Homebrewing: Trend zum eigenen Bier

Hobbybrauen ist so beliebt wie nie zuvor. Als starker Motor für die wachsende Do-it-yourself-Bewegung gilt vor allem die Corona-Krise mit ihren unfreiwilligen Lockdowns. Jetzt boomen plötzlich Rohstoff-Lieferanten, Braukessel-Hersteller und spezielle Online-Shops.

Braukurs im Braumarkt. Credit: Braumarkt

Im Osten der Hamburger Altstadt, in Altona Nord, befindet sich ein wahres Paradies für Hobbybrauer. Zwischen Bäderstudio, Autohändlern und Verkehrsstaffel der Polizei liegt direkt gegenüber der Landgang Brauerei der „Braumarkt“. Hier können Bierliebhaber zwischen glitzernden Braukesseln stöbern, sich eine große Auswahl an Gärbehältern, Malzmühlen, Labor-Utensilien sowie ein schier unbegrenztes Rohstoff-Sortiment betrachten und natürlich kaufen. Im Angebot des Shops befinden sich auch Braukurse und Weiterbildungsseminare. Die Idee zu diesem Hobbybrau-Mekka entstand während des ersten Covid-Lockdowns 2020 und wurde im vergangenen Jahr infolge der rasant wachsenden Heimbrauergemeinde realisiert. Nach zwei Jahren Aufbauarbeit blickt Braumarkt-Gründer Brian Schlede auf einen erfolgreichen Start: „Unsere Vision war ein One-Stop-Shop für den engagierten Nachwuchsbrauer, der nur eine Anlaufstation braucht, um seinen kompletten Bedarf zu decken und seinen Wissensdurst zu stillen.“

Damit trifft das Braumarkt-Team den Nerv der Zeit. Denn vergleichbar mit den USA, wo einst die Craftbier-Bewegung aus der Homebrewing-Community entstand, ist inzwischen auch hierzulande das Do-it-yourself-Fieber ausgebrochen. Immer mehr Bier-Aficionados begeistern sich für das genussfreudige Hobby, decken sich mit allerlei Utensilien ein, treffen sich auf diversen Heimbrauer-Stammtischen, reichen ihre Sude bei Wettbewerben ein oder wagen sogar den Schritt zur kommerziellen Marke. Vor allem die anhaltende Corona-Pandemie befeuert den Trend zum eigenständigen Bierbrauen und schafft einen Verkaufs-Boom bei Zubehör-Shops, Kessel-Herstellern und Rohstoff-Lieferanten. Zwar existieren keine exakten Zahlen, wie viele Hausbrauer es tatsächlich in Deutschland gibt, aber eine grobe Einschätzung der Dimension vermitteln die sozialen Medien. So verzeichnet etwa das renommierte Internet-Forum „hobbybrauer.de“ mehr als 14.000 Mitglieder, die dort ihre Erfahrungen austauschen, sich Brau-Tipps geben oder ihre Rezepte zum Nachkochen veröffentlichen.

Dass die Covid-Situation in den vergangenen beiden Jahren eine treibende Kraft für die Homebrewing-Branche war, beweist auch die rasant wachsende Facebook-Community in Deutschland. Vor der Covid-Krise tummelten sich hier noch rund 8.000 User, jetzt sind es mehr als 13.000 Mitglieder, wie eine kürzlich veröffentlichte Statistik zeigt. Rund 60 Prozent der Nutzer sind zwischen 25 und 44 Jahre alt. „Es ist deutlich erkennbar“, bekräftigt Daniel Stenglein, einer der Admins der Facebook-Gruppe und selbst leidenschaftlicher Hobbybrauer, „dass durch Corona ein immenser Schwung in das Thema gekommen ist.“

Einmaischen

Inzwischen gibt es ein breites Angebot an Equipment: Von schlanken Brau-Sets wie etwa das „Braufässchen“ bis zu Baukasten-Systemen wie „Das Bier“ oder Brau-Kits wie etwa die „Braubox“ vom Versand-Shop „Besserbrauer“ über kleine 30-Liter-Einkocher bis hin zu vollautomatisierten Kesseln. Am bekanntesten sind in diesem Umfeld wohl die Marken Speidel, Easybrew, Grainfather, Klarstein, Bielmeier sowie Brewpaganda. Die Konstruktionen dieser Hersteller können Heimbrauer inzwischen bei einer Vielzahl von Online-Händlern bestellen. Johannes Grohs, Geschäftsführer des MashCamp-Shops in Wien, sieht dafür einen schlichten Grund: „Während der Lockdowns hatten die Leute viel Zeit, um sich neue Hobbies zu suchen.“

