Sierra Nevada Brewing: Vom Hobbybrauer zum Craft-Giganten

Ken Grossman gilt als einer der bekanntesten Macher der kreativen Bierbranche. Er zog Sierra Nevada Brewing zu einer der größten Craft-Stätten der Welt hoch und ist für viele Jungbrauer ein großes Vorbild. Hier kommt seine Geschichte.

Credit: Sierra Nevada Brewing

Dass eine unspektakuläre kalifornische Mittelstadt wie Chico, knapp 150 Kilometer nördlich von Sacramento gelegen, mal eine der bekanntesten Craft-Brauereien rund um den Globus beherbergt, hätte vor 40 Jahren wohl niemand erwartet. Auch Ken Grossman nicht, der seinen ersten Sud im zarten Jugendalter braute, als er nach US-Gesetzen noch nicht mal offiziell Bier trinken durfte. „Das alles ist bis heute ein riesiges Abenteuer“, erinnert sich der Gründer von Sierra Nevada Brewing heute zurück, „das mich fesselt und selbst immer wieder erstaunt.“

Ken Grossmans Brauerei feiert gerade nicht nur ihr 40-jähriges Jubiläum. Mit einem Ausstoß von mehr als 1,2 Millionen Hektolitern im vergangenen Jahr zählt Sierra Nevada Brewing inzwischen auch zu den drei größten und modernsten Craft-Stätten in den USA. Zu Grossmans Imperium gehört neben dem Hauptquartier in Chico seit acht Jahren auch eine zweite Brauerei in Mills River im Henderson County in North Carolina, die sein Sohn Brain leitet, um Konsumenten an der Ostküste zu erfreuen. Hotspot ist aber noch immer die Mutterbrauerei in der quirligen College-Stadt Chico im Butte County. Sie gilt als kalifornisches Mekka für Bierliebhaber aus aller Welt. Selbst an den Wochenenden stehen Besucher vor den Brauereitüren und werden von einem verführerischen Maische-Duft begrüßt. Der Blick durch haushohe Schaufenster auf zwei glänzende, kupferfarbene Kessel in der Umgebung des hauseigenen Hopfengartens lassen die Herzen eines jeden Craft-Aficionado höherschlagen.

Für viele Brauer gleicht die Erfolgsstory von Sierra Nevada einem modernen Märchen – und Ken Grossman ist ihr Held. Der heute 65-jährige Gründervater ist zwar nicht der erste Craft-Brauer in Kalifornien. Aber im Laufe der Jahre wurde er zu einem der wichtigsten Vordenker der globalen Craft-Community und zum wohl einflussreichsten Macher der Kreativbierbewegung schlechthin. Ziemlich genau seit 40 Jahren braut der in Los Angeles geborene US-Amerikaner sein „Pale Ale“ – das noch heute 50 Prozent der Produktion ausmacht und zum Standardtrunk der internationalen Craft-Szene zählt. Das Besondere an diesem Bier damals war, dass es mit Cascade-Hopfen aus dem Yakima Valley angesetzt wurde und sich mit damals gänzlich neuartigen Aromen von Kiefern und Zitrusfrüchten präsentierte. „Bei der Entwicklung dieses Bieres war uns klar, dass wir einen einzigartigen Stil finden müssen“, betont Grossman. Das Ergebnis ist bekannt: das Sierra Nevada Pale Ale gilt als einer der Zündfunken, der die amerikanische Craft-Bierrevolution auslöste.

Credit: Sierra Nevada Brewing

Ken Grossmans Erfolgsweg gestaltete sich allerdings lang und steinig. Die Heldengeschichte von Sierra Nevada Brewing beginnt im Stadtviertel Winnetka von Los Angeles. Der Vater eines Kumpels braute in der Garage sein eigenes Ale. Fasziniert von Prozess und Duft besorgt sich der Minderjährige ein Brauset, dass er anfangs noch vor seiner Mutter verstecken musste. Als sie es dennoch findet, schwört der junge Grossman, dass er das Bier nur braue, aber selbst nicht trinken würde. Nach dem Schulabschluss begibt sich der leidenschaftliche Fahrradfahrer gemeinsam mit seinen Kumpels auf lange Touren durch die Sierra Nevada – eine Hochgebirgskette in Kalifornien – und verliebt sich in die Region rund um Butte County. Nachdem einige seiner Freunde beginnen dort in Chico zu studieren, schreibt sich auch Grossman 1972 für das Fach Chemie ein. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet er in einem Fahrradgeschäft.

Zwischen Job und Unterricht braut er wie ein Besessener und experimentiert an immer neuen Suden. Er orientiert sich an Fachbüchern wie „Big Book of Brewing“ und lernt dadurch einiges über europäische Lagerbiere und die Kunst des Hopfenstopfens. Irgendwann stellt der überzeugte Hobbybrauer sogar sein eigenes Weizenmalz her, bis er 1976 schließlich den „Homebrew Shop“ in Downtown am 336 Broadway öffnet. Anfangs lief der Laden nicht besonders, gibt Grossman zu, weil Hausbrauen offiziell in den USA noch verboten war. Das ändert sich, als US-Präsident Jimmy Carter, Bruder eines bekannten Brauers, im Oktober 1978 ein Gesetz unterschreibt, das Heimbrauen offiziell erlaubt. Dadurch änderte sich die Braulandschaft in den USA schlagartig und der Craftbier-Boom nimmt seinen Anfang. Plötzlich boomt auch Grossmans Shop und er entscheidet sich für den nächsten Schritt in seiner Karriere.

