation ist sehr wichtig, um sich selbst weiterzuentwickeln und neue Bierstile auszuprobieren“, urteilt das typisch bayerische Mannsbild.

Alle Biere des umtriebigen Braumeisters können Interessierte auch in seiner „Zapferei“ genießen. In der gemütlichen Location fließen die Sude aus elf Hähnen, einer davon ist für wechselnde Gastsorten vorgesehen. Zudem gibt es eine Speisekarte mit zünftigen Brotzeit-Schmankerln und ein paar warmen Gerichten, wie einem speziellen Hoppe-Dog, Biergulasch oder Bierbratwürste. Die Zutaten stammen allesamt von Landwirten aus der Gegend, das Wild wird in den Bergen nahe der Brauerei geschossen. Die hauseigene Gastronomie überlässt der Jungunternehmer aber seiner Mutter Susanne. „Unser Leben hat sich komplett verändert“, sagt die quirlige Hoppe-Mama, „ich hätte nie gedacht, dass die Gastronomie so einschlägt.“ Häufig helfen auch ihre Schwester und die Schwiegermutter ihres Sohnes mit.

Zu den Hoppes kommen nicht nur neugierige Craft-Bierfans, sondern auch Ausflügler und Urlauber, vor allem aber fast alle Dorfbewohner, die eine Brauerei in ihrem Heimatdorf als echten Glücksfall verstehen. An Sonn- und Feiertagen bringen Stammtischler manchmal sogar ihre Instrumente mit und unterhalten mit Ziehharmonika und Gitarre die Gäste mit altbayerischem Liedgut. Und wenn der Chef sich nicht gerade ums Bierbrauen kümmert oder hin und wieder mal mit seinem Sohn in den Bergen des Voralpenlandes unterwegs ist, dann lässt er sich auch immer wieder mal in seiner Location sehen. „Das schafft Transparenz, baut Vertrauen auf und sorgt für den Gewinn neuer und nachhaltiger Kunden“, weiß Markus Hoppe. Aber dem Brauer ist auch klar, dass man sich niemals auf seinen Lorbeeren ausruhen darf. Er setzt auf Expansion und habe noch so einige Ideen in der Schublade – die will er aber noch nicht verraten.

Erschienen im Meininger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.

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