Gesteigertes Interesse an der Homebrewing-Gemeinde verzeichnet auch die Gesellschaft für Hopfenforschung in der Hallertau, die einmal im Jahr eine tatkräftige Aktion für Hobbybrauer mit erntefrischem Hopfen anbietet. Wer sich vorher auf der Website anmeldet, kann nach Hüll kommen und sich bis zu zwei Kilo Grünhopfen kostenfrei abholen. Im vergangenen Jahr kamen rund 80 engagierte Hobbybrauer aus ganz Deutschland zusammen, die sich bei bereits bekannten Hopfensorten bedienten oder sich drei namenlose Zuchtstämme abholten. „Wir sehen in der Aktion eine sehr gute Möglichkeit, uns und unsere Arbeit bei den Nachwuchsbrauern bekannter zu machen“, freut sich Walter König, Geschäftsführer der Hopfenforschung, auch über das Verkosten neuer Bierkreationen.

Inzwischen wagen hierzulande auch immer mehr Freizeitbrauer den Schritt zur eigenen kommerziellen Marke. Zu den vielversprechenden Entrepreneuren gehört etwa das Team um Alexander Pieper von PiepNitz aus Bochum. Begonnen hat 2015 alles mit einem „Brau-Dein-Eigenes-Bier-Kit“. Fünf Jahre später wurde dann die PiepNitz Craft-Bier UG gegründet und 2021 eine neue Brauerei in einer alten Neonröhren-Fabrik in Betrieb genommen. Inzwischen bietet das Bochumer Vierergespann seine Sorten wie Amber Ale, New England IPA und Kveik Pale Ale bislang noch in überschaubaren Dimensionen im Handel an, aber: „Wir haben ein echtes Luxusproblem“, strahlt Alexander Pieper, „wir sind ständig ausverkauft und kommen mit dem Brauen gar nicht hinterher.“ Für dieses Jahr sind daher zwei Sude in größerem Maßstab im Lohnbrauverfahren geplant.

Das Piepnitz-Team. Credit: Piepnitz

Ein weiteres Musterbeispiel für den Weg ins Unternehmertum ist das Duo von BroBier aus dem fränkischen Reckendorf. Andreas Eckschmidt und Johannes Lurz setzten einst als Hobbybrauer zum Geburtstag von Johannes Vater einen eigenen Sud an. Der kam im Freundes- und Familienkreis so gut an, dass die beiden Franken in einer regionalen Brauerei gleich größerer Mengen davon produzieren ließen und damit 2019 in den Handel gingen. Heute verwirklichen sie ihre Sude in der Schlossbrauerei Reckendorf als eigenständige Unterfirma. Dort besitzen die Jungbrauer ihre eigenen Tanks und vermarkten inzwischen jährlich rund 2.000 Hektoliter angefangen bei fränkischem Hellen und Rotbier bis hin zu Sondersuden wie NEIPA oder Weizendoppelbock. „Bei unseren Bieren kommen nicht nur Nerds auf ihre Kosten, auch der typische Franke wird mit unseren Sorten abgeholt“, verspricht Eckschmidt.

Die Macher von BroBier oder PiepNietz sind nur zwei Beispiele von vielen. Szenekenner wissen, dass einige der bekannten deutschen Craftbrauer ihren ersten Sud in heimischer Garage, Keller oder Garten aus der Taufe gehoben haben. Für Nachwuchs-Teams bieten die neu entstandenen Homebrew-Shops inzwischen tatkräftige Unterstützung an. Brian Schlede vom Hamburger Braumarkt erläutert, was für ihn dabei wichtig ist: „Wir müssen als Anbieter heute in der Lage sein, den Newcomer vom ersten Brauversuch bis hin zu eigenen kommerziellen Suden in jeder Phase abholen und begleiten zu können.“