Gemeinsam mit seinem Kumpel Paul Camusi gründet Grossman eine Brauerei unter dem inzwischen weltweit bekannten Namen Sierra Nevada. Beiden ist bewusst, dass sie eine Marktnische für kreative Biere finden müssen, um erfolgreich zu werden. Das erste Sudhaus baut Grossman noch selbst. Es besteht aus einem Sammelsurium alter Molkereiausrüstungen, das optisch eher an eine Raumstation erinnert. Das Ungetüm steht – als Denkmal an alte Zeiten – noch heute auf dem Hinterhof der Brauerei in Chico und soll in diesem Jahr zum Jubiläum sogar auf Reisen gehen. Während einer Fahrradtour, stolpert Grossman damals auf ein Bier von Anchor Steam Brewing aus San Francisco, von dem er schon viel gehört hatte. Der erste Schluck begeistert ihn so, dass er beschloss, selbst einen Trunk auf diesem Niveau – fernab der amerikanischen Leichtbiere – auf den Markt bringen möchte.

Der erste Sierra Nevada Sud ist ein Stout. Aber nur wenige Wochen später braut Grossman ein Pale Ale, das allerdings erst nach zehn Brauvorgängen dem Team wirklich schmeckt. Der offizielle Verkauf beginnt und die Nachfrage in der Region steigt so rasant, dass die Produktionskapazitäten bald nicht mehr ausreichen. Es klingt wie ein Aberwitz: Grossman reist ins bayerische Aschaffenburg, um ein Sudhaus zu kaufen, da es im US-Markt gebrauchte Anlangen in der gewünschten Dimension nicht gibt. Allerdings fehlt das Geld, um die Kessel auch in Gang zu bringen. So steht das Sudhaus jahrelang unbenutzt herum. Erst 1987 findet der umtriebige Grossman einen neuen Brauerei-Standort in der 20th Street in Chico, wo er endlich die Anlage aus Bayern in Betrieb nehmen kann. Von da an wächst die Produktion Jahr für Jahr um rund 50 Prozent und das Unternehmen kennzeichnet sich alsbald durch permanente Bier-Innovationen. Sechs Jahre später produziert das Sierra Nevada Team das „Harvest Ale“, das als das erste „Wet Hop Lager“ im Lande gilt.

Schon bald ist die nächste Kapazitätsgrenze erreicht und Grossman muss seinen Betrieb um ein 200-Barrel-Sudhaus mit neuem Gärkeller erweitern. 1989, ein Jahr später, zahlt Grossman seinen Partner Paul Camusi aus und wird alleiniger Inhaber von Sierra Nevada. Mit dem „Torpedo Extra IPA“ führt er das erste ganzjährige India Pale Ale der Brauerei ein. Das Besondere an dem Trunk ist die hauseigene Erfindung eines Hopfentorpedos – ein System beim Hopfenstopfen, das noch mehr Aroma aus dem grünen Gold zaubert, ohne die Bittere zu verstärken. Vier solcher Torpedos kommen jeweils mit in den Tank. Dabei verwendet die Braumannschaft für ihre Biere meist nur Doldenhopfen oder Hopfenpulver.

Seit dem ersten „Pale Ale“ rücken immer mehr Hopfenbomben ins Portfolio der Chico-Brauer. Hinzu kommen ein Hazy IPA, ein Imperial IPA, sowie auch ein Easy-Drinking Lager, bei dem auch der Hopfen im Vordergrund steht. Das Sortiment ergänzt sich durch Sour Ale, Imperial Stout, Barley Wine und fassgereifte Spezialitäten. Zu den Klassikern gehören auch eine schlanke Gose, gebraut mit Agave und Limette, ein röstiges Porter sowie ein Weißbier nach bayerischer Art, gebraut mit der Hefe der Gutmann-Brauerei aus dem bayerischen Titting. Inzwischen fehlt kaum ein Bierstil im Angebot der kalifornischen Brauer.

Heute zählt Sierra Nevada mit mehr als 500 Mitarbeiter zu den Top-Brauereien der USA und gilt zudem als Musterbeispiel für Nachhaltigkeit. Eine Anlage mit mehr als 10.000 Solarzellen, ein eigenes Recycling-System sowie modernste Technik zur Wärmerückgewinnung macht aus dem Unternehmen einen Vorreiter für Umweltfreundlichkeit. Ken Grossman, der inzwischen das Tagesgeschäft in jüngere Hände übergeben hat, wird noch häufig in der Brauerei gesichtet – bevorzugt am Wochenende um fünf Uhr in der Früh. Sein Kommentar dazu: „Ich fühle mich noch immer stark zur Brauerei hingezogen und hoffe, dass die Faszination niemals aufhört.“

Ken Grossman und ich

Erschienen im Meiniger’s CRAFT Magazin für Bierkultur.